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Trump demonstriert Stärke, Clinton lächelt Angriffe weg

Marcus Knill

teaserbreit

Der Medienhype in dieser Nacht, mit der ersten TV-Debatte zwischen Donald Trump und Hillary Clinton, wurde zu einem Entertainment-Highlight.

Davor hielt Trump die Welt während Monaten in Atem, brachte er es doch fertig, den Gleichstand mit der Favoritin zu erzwingen. 

Ich legte den Fokus beim Betrachten des Duells auf folgende Schwerpunkte:

  • Wer überzeugt mehr? 

  • Wer wirkt glaubwürdiger?

  • Gibt es Überraschungen?


Trump ist und bleibt Trump. Seine neue Strategie, sich beim Duell zu disziplinieren, schimmerte am Anfang deutlich durch: Der republikanische Kandidat gab sich ein wenig «präsidiabler». Das heisst, er wollte vielleicht seiner künftigen Rolle als Oberbefehlshaber gerechter werden.

Doch blieb er während der Debatte nach wie vor seinem bisherigen Verhalten treu. Er lehnt angeblich jegliche Beratung ab:

  • Trump wirkte selbstverliebt wie eh und je. Das heisst: egozentrisch mit starker «Ich-Fokussierung» («Ich werde... Ich...»)

  • Trump glaubt bestimmt das, was er sagt (bei Überzeugungsprozessen ist dies ein wichtiger Punkt).

  • Er spielte wie in früheren Auftritten mit den Ängsten der Bevölkerung.

  • Als Populist kennt er die Sorgen und Nöte des Volkes und verspricht mit seiner Wahl eine bessere Zukunft.



Auch Clinton bleibt Clinton, obwohl sie intensiv gecoacht wurde und sie offensichtlich versuchte, sich nicht provozieren zu lassen. Mit persönlichen Geschichten (vom Vater usw.) versuchte sie Sympathiepunkte zu holen. Vermutlich forderten ihre Berater, bei diesem wichtigen Duell mehr Gefühle und Emotionen zu zeigen. Ich habe erfahren, dass Clinton mit einem Sparringpartner trainiert wurde (dieser musste Trump simulieren), um sich von ihm nicht irritieren zu lassen.

Trotz ihrer grossen politischen Erfahrung, trotz ihrer Intelligenz und trotz ihres grossen Faktenwissens wirkte sie am Bildschirm nach wie vor:

  • zu kalt, zu streng, zu künstlich

  • Obschon sie viel gefasster kommunizierte als bei früheren Auftritten, empfand ich Clinton als unnahbar (das könnte auch ein Voruteil von mir sein, weil ich zahlreiche alte Auftritte von ihr gesehen habe).

  • Noch immer mangelt es ihr an Empathie.

  • Ihr exaltiertes Verhalten schimmerte erst wieder bei der Rede und Gegenrede (Ton, Gestik, Blick) durch. 

  • Dass viele Hillary Clinton – mit ihrem unnahbaren Verhalten – nicht vertrauen, ist nachvollziehbar.

  • Während Trump glaubt, er sei schon Präsident, empfindet man bei Clinton eher ein verbissenes, krampfhaftes Bemühen, an die Macht zu gelangen. Trotz dieses ehrgeizigen Strebens mangelt es Clinton vor allem an der Authentizität.

  • Ihr Verhalten wirkt leider einstudiert und damit zu künstlich.


Was mir rhetorisch aufgefallen ist:

  • Trump macht recht kurze Sätze. («Das ist alles Geschwätz. Ich habe... Ich habe...»)

  • Er weiss, wie man vereinfachen muss.

  • Clinton formuliert ihre Sätze im Durchschnitt anderthalb Mal so lang wie Trump.

  • Bei Angriffen wehrt sich Trump mit Gegenfragen. Clinton gelingt es, Trump in Widersprüche zu verwickeln.

Eines haben aber beide Kontrahenten gemeinsam:

  • Sie polarisieren bei allen Auftritten.

  • Die Amerikaner können nur noch zwischen Pest und Cholera entscheiden.

  • Viele werden Clinton nur wählen, um Trump zu verhindern und Trump erhält zahlreiche Stimmen, nur damit die Clinton nicht gewählt wird.

Es ist erstaunlich: Beide, Donald Trump und Hillary Clinton, nehmen es bekanntlich mit der Wahrheit nicht so genau. Doch steht in der Öffentlichkeit meist Clinton als Lügnerin da, während die effektiven Lügen Trumps bei einem grossen Bevölkerungkreis erstaunlicherweise nicht als gravierend empfunden werden.

Es gibt Kinesik-Spezialisten (Analytiker der Körpersprache), die aufgrund einzelner Feststellungen bereits die ganze Persönlichkeit beurteilen. Trump nutzt beispielsweise recht oft den Zeigefinger als Rotstift oder die Hand mit dem Zeigefinger als «Pistole». Ich kenne zudem Analytiker, die aus einer Geste bereits auf die Gesamtpersönlichkeit schliessen: «Dieser Politiker ist ein Besserwisser oder er ist sehr aggressiv.» Das könnte zwar als Teilwahrheit zutreffen. Doch ist und bleibt so eine Feststellung nur eine Teilerkenntnis, so wie man aus Clintons unstetem Blick nicht ableiten dürfte, diese Frau stehe generell unter Druck.

Wir müssen Personen stets ganzheitlich beurteilen. Ich bin sicher, dass viele Zuschaer während des Duells intuitiv gemerkt haben, wo etwas «faul» ist.  Konsumenten haben eine bessere Wahrnehmung als angenommen wird.

Während der Debatte hatte ich ein paar Minuten das Fernsehgerät auf stumm geschaltet. So liessen sich besondere Verhaltensweisen bewusst machen. Menschen sprechen bekanntlich nicht nur mit der Stimme. Die Kleider- und die Augensprache beeinflusst die Wirkung enorm. Wir alle sprechen auch mit unserer Mimik und Gestik. Der Blick ist die Nabelschnur der Kommunikation. Clinton blickt beim Sprechen meist unruhig ins Leere, ohne länger bei einem Du zu ankern. Bei Trump fällt auf: Er kneift meist die Augen zusammen.

Nachfolgend ein paar Beobachtungen, die mir während des Duells aufgefallen sind:

  • Clinton erschien in leuchtendem Rot – Die Farbe des Feuers, des Blutes, der Emotionen.

  • Trump wählte einen klassischen dunklen Dress, trug ein weisses Hemd mit einer leuchtend blauen Kravatte.

  • Erstmals durfte sich Trumps Frisur zeigen lassen.

Bei der Gestik konnte beobachtet werden, dass Trump am Anfang mit offenen Händen sprach, aber nach und nach wieder mit dem obligaten Zeigefinger und den schneidenden Handflächen sprach. Trump gestikuliert oft ruckartig. Clinton setzte am Anfang die Gestik ruhiger ein – wie einstudiert. Meist mit symmetrischen Ausgriffen. Im zweiten Teil – vor allem bei Angriffen Trumps – vergass sie die Tipps der Berater und die Gestik war dann viel  natürlicher.

Wenn Hillary Clinton angegriffen wurde, versuchte sie, den Angriff wegzulächeln. Dies wird ihr möglicherweise von Kommentatoren positiv ausgelegt. Persönlich finde ich es jedoch fragwürdig, wenn Mimik und innere Stimmung nicht übereinstimmen.



Mein Fazit:

  • Das Phänomen Trump basiert auf dem Effekt, dass jemand, der an etwas voll und ganz glaubt, andere überzeugen kann.

  • Das Problem bei der intelligenten Clinton basiert auf der Erkenntnis, dass jemand, der einstudiert und verbissen kommuniziert, sich enorm schadet.

  • Ich habe festgestellt, dass sich bei Kommunikationsprozessen vor allem die Einstellung des Senders auf die Empfänger überträgt.

  • Wer überzeugt ist von dem, was er spricht, kann sich sogar Fehler leisten. Wer dies erkannt hat, kann Medienauftritte wesentlich vereinfachen. Aber eben: Das Einfache ist leider für viele nicht einfach.
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Kommentare

  • Agnès Laube, 28.09.2016 08:18 Uhr
    «Ich habe festgestellt, dass sich beim Kommunikationsprozess vor allem die Einstellung des Senders auf die Empfänger überträgt.» – Bei allem Respekt: Es gibt keine Medientheorie, die diese Aussage belegt. Das ist eine Behauptung, die auf dem veralteten Sender-Empfänger-Modell basiert. Dass der Empfänger die Botschaft mitbestimmt, wird in diesem Text sehr schön deutlich. Das ist keine Analyse, sondern strotzt vor Vorurteilen bzw. die Einstellung von Herrn Knill wird deutlich. Leider vermittelt er nichts Neues, sondern nimmt auf, was in den Medien gebetsmühlenartig über die beiden Kandidaten geschrieben wird. Ich fand, dass Clinton ruhig, klug, intelligent und sympathisch rüberkam. Und dies obwohl ich ihr gegenüber mehr als kritisch eingestellt bin. Und Trumps Frisur ist und bleibt lächerlich. Aus meiner Perspektive wirkt er verbissen, fahrig und inhaltlich schlecht vorbereitet. Er ist Geschäftsmann, spricht andauernd von Geld, von Politik hat er wenig Ahnung. Er ist – wie Knill sagt – der Typ Mann, der so vollkommen von sich überzeugt ist, dass ihm jeder Funke Selbstreflexion fehlt. Das ist ein Auslaufmodell.
  • Agnès Laube, 28.09.2016 22:10 Uhr
    Sehr interessant, Pierre Rothschild. Kluge Frauen debattieren mit einem Mann. Aber sehen Sie sich mal diese Frauen genauer an: alle dünn, Modelfiguren, extrem starkt geschminkt. Unnatürliche Barbiepuppen. Muss man in den USA als Journalistin so aussehen? In Europa sieht man das allenfalls im Berlusconi-TV. In der Schweiz würden diese Damen sehr 'nuttig' wirken. Was das aussagt? Vielleicht wenig. Oder viel über einen vollkommen chauvinistischen Staat..?
  • Pierre Rothschild, 29.09.2016 13:28 Uhr
    Ja, liebe Agnès. So wie die Journalisten hier an Pressekonferenzen kommen, kann man oft in den USA, Lateinamerika und Asien nur den Keller räumen. Und vor der Kamera gilt: alles muss stimmen. Aber es gibt doch Ausnahmen: Christinae Amanpour, Greta von Susteren, auch Barbara Walters war kein Model. Aber der Trend, ganz klar, geht in Asien, den USA und Lateiamerika zum guten Look. Die Damen sind auch teilweise in Millionenhöe bezahlt.

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