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Wo bleibt die Lust an der Debatte?

Felix Müller

Wer heute über den Journalismus reflektiert, läuft Gefahr, dass er sehr schnell über die ökonomische Krise der Branche zu reden beginnt. Dies könnte dann rasch etwa in die Vermutung münden, Schweizer Verleger dürften in nicht zu ferner Zukunft ihre Branchentreffen vielleicht bei Amazon in Seattle durchführen – denn Jeff Bezos ist vielleicht der Zeitungsverträger der Zukunft für die Inhalte, die dann noch in Zürich und an wenigen anderen Orten erstellt werden, und die helvetischen Verlage «subcontractors» der amerikanischen Handelsplattform für alles. Aber interessanter ist ja die Beobachtung der Gegenbewegung zur wirtschaftlichen Niedergangsstory: Was Journalisten produzieren, ist auf dem Markt gefragter denn je, die Auslieferung der Ware permanent und chaotisch. Welcher Unterschied zum Medienmarkt Anfang der Siebzigerjahre, der noch so geordnet war wie die Zeughäuser unter Bundesrat Rudolf Gnägi! Politik und Behörden regulierten den Informationsfluss nach ihrem Ermessen, die Wirtschaft war an Publizität wenig interessiert, und die Medien spielten weitgehend mit. Eine originelle Zeitung wie der «Züri Leu», wo ich meine erste Anstellung fand, galt als Störenfried, der unnötige Aufregung in diese geordneten Verhältnisse brachte. Sie wurde deswegen bekämpft, gerade weil sie auf ein wachsendes Echo stiess, und schliesslich aus dem Markt gedrängt: Tamedia kaufte das Blatt und stellte es ein, die Angestellten wurden ohne jeden Sozialplan kurzerhand auf die Strasse gestellt.

Seither ist der Journalismus enorm kompetitiv geworden, und der Journalist muss heute kaltblütig schneller oder intelligent langsamer sein als vor vierzig Jahren. Generell ist die Informationsleistung der Medien besser geworden, was aber nicht zwingend gleichbedeutend ist mit Informationstiefe. Diese gewandelten Anforderungen, kombiniert mit den wirtschaftlichen Perspektiven der Medienbranche, führen in letzter Zeit zu einer spürbaren Verknappung bei den Talenten, die diesen Beruf noch ergreifen. Stellte ich in den Achtzigerjahren noch vorwiegend Studienabbrecher ein, die nach einigen Jahren der mit der Perfektionierung ihres Kartenspiels verbrachten Unisemester in die Medienbranche wechselten, bewerben sich heute nur noch bestens ausgebildete Kandidaten, denen allerdings an den Kommunikationshochschulen auch die Originalität ein Stück weit abgewöhnt wurde. Die digitalen Medien wiederum bringen kaum Autoren hervor, sondern allenfalls Blogger oder Influencer, was nicht das Gleiche ist. So ist die Medienszene überraschungsärmer, gleichzeitig aber auch unübersichtlicher und chaotischer geworden. Die klassischen Häuser operieren im Durchhaltemodus, dafür haben sich die Kanäle und Plattformen multipliziert, auf denen das heiss begehrte Angebot Information die Abnehmer erreicht.

Eine Folge dieser Entwicklungen ist der schleichende Tod einer schweizerischen Öffentlichkeit. Wer die Medienlandschaft aufmerksam beobachtet, wird feststellen, dass die Fähigkeit oder der Wille zu einer allgemeinen und verbindlichen Debatte schleichend abnimmt. Das gegenseitige Aufgreifen von Themen lässt nach, die kritische Auseinandersetzung mit Geschichten der Konkurrenz schwindet, die Frage, was das Land wirklich beschäftigt, ist immer schwieriger zu beantworten. Jedes Medium zieht sein Ding durch, die Montagsausgaben bringen weitgehend Stehsatz der Vorwoche, aus dem Ausland eingekaufte Beiträge sind vom Standort Schweiz aus gesehen Hors-sol-Produkte. Niemand vermag noch den Überblick über die zahllosen Onlinemedien oder Social-Media-Kanäle zu behalten, zumal im Schnelldurchlauf der News unablässig Dinge aufpoppen und wieder verschwinden. Und das Schweizer Fernsehen lädt Verschwörungstheoretiker oder AfD-Politiker in seine Sendungen, woraus ja wohl auch kaum ein staatsbürgerlicher Diskurs resultiert. In einer Zeit, in der alle Medien nur noch ihr Ding durchziehen, ist deren Funktion als Dorfplatz, als intellektueller Begegnungsort, als Ideenbörse, als Arena für von allen beobachtete Schlagabtäusche am Verschwinden. Hier droht ein politischer und gesellschaftlicher Schaden, der für ein Land wie die Schweiz besorgniserregend ist.

Felix E. Müller ist seit 15 Jahren Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Ende September geht er in Pension.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Max Müller, 13.09.2017 12:45 Uhr
    "Und das Schweizer Fernsehen lädt Verschwörungstheoretiker oder AfD-Politiker in seine Sendungen, woraus ja wohl auch kaum ein staatsbürgerlicher Diskurs resultiert." Stimmt, ein staatsbürgerlicher Diskurs ist nur mit Regimetreuen möglich. Oppositionelle stören da nur.

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