BLOG

Zensur und Schreibverbot bei Journal21

René Zeyer

 

Seit vier Jahren existiert die Internetzeitung Journal21. Ein Projekt des ehemaligen "Tagesschau"-Chefs Heiner Hug, der mit Herzblut und auch finanziellem Engagement eine Schar von zumeist altgedienten Journalisten um sich versammelt hat, die das Schreiben und Aufklären nicht lassen können, dafür aber zunehmend in den sich zu Tode sparenden Medien keinen Platz mehr finden.

Der Altmeister der Berichterstattung über die arabische und islamische Welt Arnold Hottinger, der Kulturkenner Alex Bänninger, der Historiker Urs Bitterli, der Reporter Armin Wertz und viele mehr schreiben mit Lust und Laune, sowie gratis. Eine kleine Oase in der Wüste des immer oberflächlicher werdenden Schnellfutterjournalismus. Auch ich habe in den vergangenen Jahren viele Artikel auf Journal21 veröffentlicht. Da ich ein Anhänger des offenen Wortes bin und auch nicht davor zurückschrecke, Banken und anderen mächtigen Institutionen an den Karren zu fahren, gab es gelegentlich Anlass zu rechtlichen Bedenken im Redaktionsteam von Journal21, aber niemals Probleme.

Nun begab es sich, dass einer unserer Mitautoren eine Polemik veröffentlichte, die nach meiner Überzeugung die Grenzen des Erlaubten überschritt. Kritik darf fast alles, aber insbesondere nicht: den Gegner persönlich verächtlich machen, Nazi-Jargon verwenden oder antidemokratisch sein. Der alt Botschafter und Lehrbeauftragte für "Handlungskompetenz" an der Uni St. Gallen, Daniel Woker, durfte indessen ungefiltert auf Journal21 alt Bundesrat Blocher als "Grossmaul aus Herrliberg" beschimpfen, der sich "mit seinen gleichgeschalteten Kohorten" in Form der Masseneinwanderungsinitiative "eine Mehrheit gekauft" habe, die SVP insgesamt vertrete "teilweise faschistoides Gedankengut" und "bedient sich entsprechender Methoden", dabei "angeführt von einem einzigen Rattenfänger von Herrliberg".

Das geht nicht. "Gleichschaltung" stammt bekanntlich aus dem Nazi-Vokabular, umso aberwitziger, dass jemand, der angeblich faschistoide Methoden kritisiert, es ausgerechnet mit diesem Wort tut. Die Behauptung, dass jemand eine demokratische Abstimmung "gekauft" und sich die Mehrheit der Stimmbürger "getäuscht" habe, ist antidemokratisch und verlässt damit den Rahmen des vernünftigen Diskurses. Einen politischen Gegner als "Grossmaul" und "Rattenfänger" zu verunglimpfen, ist mehr als bloss unanständig.

Soweit der normale Wahnsinn, jemand vergreift sich grob im Ton und in den Worten, die selbsternannte Plattform für journalistischen Mehrwert veröffentlicht diese Invektiven, die auch den sonstigen Inhalt des Beitrags nicht zu retten vermögen. Nicht zuletzt, weil ich auch zum Autorenteam gehöre, wollte ich replizieren. Mein Kommentar wurde abgelehnt, er "verzerrt die Position von Woker". Das ist stossend, aber wäre an sich weiter kein Anlass zu grosser Entrüstung. Nun begab es sich traurigerweise ebenfalls, dass kürzlich der Jahrhundertfotograf René Burri starb. Nicht zuletzt, weil wir uns kannten und ich ihn bewundere, bot ich Journal21 einen Nachruf an. Der wurde auch nicht veröffentlicht, stattdessen bekam ich ein längeres Mail von Heiner Hug. Ich "störe" schon seit Längerem die sonst herrschende "Einvernehmlichkeit", die Publikation der Schmähkritik von Woker sei zwar im Nachhinein betrachtet "ein Fehler" gewesen, aber ich hätte ihn in meiner Replik "denunziert", "persönlich angegriffen", das sei "illoyal". Und überhaupt, man habe vernommen, dass ich möglicherweise meine Replik auf Woker anderweitig veröffentlichen wolle (was die "Weltwoche" dann auch tat), gar mit "einer Referenz zu unserem Journal". Das ginge dann im Fall gar nicht, und bevor ich mich zu dieser inquisitorischen Frage erkläre, könne man keine weiteren Artikel von mir veröffentlichen.

Man wollte also von mir wissen, was ich mit einem abgelehnten Kommentar zu tun gedenke, und bevor ich da nicht gestehe oder bestreite, erweiterte man die Zensur auf einen Nachruf auf Burri, der nun wirklich nichts mit diesem Kleinkrach zu tun hat. Das ist aschgrau, miefig und hat mit dem Anspruch, journalistischen Mehrwert zu liefern, nichts zu tun.

Es ist Zensur, und es ist unerträglich. In der Tiefebene der Schweizer Medienlandschaft herrscht ein kuscheliger Konsens, dass selbst unanständige Rüpeleien gegen einen einflussreichen Politiker und reichen Unternehmer sowie gegen seine Partei, immerhin die stimmstärkste der Schweiz, mit klammheimlicher Freude akzeptiert werden. Während bei ähnlichen Fehltritten dieser Partei und ihrer Exponenten sofort die Sprachpolizei einschreitet, Alarm schreit und den Untergang aller Sitten in der politischen Auseinandersetzung wortmächtig beklagt.

Es ist absurd, dass ein Kritiker von angeblich faschistoiden Methoden selber angebräuntes Vokabular unzensiert verwenden darf, eine schon aus hygienischen Gründen unabdingbare Replik aber zurückgewiesen wird und die Vermutung, sie könne anderweitig erscheinen, für ein präventives und generelles Schreibverbot ausreicht.

Wer etwas publiziert, hat eine Mitverantwortung für den Inhalt. Das gilt für alle Medien, das gilt auch für Journal21. Dass dort der offensichtlich vorhandene Grundkonsens bedient wird, dass der Mensch Blocher, seine Partei und seine politischen Ziele der Schweiz furchtbar schaden könnten und deshalb in der Gegenwehr alles erlaubt sei, ist erbärmlich.

Ich hätte den Knatsch gerne intern ausgetragen, wurde aber aus der wöchentlichen Telefonkonferenz des "Leitungsteams", an der ich seit Jahren teilnehme, rausgekübelt: "Wir wollen über dich reden, aber ehrlich gesagt ohne dich." Danach teilte man mir knapp mit, mein Verhalten sei "unkollegial", daher werde man "bis Ende Januar 2015 keine Berichte" von mir aufschalten. Dann könne ich mich mal wieder melden. Das ist so peinlich, dass fremdschämen einen durchschüttelt.

Dass man mich als Störfaktor bei dieser angeblichen "Einvernehmlichkeit" eliminiert, ist bedauerlich für mich, weil mir damit eine Plattform entzogen wird. Es ist aber ein Armutszeugnis für Journal21 und mehr als bedauerlich für alle, die dort faute de mieux weiterhin publizieren wollen. Aber Trost liegt im guten Satz: lieber alleine als in unkollegialer Gesellschaft.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Die neuesten Blogs

27.04.2017 - Christoph Engl

Werbung alleine macht noch keine gute Sommersaison

Werbung ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Auf die Angebote dahinter kommt es an.

Zum Seitenanfang