03.05.2018

Rohstoff Daten

Wenn jeder Bürger seine Daten verkaufen könnte

Wie können Schweizerinnen und Schweizer die Kontrolle über ihre Daten zurückerhalten? Ein Modell hat Tech-Visionär Dirk Helbing letzte Woche an der ETH in Zürich präsentiert. Danach könnten deutlich mehr Start-ups und KMU von den Daten der Leute profitieren.
Rohstoff Daten: Wenn jeder Bürger seine Daten verkaufen könnte
Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich. In öffentlichen Auftritten warnt er vor einer Erosion der Demokratie, weil sich in der digitalisierten Welt immer mehr Macht zu den Daten und Algorithmen verschiebt. (Bild: Jannick Timm)
von Edith Hollenstein

Die Datenaffäre um Facebook und Cambridge Analytica lässt auch in der Schweiz den Ruf nach einer nutzerbestimmteren Datenverwaltung lauter werden. Es sind nicht nur Konsumentenschützer: Auch Politiker fordern, dass die Daten nicht den Internetgiganten gehören sollen, sondern den Bürgerinnen und Bürgern. So sogar SVP-Bundesrat Ueli Maurer. «Jeder Bürger soll sein eigener Datenbesitzer sein», sagt er in einem Interview im aktuellen «persönlich»-Magazin (persoenlich.com berichtete). Wie könnte das funktionieren? Ein konkretes Modell zur Daten-Selbstverwaltung hat Tech-Visionär Dirk Helbing letzte Woche in Zürich vorgestellt.

Berichte über Datennutzung 

Dadurch würden alle Daten über Personen, die gesammelt werden, in eine persönliche Daten-Inbox gesendet. Dabei könnten Firmen nur diejenigen Daten verwenden, bei denen der Nutzer ausdrücklich zugestimmt hat. «Idealerweise sollte eine öffentliche Plattform entstehen, wo Nutzer bestimmen können, welche Daten in welchem Zeitraum zu welchen Zwecken verwendet werden. Digitale Assistenten, basierend auf künstlicher Intelligenz helfen den Leuten, ihre persönlichen Daten zu organisieren», sagte Helbing in seinem Vortrag vom 24. April auf Einladung des IAA Swiss Young Professionals. 

Dem ETH-Professor schwebt vor, dass es Behörden und Wissenschaftlern erlaubt sein soll, diese Daten zu statistischen Zwecken auszuwerten. Wesentlich dabei sei, dass alle Datennutzungen, ob nun zu wissenschaftlichen- oder Marketingzwecken, transparent an die Daten-Inbox berichtet würden.

Firmen müssten buhlen

Ein solches Modell könnte den Bürgerinnen und Bürgern die Kontrolle über ihre Spuren, die sie mit jeder Minute Internetnutzung hinterlassen, zurückgeben. Firmen auf der anderen Seite müssten um das Vertrauen der Nutzer buhlen. Nur wenn sie vertrauenswürdig agierten, würden sich Leute dafür entscheiden, ihnen Zugang zu ihren Daten zu geben, so Helbing.

Er vergleicht den persönlichen Computer oder das Smartphone mit dem Regal in einem Warenhaus. Ähnlich wie analoge Verkaufsflächen gemietet werden, sollten Firmen auch für die digitale Verkaufsfläche auf den individuellen Geräten der Bürger bezahlen. Nämlich dafür, dass sie die Fläche mit der grossen Aufmerksamkeit für bestimmte Zeit besetzen können. So könnte jede Schweizerin und jeder Schweizer entscheiden, welcher Firma und zu welchem Preis er oder sie die persönlichen Daten verkauft. Das brächte höhere Transparenz. 

Helbing glaubt, dass mit seiner Datenmailbox-Lösung wesentlich mehr Firmen, auch KMU und Start-ups, von den Daten profitieren könnten. «Es würde ein dynamisches Informations- und Innovationsökosystem entstehen. Jene Firmen, die neue Daten einspeisen, würden einen proportionalen Anteil an der erwirtschafteten Datenrendite erhalten», so der ETH-Professor.

Systeme von Geheimdiensten

In seinem Vortrag streifte Helbing die E-ID, die gemeinsame Firma von Bund, SBB, Post, Swisscom, Mobiliar, Credit Suisse, UBS, Raiffeisen, ZKB und Six, die eine einheitliche elektronische ID für alle Bürgerinnen erstellen soll, sodass sich diese auf unterschiedlichen Portalen mit dem selben Passwort einloggen können (persoenlich.com berichtete).

Dieses Projekt könnte laut Helbing ein Beitrag sein. «Aber letztlich stelle ich mir vor, dass alle Firmen und alle Institutionen, die persönliche Daten erzeugen, die Daten dort einspeisen», erklärt Helbing im Anschluss seines Referates gegenüber persoenlich.com.

Das sei nötig. Und, so Helbing weiter: «Ich bin auch der Meinung, dass es solche Systeme bereits gibt, aber sie werden bisher wohl überwiegend von Geheimdiensten genutzt. Ich bin hier für mehr Transparenz und die Erschliessung des Potenzials der Daten, damit unsere Gesellschaft die Zukunftsherausforderungen besser bewältigen kann».



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Kommentare

  • Manfred Strobl, 03.05.2018 14:11 Uhr
    Guter Ansatz. Wird bereits in Angriff genommen von liberdy.io - einem StartUp in Tel Aviv.
  • Christoph Glauser, 03.05.2018 15:32 Uhr
    Ja, und von ArgYou.com in der Schweiz mit neutralen, validen, anonymisierten Wirkungsdaten zur Nachfrage im Internet auf sämtlichen Kanälen. Ganz so leicht wie's geschildert wird, idt die Sache nicht. Man hat es immer auch mit kritischer Masse zu tun und das können meistens nur die Grossen.

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