21.05.2018

Todesfall

«Ein grosses Herz schlägt nicht mehr»

Der Seelsorger Ernst Sieber ist mit 91 Jahren verstorben. Politik und Kirche würdigen den Obdachlosen-Pfarrer.
Todesfall: «Ein grosses Herz schlägt nicht mehr»
Ist am Samstag friedlich eingeschlafen: Pfarrer Sieber. (Bild: Keystone /Pascal Bloch)

Nach dem Tod des Zürcher Seelsorgers Ernst Sieber haben Politiker und Kirchenvertreter den Obdachlosen-Pfarrer in sozialen Medien gewürdigt und ihm ihren Dank ausgesprochen. Er habe vielen Menschen das Leben gerettet, schrieb die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch. Mauch hielt auf ihrer Facebook-Seite am Sonntagabend fest, Pfarrer Sieber habe unzähligen Zürcherinnen und Zürchern geholfen. «Vielen von ihnen hat er gar das Leben gerettet.» Er habe sich immer für die weniger Privilegierten in der Gesellschaft eingesetzt. Seine nicht zu übertreffende Menschenliebe sei eindrücklich gewesen und werde der Stadt Zürich fehlen.

Auch die Zürcher Regierungsrätin und Direktorin der Justiz und des Innern, Jacqueline Fehr, bekundete auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ihre Trauer und ihren Dank: «Ein grosses Herz schlägt nicht mehr. Pfarrer Sieber war die personifizierte Mahnung, dass wir uns in unserer Menschlichkeit im Hier und Jetzt bewähren müssen.»

«Gelebte Frohe Botschaft»

Die Katholische Kirche des Kantons Zürich würdigte den Reformierten Sieber als Menschen, der ein feines Gespür dafür gehabt habe, was Obdachlose und Notleidende am Dringendsten bräuchten: «Einen Ort, wo temperaturmässig und menschlich Wärme geschenkt wird. Dein Wirken war überzeugend gelebte Frohe Botschaft!"», hiesst es auf dem Twitter-Account der Kirche.

Der katholische Einsiedler Abt Urban Federer meinte auf Twitter: «Danke für jeden Einsatz für Menschen in Not!» Unzählige Bürger zollten in Äusserungen in den sozialen Medien Respekt vor dem Engagement Siebers. Einige forderten die Errichtung eines Denkmals oder etwa die Benennung einer Strasse nach dem bekannten Seelsorger.

Der evangelisch-reformierte Zürcher Pfarrer Ernst Sieber war am Samstag im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich als Seelsorger, EVP-Nationalrat (1991 bis 1995) und als Kopf seines Sozialwerks für Obdachlose, Randständige und Süchtige eingesetzt. Dessen Lieblingsprojekt war der «Pfuusbus», ein alter Sattelschlepper, der im Winter 40 Schlafplätze für Obdachlose bietet.

Sieber war als Pfarrer in Uitikon-Waldegg und in der Kirchgemeinde Zürich-Altstetten tätig. Kritisch begegnete er einer Sozialhilfe, die aus der Ferne Bedürftige «verwaltet». Lieber nahm er seine Schützlinge selber bei der Hand. «Sozialarbeit bedeutet, das zu teilen, was man hat», pflegte er zu sagen.

Vom Knecht zum Pfarrer

Sieber wurde 1927 in Horgen ZH geboren. Nach Erfahrungen als Bauernknecht in der Westschweiz studierte er in den 1950er-Jahren an der Uni Zürich Theologie. Nach einem Einsatz als Vikar in den Slums von Paris übernahm er 1956 für zehn Jahre die Pfarrei in Uitikon-Waldegg ZH und war von 1967 bis zur Pensionierung 1992 Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde Zürich-Altstetten.

In den frühen 1960er-Jahren begründete Sieber sein Image als Obdachlosenpfarrer. Im Zürcher «Seegfrörni»-Winter 1963 scharte er erstmals im grossen Stil Obdachlose um sich und erhielt dafür von der Stadt Zürich den Bunker am Helvetiaplatz. Über die Jahre entstanden diverse Einrichtungen für Randständige. Erst 1988 erhielten die verschiedenen Anlauf- und Beratungsstellen mit der Gründung der «Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber» ein gemeinsames Dach.

200 Angestellte und 20-Millionen-Budget

Die rasant wachsenden Institutionen mit gegen 20 verschiedenen Stationen in der ganzen Schweiz und rund 200 Angestellten gerieten 1995 in ein schiefes Licht. Im Zentrum standen Vorwürfe zum Umgang mit Spendengeldern, die jedoch von einer unabhängigen Kommission ausgeräumt wurden. Die als Familienbetrieb geführten Werke mit einem Jahresbudget von rund 20 Millionen Franken wurden danach breiter abgestützt.

Eine wichtige Rolle in Siebers Leben und Werk spielte seine Frau Sonja, mit der er acht Kinder grosszog. Für die Familie und sein Hobby, die Malerei, hatte er in den letzten Jahren vor seinem Tod etwas mehr Zeit. Damit neben Familie und Weggefährten auch die Öffentlichkeit von Pfarrer Sieber Abschied nehmen kann, soll eine Erinnerungsfeier stattfinden. Wie die Sozialwerke in einer Mitteilung schreiben, standen Zeitpunkt und Ort an Pfingsten noch nicht fest. (sda/wid)



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Kommentare

  • Norbert Raabe, 21.05.2018 15:18 Uhr
    Respekt ohne Grenzen – für einen Mann, der nie so viel geben konnte, wie er wollte. In Zeiten, wo viele, die mehr als genug haben, den Hals nicht voll bekommen. 1000 Dank für Ihr Beispiel, lieber Pfarrer Sieber! Norbert Johann Raabe
  • Norbert Raabe, 21.05.2018 15:24 Uhr
    ... und noch ein Vorschlag für die Stadt Zürich: Warum nicht von nun an jedes Jahr eine kleine, bescheidene Medaille in Erinnerung an das Lebenswerk des Pfarrrers verleihen? Vielleicht den "Sieberling"? Für Leute, die im Stillen helfen, ohne grossen Applaus? Ich bin sicher, das würde ihm gefallen... Was meinen Sie, Frau Mauch?

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