08.08.2017

Michèle Binswanger

«Frauen waren schon immer geschickter im Fremdgehen»

Die Journalistin Michèle Binswanger hat ein Handbuch zum Fremdgehen für Frauen geschrieben. Im Interview spricht die Autorin über das Schlüsselerlebnis, welches zum Buch geführt hat. Zudem sagt sie, weshalb auch Männer sich dafür interessieren sollten.
Michèle Binswanger: «Frauen waren schon immer geschickter im Fremdgehen»
Schreibt heute für den «Tages-Anzeiger» im Ressort Hintergrund und Analyse: Michèle Binswanger. (Bild: Lukas Maeder)
von Matthias Ackeret

Frau Binswanger, Sie haben soeben ein Buch unter dem Titel «Fremdgehen – Ein Handbuch für Frauen» (Ullstein) veröffentlicht. Wie kamen Sie auf das Thema?
Ich führe seit zwanzig Jahren Beziehungen und dabei ging es immer wieder auch um die Themen Treue, Fremdgehen und Eifersucht. Besonders aktuell wurde das Thema auch in meinem Freundeskreis, nachdem alle Kinder bekommen hatten – und man sich dann fragte: Ist es das jetzt? Werde ich nie mehr eine sexuelle Beziehung zu jemand anderem führen können, als zum Vater meiner Kinder? Gerade Frauen unter der Doppelbelastung Familie und Erwerbsarbeit haben irgendwann das Bedürfnis auszubrechen. Und viele fragten sich, ob es nicht Alternativen zum Ideal einer monogamen Partnerschaft gibt.

Gab es ein Schlüsselerlebnis für das Buch?
Vielleicht war das der Artikel «Die Monogamie-Lüge», den ich vor fünf Jahren für die «Zeit» schrieb. Das war wohl der meistgelesene und meistgeteilte Artikel in meiner ganzen Journalistenkarriere – und heute noch bekomme ich regelmässig Zuschriften darauf. Diese Reaktionen zeigten mir, dass es ein riesiges Bedürfnis gibt, über diese Themen zu lesen. Und zwar nicht, indem man über Polyamorie und über offene Beziehungen als Ideal schreibt. Sondern darüber, dass zwar alle den Wunsch nach einer monogamen Beziehung haben, aber viele dann trotzdem daran scheitern.

Wieviel Binswanger steckt in diesem Buch?
In besagtem «Zeit»-Artikel berichtete ich von meinen persönlichen Erfahrungen. Diesmal wollte ich andere Frauen zu Wort kommen lassen. Ich habe viele Interviews geführt mit Fremdgeherinnen, Sexologinnen und Paartherapeuten und ich habe nach Beispielen für prominente Fremdgeherinnen gesucht. Was übrigens gar nicht so einfach war, weil Frauen immer schon viel geschickter im Fremdgehen waren, so dass ihre Seitensprünge weniger bekannt wurden.

Ihr Buch richtet sich explizit an Frauen. Warum schliessen sie die Männer als Leser aus?
Als Leser schliesse ich die Männer keineswegs aus. Schliesslich sollten die sich auch dafür interessieren, warum und wie ihre Partnerinnen fremdgehen und wie sie das anstellen. Aber Männer und ihre Sexualität haben sich im Laufe der Geschichte in Kunst, Kultur und nicht zuletzt in der Internetpornographie gut sichtbar und unmissverständlich niedergeschlagen. Die weibliche Sexualität ist bis heute ein Mysterium – auch für viele Frauen. Und die Ansprüche haben sich seit der Frauenbewegung auch sehr verändert. Früher hatten die Frauen kaum einen Anspruch auf sexuelle Erfüllung. Heute ist das viel wichtiger geworden.

Warum müssen Frauen dieses Buch lesen?
Weil sie darin etwas darüber erfahren, wie es anderen Frauen mit diesem Thema geht und weil sie etwas über das weibliche Begehren erfahren. Denn tatsächlich bewegt das Thema auch viele Frauen und Mütter. Anders als früher haben Frauen heute mannigfaltige Möglichkeiten, sich eine Affäre zu organisieren – und entsprechend tun sie das auch. Weil aber gerade Frauen mit moralischer Missbilligung darauf reagieren – viel stärker als Männer übrigens – bleiben sie mit ihren Erfahrungen, den widersprüchlichen Gefühlen und Fragen dazu oft alleine. In meinem Buch erfahren sie, wie es anderen damit ergeht und dass sie sich nicht zu schämen brauchen.

Sie schreiben «Frauen gehen anders fremd als Männer». Ganz naiv gefragt, ist fremdgehen nicht einfach fremdgehen?
Man könnte auch fragen: Sind Menschen nicht einfach Menschen? Doch natürlich. Trotzdem gibt es Unterschiede, auch zwischen den Geschlechtern als Gruppe. Und obschon es immer heikel ist, pauschal von den Männern und den Frauen zu sprechen, gibt es doch ganz spezifische Unterschiede. Eben zum Beispiel in der Sexualität und wie diese gesellschaftlich bewertet wird.

Ist eine Beziehung mit fremdgehen überhaupt möglich?
Das können wohl nur die Beteiligten entscheiden. Ich habe ja bewusst nicht über offene Beziehungen oder polyamore Verhältnisse gesprochen, sondern übers Fremdgehen, was ja schon beinhaltet, dass das so nicht geplant war. Aber ein Seitensprung kann auch in einer Beziehung sehr viel bewirken und muss nicht immer das Ende bedeuten. Manchmal bringt er die Partner auch näher zueinander und stellt eine ganz neue Intimität her.

Haben Sie das Manuskript vor dem Abschluss Bekannten zum Gegengelesen gegeben?
Nur Teile davon. Das gesamte Manuskript hat erst meine Lektorin gesehen.

Wie waren die Reaktionen, als bekannt wurde, dass Sie ein Buch zum Thema «Fremdgehen» schreiben?
Die Männer sagten meist: Aha, das wird ein Bestseller! Bei den Frauen gab es zwei Reaktionsmuster. Die einen waren sehr interessiert und wollten unbedingt mehr wissen. Das sind meistens die, die selber Erfahrung damit haben. Und dann gab es die, die vielsagend schweigen – vermutlich weil sie Untreue generell missbilligen. Aber auch viele spätere Fremdgeherinnen hätten vorher nie von sich gedacht, dass sie das einmal tun würden. Gerade in langjährigen Beziehungen wird man manchmal von sich selber überrascht.

Welches war Ihre wichtigste Erfahrung, die Sie beim Schreiben des Buches gewonnen haben?
Dass keine Beziehung mit der anderen wirklich vergleichbar ist, eigentlich ist jede Beziehung ein eigenständiges Kunstwerk. Und dass es deshalb auch sehr schwierig ist, jemandem pauschal Tipps zum Fremdgehen zu geben, wie das manchmal von mir verlangt wird.


Michèle Binswanger ist Journalistin und Autorin. Bekannt wurde sie vor rund acht Jahren als Autorin des dem Newsnet angegliederten «Mamablogs». 2011 erschien ihr Buch «Machomamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen» (Nagel & Kimche), das sie mit Nicole Althaus schrieb. 2010 wurde sie gemeinsam mit Nicole Althaus zur «Journalistin des Jahres» gewählt. Heute ist sie für den «Tages-Anzeiger» im Ressort Hintergrund und Analyse tätig. Binswanger hat zwei Kinder im Teenageralter und wohnt in Basel. Seit rund drei Jahren ist sie mit dem ebenfalls bei Tamedia tätigen Onlinespezialisten Peter Wälty liiert. Ihr neues Buch "Fremdgehen - Ein Handbuch für Frauen" erscheint im Ullstein-Verlag.



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Kommentare

  • Viktor Leberecht, 09.08.2017 09:37 Uhr
    Finde ich prima, wenn Frauen offener als üblich über das Thema reden. Mir nur immer nicht ganz nachvollziehbar, dass dann trotzdem am monogamen Ideal festgehalten werden soll, obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, dass wir nicht für die Monogamie gemacht sind. Aber auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung: Ehrlichkeit. Wer noch mehr Ehrlichkeit probieren will, besucht das Polyamorie Magazin. https://polyamoriemagazin.de/de/was-ist-polyamorie/

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