21.05.2018

Peter Padrutt

«Gelöst ist einzig das Problem des Überlebens»

Der TV-Checker von «Blick» gehört zu den ältesten lebenden Patienten der Schweiz mit der Erbkrankheit Cystischer Fibrose. Im Interview spricht er über People-Journalismus und das Leben als Lungentransplantierter.
Peter Padrutt: «Gelöst ist einzig das Problem des Überlebens»
«Nur weil ich schon mal an der Himmelspforte angeklopft habe, heisst das nicht, dass ich mich nicht für das Leichte im Leben interessieren kann», sagt «TV-Checker» Peter Padrutt. (Bilder: Ringier)
von Matthias Ackeret

Herr Padrutt, herzliche Gratulation, Sie sind der neue Präsident von Novaria, dem Schweizerischen Verein der Lungentransplantierten. Was wollen Sie in dieser Funktion erreichen?
Patientenorganisationen werden immer wichtiger in einer Zeit, in der der Kostendruck im Gesundheitswesen steigt. Für uns Lungentransplantierte gilt: Wir sind in ein straffes Programm von täglichen Behandlungsmassnahmen eingebunden, dem wir nicht ausweichen können. Hier ist Unterstützung wichtig. Unsere Lebensführung ist komplizierter geworden, die Spielräume haben sich verengt. Zwar gehen die Transplantationen bei jungen Patienten mit Cystischer Fibrose zurück, weil hier neue sehr teure Medikamente zum Einsatz kommen, aber es gibt noch sehr viele andere Patienten, die nur dank einer Lungentransplantation überleben können. 

«Wir müssen ein Leben lang viele Medikamente nehmen»

Wie lebt man als Lungentransplantierter?
Die breitere Öffentlichkeit ist wenig über unsere postoperative Lebensweise informiert. Gemäss den Stereotypen von einer Reparaturmedizin scheinen in den Augen vieler Aussenstehender mit der Operation die Probleme gelöst. Gelöst ist vorerst einzig das Problem des Überlebens. Wir müssen ein Leben lang viele Medikamente nehmen, sonst würde die Lunge abgestossen. 

Die Volksinitiative zur Förderung der Organspende kommt nur schleppend voran. Was müsste man anders machen?
Die Initiative wurde von Jungunternehmern lanciert, ist aber zu wenig breit abgestützt. Ziel wäre eine Gesetzesänderung, die jeden Erwachsenen im Todesfall zum potenziellen Organspender macht, es sei denn, er hat seinen Widerspruch zu Lebzeiten in einem Register geltend gemacht. Das finden wir grundsätzlich gut. Die Unterschriftensammlung kommt aber schlecht voran. Die Novaria macht sich daher bereits Überlegungen, wie man die sogenannte Widerspruchslösung anderweitig vorantreiben kann. Es geht nur über eine Motion im Parlament.

Warum engagieren sich zu wenig Leute für dieses wichtige Initiative? 
Unsere Gesellschaft zeigt eine Tendenz zu weniger Hilfsbereitschaft. Im Zug der Selbstdarstellung auf Social Media denken viele Menschen immer mehr nur noch an sich. Ausser an den eigenen Tod. Die Leute haben aber auch Angst, die Kontrolle über den Körper zu verlieren, selbst wenn sie tot sind. Diese Angst muss man ernst nehmen.

Sie leiden selber an Cystischer Fibrose (CF). Was ist das genau?
Die Erbkrankheit CF greift verschiedene Organe an, vor allem die Lunge und den Magen-Darm-Trakt. Es kommt vor allem zu Infektionen in der Lunge, die das Organ zusehends schädigen. Ich gehöre zu den ältesten lebenden Patienten der Schweiz.

«Die Journalisten leiden nicht mehr unter meinem Lärm»

Inwiefern beeinträchtigt dies Ihre Arbeit beim «Blick»?
Ich bin ja nicht gesund seit der Transplantation. Mein Immunsystem wird künstlich heruntergefahren, damit meine Lunge nicht abgestossen wird. Vor allem im Winter muss ich aufpassen, dass ich im Newsroom keinen Infekt einfange. Eigentlich sollte ich dann einen Mundschutz tragen, was ich aber ungern mache. Umgekehrt huste ich nicht mehr. Das fühlt sich gut an – und die Journalisten leiden nicht mehr unter meinem Lärm.

Sie haben vor fast fünf Jahren eine Spenderlunge bekommen. Hat sich dadurch Ihr Leben «normalisiert»?
Ich kann wieder viele Dinge tun, die vorher unmöglich waren: Reisen unternehmen, mit dem Hund leichte Wanderungen machen – und was ich am liebsten tue: Jazz und Boogie Woogie auf dem Flügel spielen.

Einerseits leiden Sie unter einer ernsten Krankheit, andererseits beschäftigen Sie sich als People-Redaktor mit den Schönen und Erfolgreichen. Gibt es dadurch nicht manchmal eine grosse Diskrepanz?
Nur weil ich schon mal an der Himmelspforte angeklopft habe, heisst das nicht, dass ich mich nicht für das Leichte im Leben interessieren kann. Diese Leute können ja nichts dafür, dass sie – zumindest scheinbar – die Glückskarte gezogen haben. Wenn Prominente schwer erkranken, dann bin ich mit ihnen auf einem gleichen Level. Ich kommuniziere meine Situation offen, das schafft Vertrauen.

Sie sind ein «Urgestein» bei Ringier. Inwiefern hat sich der People-Journalismus verändert?
Der Prozess der Digitalisierung zwingt uns – und das meine ich positiv –, noch mehr auf die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser zu achten, aber gleichzeitig nicht nur den Traffic zu verherrlichen. 

Ist der People-Journalismus langweiliger oder spannender als früher?
Viele Prominente, die ich gut kannte, sind in den letzten Jahren verstorben. Das ist schmerzhaft. Mit Prominenten, die sich hinter ihren Sprechern verstecken, macht es manchmal weniger Spass. Aber es gibt immer noch Ausnahmen.

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Sie sind zudem TV-Experte beim «Blick». Wie hat sich das Fernsehen Ihrer Ansicht nach verändert?
Es wird zu fest verteufelt. Vor allem im fiktionalen Bereich hat sich dank den Streaming-Diensten die Qualität gesteigert. Das färbt auch aufs Schweizer Fernsehen ab. Ich finde auch viele hervorragende Dokumentationen weit hinten auf der Fernbedienung. Was ich manchmal vermisse: Früher konnte ich mit Leuten über das reden, was man am Vorabend gesehen hat. Heute verzettelt sich alles. Oft habe ich das Gefühl, ich war gestern allein vor der Glotze.

Welches war Ihr prägendes berufliches Erlebnis?
Als ich am Beatmungsgerät im Spital einen Artikel über die damals gesunde Francine Jordi schreiben wollte. Und meine Finger zu schwach waren, den Text zu tippen.

 



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Kommentare

  • Bruno Bosshard, 20.05.2018 14:50 Uhr
    Novaria der Verein der Lungentransplantierten kann sich glücklich schätzen dass sie Herr Padrutt als Präsidenten gewinnen konnten.
  • Nathalie Seewer, 20.05.2018 21:18 Uhr
    Ein sehr schöner Artike, danke vielmal Herr Padrutt und ich wünsche Ihnen viel erfolg bei Novaria!

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