25.10.2017

Sagmeister & Walsh

«Künstliche Intelligenz wird zu einer grossen Konkurrenz»

Stefan Sagmeister, Mitinhaber der New Yorker Agentur Sagmeister & Walsh, ist einer der bedeutendsten Grafikdesigner. Ab Freitag ist seine Ausstellung «The Happy Show» in Zürich zu Gast. persoenlich.com hat ihn getroffen. Ein Gespräch – nicht übers Glück, sondern über Schönheit.
von Edith Hollenstein

Bildschirmfoto 2017-10-20 um 10.01.55

 

Herr Sagmeister, nutzen Sie Emojis?
Ja, die nutze ich hie und da in SMS- und Whatsapp-Nachrichten.

Welches verschicken Sie besonders häufig?
Das Baum-Emoji.

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Schön finden Sie Emojis ja wahrscheinlich nicht.
Nein, schön sind sie nicht, aber sie sind auch nicht nach diesem Kriterium gestaltet. Sie sollen vor allem funktionieren. Das ist bei den meisten Design-Arbeiten so: meistens steht die Funktionalität im Zentrum. Ich aber glaube, dass die Funktionalität alleine nicht zu guten Produkten führt, auch nicht zu gut funktionierenden Produkten.

Ihre Agentur hat eigene Emojis gestaltet.
Ja. Diese Serie mit etwa 600 oder 650 Symbolen kommt bald in Gebrauch, so hoffe ich. Aber ich darf hierzu noch keine Neuigkeiten preisgeben.

Bald gibt es also Emojis, die nicht nur funktionieren, sondern auch noch schön sind. Wie schafft Ihre Agentur das?
Das muss sich erst noch herausstellen, ob das Publikum unsere Emojis schöner findet.

Was passiert, wenn die Funktionalität zu stark im Zentrum steht?
In den 1950er bis 70er-Jahren, als es nur und ausschliesslich um die Funktionalität ging, wurden diese riesigen Bauhaus-Siedlungsblocks gebaut, mit dem reinen Ziel, so viele Menschen wie möglich suffizient zu behausen. Resultat war, dass sich die Leute in diesen Wohnungen nicht wohl fühlten. Sie wollten nicht so wohnen, daher wurden diese Gebäude in den 1990er-Jahren schon wieder abgerissen. Ein anderes Beispiel sind die Safety-Anweisungen in den Rücksitzen der Flugzeuge – also die Karte, die zeigt, wie man die Notausgänge findet. Ich fliege selber ja sehr viel und habe dabei hunderte dieser Karten gestohlen. Auf all meinen Reisen habe ich jedoch nie jemanden gesehen, der diese Karte studiert hat. Das heisst, obwohl diese Karten mit dem Ziel gestaltet worden sind, so funktionell wie möglich zu sein: Sie funktionieren nicht!

Wenn diese Karten schöner wären, würde sie aber auch niemand lesen.
Doch! Es braucht natürlich auch eine gute Sprache und etwas Witz. Wie das geht, hat uns vor zwei Jahren Virgin Atlantic gezeigt. Dieses Video wurde nicht nur von Fluggästen geschaut, sondern es hat sich viral im Internet verbreitet. Warum? Weil es schön ist.

Welchen Stellenwert hat Schönheit in der heutigen Welt?
In vielen Bereichen versucht man heutzutage den Menschen herauszuhalten, so dass möglichst alles gleich aussieht. Der Mensch liebt aber das Andere. Ich glaube, das wird sich ändern in den nächsten Jahren. Wenn wir das auf einer anderen Ebene anschauen: Mit Blick auf die Menschheitsgeschichte spielte die Schönheit früh eine wichtige Rolle. Es gibt frühe erste Steinbeile, die symmetrisch sind, obwohl sie gar nicht symmetrisch sein müssten, weil sie ja eigentlich nur funktionieren sollten.

Was ist Schönheit?
Schönheit ist eine Kombination von Werten, wie Farbe, Dimension, Struktur, Material, Form und Umriss, die unseren ästhetischen Sinnen entsprechen – vor allem beim Sehen. 

Die Schönheit liegt also nicht im Auge des Betrachters.
Nein. Es gibt über unterschiedliche Kulturen und lange Zeiträume hinweg in grossen Teilen Übereinstimmung darüber, wo wir alle eine gemeinsame Schönheit sehen.

Was ist kollektiv schön?
Das zeigt ein Experiment: Ich legte Unbekannten eines der bekannten, streng geometrischen Gemälde von Piet Mondrian vor, bei dem wir die Linien leicht verschoben haben. Bei Leuten in Südamerika, Asien oder Europa: Aus allen Tests wissen 85 bis 90 Prozent, welches der richtige Mondrian ist. Nun hat aber Mondrian nicht mit dem goldenen Schnitt gearbeitet, also nicht mit einer Formel, die Menschen voneinander gelernt haben. Wir wissen instinktiv, dass das eine schön ist und das andere nicht.

Gibt es eine Formel für dieses instinktive Schönheitsmass?
Nein, eine zufriedenstellende Formel wurde bislang nicht gefunden.

Vielleicht bald, mittels künstlicher Intelligenz?
Ja, das könnte sein. Künstliche Intelligenz wird zu einer grossen Konkurrenz werden für uns Designer und für alles Berufe aus dem Design-Feld.

Wir haben jetzt über Schönheit gesprochen. Sie aber halten sich nicht immer daran.
Nein, denn Dinge, die mit Absicht sehr hässlich gestaltet sind, mag ich oft sehr gern. Hingegen wehre ich mich gegen diejenige Hässlichkeit, die die ganze Welt überfällt. Auch in der Schweiz. Damit meine ich Hässlichkeit, die der Faulheit oder Unwissenheit entspringt.

Beispielsweise?
Autobahnabfahrtsknoten. Wenn dort die Form der Funktion folgt, wäre ja jeder Autobahnabfahrtsknoten wunderschön. Leute würden zum Urlaub dorthin fahren! Es ist aber nicht so. Während bei den international zehn schönsten Städte meistens die gleichen sind.

Das könnte auf Masseninstinkt oder intensives Marketing zurückzuführen sein.
Es ist eine Frage des Ziels. Denn ist nicht immer günstiger, etwas Hässliches, Glattes hinzustellen.

Gute Grafik ist vielleicht zu teuer.
Nein, das glaube ich nicht. Es gibt immer wieder grosse Agenturen und Werbeauftraggeber, die grauenhafte Werbung hervorbringen. Gute Grafik ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Ziels. Verpackungsfirmen etwa kümmern sich meiner Meinung nach auch viel zu wenig um die Schönheit. Stellen Sie sich ein Regal mit hundert verschiedenen Joghurts vor: Kein einziges hat eine schöne Verpackung! Obwohl unser Hirn evolutionär bedingt auf Schönheit anspricht. 

Macht Ihre Agentur keine Werbung?
Doch, Werbung machen wir, aber nicht hauptsächlich. Wir haben für den grossen indischen Hersteller den Mangosaft «Frooti» Designs und Werbesujets kreiert. Mit der neuen Verpackung und der Kampagne konnte das Unternehmen den Absatz um 60 Prozent steigern.

Wir haben vorher von schönen oder hässlichen Orten gesprochen: Sicher nicht der Autobahnabfahrtsknoten, aber wo gibt es schöne Orte?
In Vals, dort fühle ich mich wohl. Früher, als meine Mutter noch lebte, bin ich oft mit ihr dort hingefahren. Auch Sie, die überhaupt nichts am Hut hat mit zeitgenössischer Architektur, hat sich dort sofort sehr wohl gefühlt. Erstaunlicherweise gibt es da kein Kindergeschrei. Auch achtjährige Jungen verhalten sich dort ruhig, obwohl es keine Tafel gibt, die darauf hinweist, dass man nicht spritzen oder schreien darf. Nur wenige Architekten schaffen das, Peter Zumthor ist einer davon. Ein anderes Beispiel sind das Opera House in Sidney oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Dieses Werk von den Schweizern Herzog & de Meuron hat zwar wahnsinnig lange gedauert, aber jetzt wo es fertig ist: Es ist fast unmöglich, eine Karte für irgendein Konzert zu bekommen. Alles ist immer ausverkauft. Das zeigt, viele fühlen sich von diesem Bauwerk magisch angezogen.

Warum?
Menschen fühlen sich von formaler Schönheit extrem angezogen.

Beschäftigen Sie sich mit solchen Fragen aktuell?
Derzeit bin ich nicht in meiner Agentur in New York. Diese wird von meiner Partnerin Jessica Walsh geführt, während ich in einem Sabbatical bin. Mexiko City, Tokio und jetzt in Österreich. 

Über Sie ist bekannt, dass Sie regelmässig Tagebuch führen. Tun Sie das immer noch?
Ja. Es hat damit angefangen, als ich als 13-Jähriger handschriftlich Einträge gemacht habe, vor allem dann wenn es mir sehr gut oder sehr schlecht ging – deshalb sind viele Stellen zu stark verschmiert, als dass man sie noch lesen könnte. Vor etwa 25 Jahren, als ich in Hong Kong war, habe ich im Fachmagazin «Campaign» über einen Auftraggeber gelesen, dass dieser jeden Samstag ein Business-Tagebuch führt und dass diese Tätigkeit eigentlich seine wichtigste sei. Das hat mich beeindruckt. Deshalb habe ich damit angefangen. Mittlerweile mache ich das am Computer. Ich brauche dafür auch gar nicht lange, sondern nur etwa zehn Minuten. Hie und da lese ich in diesen Notizen. Und es ist schon interessant zu lesen, dass mich teilweise vor 15 Jahren Dinge geplagt haben, die sich bis heute immer noch nicht geändert haben (lacht). Vielleicht habe ich dann die Kraft etwas zu ändern, oder ich freue mich über Dinge, die nun besser laufen als noch vor 15 Jahren.

 

 

 

Bildschirmfoto 2017-10-20 um 10.18.14

«The Happy Show», Stefan Sagmeister, 28.10.2017 - 11.03.2018, im Museum für Gestaltung, Toni-Areal Zürich.

 



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