03.06.2010

Das Elend der Medienkritik in der Schweiz

Zu viele Köche verderben den Brei, von Roger Blum*.

Roger Blum, emeritierter Professor für Medienwissenschaft, will dem "Verein Medienkritik" nicht angehören. Er ist der Meinung, dass es in der Schweiz zu viele medienkritische Organisationen gibt. Die Zersplitterung sei ungut. Blum hat seine Position in einem Artikel ausgeführt, der am 26. Mai im "Tages-Anzeiger" und "Bund" erschien. Der Artikel war allerdings gekürzt. "persoenlich.com" publiziert hier die vollständige Fassung:

Die Medien kontrollieren und kritisieren die Akteure in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Sie stellen eine Art "vierte Gewalt" dar, einen Wachhund der Demokratie. Wer aber kontrolliert die Medien? Es ist offensichtlich, dass es Instanzen braucht, die auch die Medien kritisieren und kontrollieren, eine „fünfte Gewalt“. Denn die Medien verfügen über beträchtliche Macht – über Selektions-, Thematisierungs- und Skandalisierungsmacht. Und grosse Medienunternehmen wie Google, SRG, Tamedia, Ringier, Springer, NZZ-Gruppe oder Schweizerische Depeschenagentur entscheiden weitgehend darüber, wie die Bevölkerung informiert wird.

Wie aber steht es um diese "fünfte Gewalt", um die Medienkritik in der Schweiz? Ganz elendiglich. Es herrscht entweder Wüste oder eine heillose Zersplitterung. Die Medienkritik ist entweder abwesend oder schwach. Werfen wir einen Blick auf die Landschaft der Medienkritik.

Fast im Geheimen

Die Medienkritik wird sowohl von innen ausgeübt als auch von aussen. Und sie wird teilweise nur innerhalb der Branche wahrgenommen. Von innen wirken Medienjournalistinnen und –journalisten. Sie äussern sich in Blogs (medienspiegel.ch, dienstraum.com), in Online-Diensten (wie kleinreport.ch, persoenlich.com), in Medienzeitschriften (wie "Klartext", "Edito") oder in tages- und wochenaktuellen Medien. Die Medienzeitschriften, Onlinedienste und Blogs leisten mehrheitlich hervorragende Arbeit, aber fast ganz unter Ausschluss der grossen Öffentlichkeit. Sie zirkulieren nur innerhalb der Branche. Und der Medienjournalismus in Zeitungen, Radio und Fernsehen ist eine aussterbende Spezies. Über ein festes Gefäss verfügt er gerade noch in der „Neuen Zürcher Zeitung“, im "Sonntag", in der "Weltwoche" und im Radio della Svizzera italiana. Das deutschschweizerische Fernsehen, der "Tages-Anzeiger", der "Bund", das „St. Galler Tagblatt“ und viele andere Medien halten sich keine spezifischen Medienjournalisten mehr. Die "fünfte Gewalt" ist vakant.

Dabei ist zuzugeben, dass Medienjournalismus nur dann einen Sinn hat, wenn er nach allen Seiten hin kritisch ist und das eigene Haus von der Kritik nicht ausnimmt. Medienjournalisten müssten die Hofnarren des Unternehmens sein, die dem Fürsten alles ins Gesicht sagen dürfen. Wenn sie hingegen für das eigene Unternehmen Public Relations betreiben müssen, dann schafft man sie klüger ab. Dann ist die Wüste ehrlicher als ein Potemkinsches Dorf.

Alle ein bisschen

Zur "fünften Gewalt" gehören auch jene Organisationen, die die Medien beobachten und in denen sowohl Menschen aus der Medienbranche als auch Externe aktiv sind. Hier tummeln sich mittlerweile so viele Clubs, dass einem geradezu schwindlig wird. Schon lange präsent ist die „Vereinigung für kritische Mediennutzung Arbus“, hervorgegangen aus dem 1930 gegründeten sozialistischen "Arbeiter-Radio-Bund". Sie ist aber schwach organisiert und gibt nur selten laut. Seit es den öffentlichen Rundfunk gibt, bestehen die Radio- und Fernsehgenossenschaften der SRG. Sie überlassen allerdings die Medienkritik den Publikumsräten. Seit 21 Jahren existiert der "Verein Qualität im Journalismus". Er mischt sich indes kaum je aktuell in das Geschehen ein und wird deshalb wenig wahrgenommen. Fast ebenso lange gibt es die bürgerlich-wertkonservative "Stiftung Wahrheit in den Medien" (mit Hermann Suter). Sie organisiert jeweils grosse Manifestationen, ist aber stark überaltert.

Erst seit zwei Jahren ist die rechtsbürgerliche „Aktion Medienfreiheit“ (mit FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger) aktiv, indirekt die Nachfolgeorganisation des 1974 gegründeten "Hofer-Clubs". Damit aber nicht genug: Letztes Jahr bildeten sich gleich nochmals zwei zusätzliche Organisationen: Einerseits die "Gesellschaft für Medienkritik Schweiz" (mit dem früheren Fernsehdirektor Ulrich Kündig), anderseits der "Verein Medienkritik Schweiz" (mit dem früheren St. Galler Chefredaktor Gottlieb Höpli). Während Kündigs Verein auf der Website (www.gfmks.ch) wacker Texte veröffentlicht, liess es Höplis Verein bei Ankündigungen (einer Website, eines Medienkritik-Index, eines jährlichen Mediensymposiums) bewenden. Das Hauptproblem ist, dass man in all diesen Organisationen immer wieder auf die gleichen Personen stösst, die überall ein bisschen etwas, aber nirgends was Durchschlagendes tun. Das Land ist zu klein für eine derartige Zersplitterung. Und Köche, die bloss rühren, verderben den Brei.

Wenig Bühnen für Externe

Auch die Wissenschaft meldet sich im Bereich der Medienkritik nicht kraftvoll zum Wort. Viele Professoren schweigen und vergraben sich in ihren Forschungsprojekten. Jene, die reden, finden mit ihren Plattformen nicht immer genügend Beachtung. So ist Stephan Russ-Mohl vom Europäischen Journalismus-Observatorium der Universität Lugano darauf angewiesen, dass genügend Leute seine Website (www.ejo.ch) nachfragen. Kurt Imhof vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich muss darauf hoffen, dass er ausreichend Sponsoren für sein Medien-Observatorium kriegt und dass sein Jahrbuch zur Medienqualität, das er im Juni veröffentlichen will, genügend Aufmerksamkeit findet.

Und auch die externen Kontrollgremien könnten mehr zur Medienkritik beitragen: Der Schweizer Presserat, indem er mehr Fälle von sich aus aufgriffe. Und die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI), indem sie ihre öffentlichen Beratungen besser publik machte und so einen stärkeren Anreiz für Medienberichterstattung schüfe.

Es gäbe Wege aus dem Elend. Man muss sie nur gehen.

*Roger Blum ist emeritierter Professor für Medienwissenschaft der Universität Bern und Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI).



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