10.09.2013

Dokfilm

"Dieser Schatz musste einfach gehoben werden"

"Teleboy" war eine der erfolgreichsten Unterhaltungssendungen, die es in der Schweiz je gegeben hat. Die Strassen waren leergefegt, wenn Kurt Felix die Nation zu Spiel und Spass begrüsste. Hannes Hug war 13 als er die Sendung zum letzten Mal sah. In seinem neuen Dokfilm "Generation Teleboy" beleuchtet der langjährige Radio- und Fernsehmann die Geschichte der DRS Big Band, welche die Hintermannschaft der Sendung bildete. Und nimmt, laut eigener Aussage, die "längst fällige Aufarbeitung unserer Showbusiness-DNA" vor. Wir haben ihn anlässlich der Vorpremiere am Mittwoch zu seinem Film und seiner Beziehung zu "Teleboy" befragt. Wäre Kurt Felix wohl heute noch erfolgreich?
Dokfilm: "Dieser Schatz musste einfach gehoben werden"

Herr Hug, Sie haben einen Film über die DRS Big Band gemacht, die während Jahren Quasi die Deko der Sendung "Teleboy" mit Kurt Felix darstellte. Wie kommt man auf sowas?
Im Zuge der Recherchen für eine Radioreihe zu 50 Jahren Rockmusik in der Schweiz bin ich auf die Geschichte der DRS Big Band gestossen. Abgesehen davon war mir der fingerschnippende Hans Moeckel immer Sinnbild für helvetischen Glamour. Dieser Schatz musste einfach gehoben werden.

Was ist Ihr Hauptanliegen?
Showbiz und Roter Teppich zählen nicht zur Kernkompetenz der Schweiz. Mir war es wichtig zu zeigen, woher dieser Umstand rührt und inwiefern wir uns diesbezüglich steigern können. Daher die längst fällige Aufarbeitung unserer Showbusiness-DNA.

Ist der Titel des Films nicht etwas irreführend? Man erwartet irgendwie eine Aufarbeitung der Funktionsweise und kulturellen Ausstrahlung der Sendung "Teleboy".
Keinesfalls, wer in den 1970er Jahren grossgeworden ist, zählt automatisch zur "Generation Teleboy". Zudem klingt der Begriff "Generation" nach Typologie. Sowas gefällt mir!

General Guisan habe uns die swingende Riesenband auf den Hals gehetzt, mutmassen sie. Sie habe als Teil seines Konzepts zur geistigen Landesverteidigung fungiert. Hat seine musikalische Einflussnahme denn gefruchtet?
Ja - zumindest in den ersten zwanzig Jahren des Bestehens der DRS Big Band. Unter der Leitung von Cédric Dumont war das Orchester auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist. Die 68er haben das dann - mit der uns eigenen "helvetischen Kulturverspätung" - ab Mitte der 1970er Jahre geändert. Die Schweizerinnen erhielten endlich ihre politischen Rechte, die Friedensbewegung und das Engagement gegen Atomkraftwerke fand grössere Mehrheiten als das Humtata der DRS Big Band. Mit "Teleboy" wurde die Band zwar populärer als zuvor, aber ihren bestimmenden Einfluss auf das kulturelle Selbstverständnis der Schweizerinnen und Schweizer schwand.

Was wussten Sie vor Beginn Ihrer Recherchen von der Figur des Bandleaders, von Cédric Dumont? Der muss ja ein ziemlich windiger Bursche gewesen sein.
Der Herr Dumont war mir kein Begriff – dafür bin ich mit Jahrgang 68 definitiv zu jung. Der Gründer des Orchesters und jahrelange Dirigent ist aber ein Paradebeispiel für Filz, den man wohlwollend auch Netzwerk nennen könnte. Zudem hat er durch das Quasimonopol in Sachen Unterhaltungsmusik das Schweizer Showbusiness bis in die 1970er Jahre wesentlich mitbestimmt. Eine schillernde Persönlichkeit...

Am 31. Dezember 1981 wurde die letzte Ausgabe von "Teleboy" ausgestrahlt. Wieso eigentlich?
Kurt Felix hatte von der ARD das Angebot bekommen "Verstehen Sie Spass" zu moderieren. Damit war das Ende von "Teleboy" besiegelt. 

Sie beschreiben zu Beginn des Films Ihre Erinnerungen an die Sendung. Was war genau der erste Flash?
Nun, zuerst fand ich die Sendung einfach lustig - die versteckte Kamera und der Traugottli, die Farben. Mit 13 Jahre hab ich mich dann Knall auf Fall in eine Tänzerin des Fernsehballetts verliebt. Die mit den längsten Haaren. Dazu all diese Glitzerpailetten und die Schlieren der Röhrenkameras. Das war alles so viel bunter und verheissungsvoller als die Welt, die mich umgab.

Aus dem heutigen Blickwinkel kommt einem die Sendung ziemlich steif und plump vor. Da wackelt ein Männchen, alles ist einstudiert und völlig unspontan. Wie wirkt Ihre ehemalige Lieblingssendung heute auf Sie?
Es rührt mich, wie simpel und hausbacken diese grosse Unterhaltungkiste heute auf mich wirkt. In einer Sequenz hat einer der Musiker sogar einen Plastiksack von der EPA am Boden stehen – "there’s no business like showbusiness"....

Wäre Kurt Felix heute noch erfolgreich?
Wäre die Schweiz immer noch eine Unterhaltungswüste wie damals vermutlich schon. Kurt Felix hat sich der TV-Unterhaltung angenommen, wie niemand zuvor. Er hat geschnallt, dass Fernsehen primär ein Boulevardmedium ist und das auch so bespielt. Spiele, Sketches und Swing - das war den gestandenen Nachrichtenjournalisten eine Spur zu anspruchslos.



Der Film ist das Resultat einer munteren Schnipselei, eine bunte Kollage aus alten Fernsehbildern, gutem Storytelling, Off-Kommentaren und Interviews mit Zeitzeugen. Wie viele Stunden haben Sie im SRF-Archiv verbracht?
Ich habe zeitweise sogar einen Nachsendeantrag bei der Post gestellt und mit dem Gedanken gespielt meine Schriften im Kreisbüro Oerlikon zu deponieren. Dank der Unterstützung meines Ko-Regisseur Beat Lenherr, der auch den Schnitt und die Produktion besorgt hat, ist mir das erspart geblieben.   

War das Ganze vor allem ein Spürnasen-Effort?
Teils, teils. Zum einen waren mir gewisse Suchbegriffe aus meiner aktiven Zeit beim Schweizer Fernsehen präsent, zum anderen hatte ich klare Vorstellungen, welche Sendungen sich für den Film eignen könnten und zu guter Letzt machen die Menschen in den Archiven der SRG einen grossartigen Job.

Später, in den Neunzigern, sind Sie selber in die Dienste des Schweizer Fernsehens eingetreten. Haben Sie sich je als "Unterhaltungssoldat" gefühlt?
Nein, ich war ja von Anfang an auf den Deserteur abonniert.

Sie durften im Alter von acht Jahren Peter, Sue & Marc einen Früchtekorb hinter die Bühne bringen. Der erste Kontakt mit dem grossen Showbusiness. Was bietet die grosse, glitzernde Showkiste demnächst noch für Sie?
Fragen Sie mich das in einem Jahr. Wenn ich’s mir allerdings recht überlege; vielleicht verkaufe ich jetzt endlich dieses Internet, das gibt einfach zuviel zu tun.

Interview: Adrian Schräder//Der Film "Generation Teleboy" läuft ab 12. September in den Schweizer Kinos

 

 


 



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