18.05.2016

Tamedia

«Sprachlich muss sich ‹20 Minuten› an den Tagi anpassen»

Seit bald einem Jahr bedient der Newsexpress Tagesanzeiger.ch/Newsnet sowie 20minuten.ch mit Agenturmeldungen. Im Interview spricht Leiter Rupen Boyadjian über den Spagat zwischen den Medienmarken, die hohe Fluktuation im Team – aber auch über 100 Bewerbungen auf eine Stelle.
Tamedia: «Sprachlich muss sich ‹20 Minuten› an den Tagi anpassen»
von Lucienne Vaudan

Herr Boyadjian, wie ist Ihr Fazit nach knapp einem Jahr Newsexpress?
Alles in allem ziehe ich ein positives Fazit. Zu Beginn war es natürlich eine recht grosse Herausforderung, die neue Organisation aufzubauen und in die gesamte Tamedia-Struktur einzufügen. Deshalb holperte der Newsexpress in der Zusammenarbeit immer mal wieder und wir waren mit ganz unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert, denen wir nicht allen gerecht werden konnten. Das zeigte sich auch in ziemlich kritischen Rückmeldungen. Wir haben diese Kritik in den Redaktionen gezielt abgeholt und uns damit auseinandergesetzt. Aber ich denke, mittlerweile sind wir auf gutem Weg und wir haben den Dreh raus, wie wir mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet und «20 Minuten» zusammen arbeiten können.

Wie viele Leute sind in den Newsexpress involviert?
Wir sind aktuell ein Team von 15 Leuten, aber die meisten sind natürlich teilzeitangestellt, das geht von 20 Prozent- bis 80 Prozent-Pensa. Insgesamt sind es zurzeit etwas mehr als 900 Stellenprozent. Wir arbeiten im Schichtbetrieb, 365 Tage im Jahr, jeweils zwei Leute pro Schicht und dann kommen noch drei Redakteure hinzu, die jeweils die Nachtschicht übernehmen.

Der Newsdesk ist bei Ihnen auch nachts besetzt?
Wir haben spezifisch für die Nachtschicht nach Leuten gesucht. Eine Person haben wir von Tagesanzeiger.ch/Newsnet übernommen, er wohnt und arbeitet in Bangkok und eine weitere Mitarbeiterin unterstützt uns aus den Philippinen. Der Begriff Nachtschicht ist deshalb relativ, denn wenn bei uns Nacht ist, ist bei den beiden natürlich Tag.

Wie steht es um die Dossierkompetenz der Mitarbeiter? Gibt es thematische Aufteilungen?
Nein, bei uns muss man alles können, wir setzen auf Generalisten. Wie gesagt, wir führen einen Schichtbetrieb mit jeweils zwei Leuten, da haben wir keine reinen Spezialisten, die wir zusätzlich einsetzen könnten. Aber wir haben natürlich Mitarbeiter mit unterschiedlichen Backgrounds, das ist ebenfalls eine enorme Bereicherung.

Vor einem Jahr sagte Peter Wälty gegenüber persoenlich.com: «Ich könnte mir schon vorstellen, dass der Job ziemlich attraktiv wird und eine grosse Nachfrage danach besteht. Logischerweise sind dabei die bisherigen Mitarbeiter in der Poleposition.» Wie attraktiv ist der Job nun tatsächlich? Immerhin munkelt man, Sie hätten relativ viele Abgänge.
Der Job ist attraktiv, aber man muss auch dafür gemacht sein. Es kann durchaus hektisch werden und man muss mehrere Dinge gleichzeitig jonglieren können. Aber man befindet sich im Zentrum des Geschehens und es wird bei uns bestimmt nicht so schnell langweilig (lacht). Auch der Schichtbetrieb ist nicht nur belastend. Es hat ja auch Vorteile, wenn man auch mal unter der Woche frei ist oder nach der Frühschicht noch den Nachmittag für sich hat. Als wir kürzlich eine Stelle ausgeschrieben haben, sind etwa 100 Bewerbungen eingegangen. Das ist ja auch ein Indikator.

Wie hoch ist denn die Fluktuationsrate?
Wir hatten in letzter Zeit einige Wechsel. Das hatte unterschiedliche Hintergründe: Zum einen sehen manche den Newsdesk als Einstiegsmöglichkeit und ziehen dann weiter, zum anderen gibt es schon auch Leute, die irgendwann lieber regelmässige Arbeitszeiten haben, gerade wenn sich etwas an ihrer familiären Situation ändert.

Aber was heisst das jetzt konkret in Zahlen?
Zahlen nennen wir keine.

Sie sitzen an der Schnittstelle zwei verschiedener Kulturen und Zielgruppen. Wie gehen Sie mit den unterschiedlichen Ansprüchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet und «20 Minuten» um?
Die Basisnews ist eine Agenturmeldung, die ohnehin für beide Medien die selbe ist. Unsere Aufgabe ist es nun, eine Version dieser News zu erstellen, die sowohl Tagesanzeiger.ch/Newsnet als auch «20 Minuten» weiterverwerten können. Sprachlich muss sich da «20 Minuten» an den «Tages-Anzeiger» anpassen. «20 Minuten» setzt eher mal auf ein umgangssprachliches Wort oder Slang-Ausdrücke, was für den Tagi natürlich nicht passend ist. Im Gegenzug machen wir auf Wunsch von «20 Minuten» keine Duplexbilder, die der «Tages-Anzeiger» sonst gerne verwendet. Am Schluss können aber beide Redaktionen die Meldungen nach ihrem Gusto abändern.

Zum Start vom Newsexpress hiess es, man überlege sich, die journalistischen Leistungen auch an Dritte zu verkaufen. Was ist aus dieser Idee geworden?
Zur Zeit beliefern wir die eBoards an den Bahnhöfen mit News. Das hat vorher der «Tages-Anzeiger» zusammen mit anderen Newsportalen gemacht, als der Vertrag mit den SBB jedoch abgelaufen ist, erhielt der Newsexpress diesen Zuschlag exklusiv in der Deutschschweiz.

Was sind die nächsten Herausforderungen die auf Sie und Ihr Team warten?
Uns steht eine grosse Änderung bevor: Tamedia plant ein neues, einheitliches CMS für diverse Titel. Das wird unsere Arbeit beschleunigen, denn zur Zeit müssen wir die Artikel in zwei Systemen bearbeiten. Der zweite Punkt, an dem wir arbeiten möchten ist das interne Schulungsangebot für unsere Mitarbeiter. Es ist uns ein Anliegen, alle auf einen ähnlichen Wissensstand zu bringen, was technische Belange wie das Schreiben von Titel und Lead oder die Bildauswahl betrifft.



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