21.12.2016

TagesWoche

Minus 200 Prozent Kulturjournalismus

Das Basler Medium baut fünf Stellen ab, darunter zwei volle Journalistenpensen. persoenlich.com kennt die Namen.
TagesWoche: Minus 200 Prozent Kulturjournalismus
Kann nicht dahinterstehen, wenn im Bereich Kultur abgebaut wird: Karen N. Gerig. (Bild: Archiv)
von Christian Beck

Ende letzter Woche wurde bekannt: Die «TagesWoche» muss kräftig sparen und streicht deshalb fünf Stellen, darunter zwei volle Journalistenpensen (persoenlich.com berichtete). Das «Regionaljournal Basel» von Radio SRF 1 vermeldete gleichentags, beide Stellen beträfen das Kulturressort.

persoenlich.com weiss: Kulturredaktor Marc Krebs hat den blauen Brief erhalten. Freiwillig das Handtuch geworfen hat Karen N. Gerig. Die bisherige Kulturredaktorin wurde erst noch im Februar 2016 zur stellvertretenden Chefredaktorin befördert. Als Mitglied des Leitungsteams wurde sie nach ihrer Kündigung entsprechend per sofort freigestellt.

«Es gab Differenzen in der strategischen Ausrichtung», sagt Gerig auf Anfrage von persoenlich.com. Und ergänzt: «Ich bin Kulturjournalistin und kann nicht dahinterstehen, wenn man in der Kultur abbauen will.» Marc Krebs und sie hätten zum Gründungsteam gehört und hätten während fünf Jahren einen Kulturteil aufgebaut, der weitherum respektiert worden sei. «Es ist schade zu sehen, dass nun auf diese Art der Berichterstattung keinen Wert mehr gelegt wird», bedauert Gerig.

Kulturberichterstattung nicht unwichtig, aber…

Die «TagesWoche» hat neue finanzielle Rahmenbedingungen und muss künftig einen Grossteil der Einnahmen am Markt selbst verdienen. «Damit sich die ‹TagesWoche› auch längerfristig finanzieren und damit rund 26 Arbeitsplätze sichern kann, mussten auch die heutigen Aufwände reduziert werden», sagt Geschäftsführer und Chefredaktor Christian Degen gegenüber persoenlich.com. Dies habe dazu geführt, dass das Leitungsteam verkleinert, Stellen abgebaut und die Ressorts zusammengelegt wurden. Die «TagesWoche» bestand bislang aus den beiden Ressorts Politik/Wirtschaft/Wissenschaft sowie Kultur/Leben/Sport.

«Die ‹TagesWoche› will für eine offene und tolerante Gesellschaft einstehen und gegen Populisten von links und rechts antreten. Dafür müssen wir uns den gesellschaftspolitischen, politischen, gesellschaftlichen Themen widmen», so Degen weiter. «Kulturberichterstattung ist dabei nicht unwichtig, kann aber aufgrund der finanziellen Situation nicht mehr im gleichen Ausmass getätigt werden.»

Nachdem zwei 100-Prozent-Stellen im Kulturbereich gestrichen werden, verbleibt noch Kulturjournalistin Naomi Gregoris mit einem 80-Prozent-Pensum. Degen relativiert: «Auf der Redaktion gibt es heute aber noch mehr Journalisten, die über kulturelle Themen schreiben, als es die nackten Zahlen auf Basis der alten Ressortstruktur darstellen.» Trotzdem: «Der Abbau ist immer eine schmerzhafte Angelegenheit, die ich ehrlich bedaure, und ich kann den Schritt von Frau Gerig selbstverständlich nachvollziehen.»

Auf zu neuen Ufern

Karen N. Gerig arbeitet insgesamt seit 18 Jahren als Kulturjournalistin. Was nach dem Job bei der «TagesWoche» folgen soll, weiss sie noch nicht. «Ich bin offen für sehr vieles.» Es müsse nicht mal mehr zwingend im Journalismus sein. Aber: «In guter Pendeldistanz zu Basel wäre aus familiären Gründen schön», sagt Gerig.



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Kommentare

  • Claudia Kocher, 22.12.2016 14:47 Uhr
    Na, in einer Kulturstadt wie Basel braucht Kultur ja keinen so hohen Stellenwert. Und bei der Tageswoche fällt Kultur nicht unter gesellschaftspolitisch und überhaupt auch nicht unter das Stichwort gesellschaftlich. Schade um die zwei beinahe letzten talentierten Schreiber. Jetzt übernehmen wohl die Praktikanten.
  • Christian Eggenberger, 23.12.2016 00:21 Uhr
    Mit seiner Begründung outet sich Chefredaktor Degen als Kulturbanause. Sein Kulturbegriff stammt aus dem vergangenen Jahrhundert. Kultur ist gesellschaftspolitisch, politisch - und noch viel mehr! Sollte eigentlich ein Chefredaktor mitbekommen haben, auch wenn er mit Kultur nichts am Hut hat. Kulturjournalismus in der Kulturstadt Basel derart runterzufahren ist auch publizistisch ein Blödsinn. Christian Degen hat weit mehr gestrichen als ihm bewusst sein dürfte. Als Churchill im Zweiten Weltkrieg geraten wurde, die staatlichen Zuschüsse für Kulturprojekte zu kürzen, soll er geantwortet haben: „Wofür kämpfen wir dann noch?"

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