09.12.2013

SRF

"Mit meinen Reportagen will ich die Zuschauer im Innersten berühren"

Hanspeter Bäni ist Reporter und Dokumentarfilmer beim Schweizer Fernsehen. Er war derjenige, der den Fall Carlos ins Rollen brachte - obwohl er eigentlich Jugendanwalt Hansueli Gürber porträtieren wollte. Im Interview mit persoenlich.com erzählt Bäni von seiner Arbeit als Ein-Mann-Team, wie er selbst die Dreharbeiten zum Film "Der Jugendanwalt" erlebte und wie er seine Arbeit mit seinem Hobby, der Kunst, verbindet.
SRF: "Mit meinen Reportagen will ich die Zuschauer im Innersten berühren"

Herr Bäni, Sie haben zuletzt Peter Haag beim Wiederaufbau seiner Firma begleitet, die in Flammen aufgegangen war. Wie war das Echo nach der Ausstrahlung? 
Der Protagonist erhielt nach der Ausstrahlung der zweiteiligen Reportage nur wohlwollende Reaktionen. Die interne Sendekritik war ebenfalls gut. Beide Teile erzielten über 28 Prozent Marktanteile, sie kamen also auch beim Publikum sehr gut an.

Was wollen Sie mit Ihren Filmen über Einzelschicksale bewirken? 
Bevor ich jeweils an den Schnitt gehe, muss ich wissen, für welche Überhöhung, welches Mythologem, die Geschichte steht. Diese tiefere Bedeutung versuche ich klar herauszuarbeiten, ohne jedoch moralisierend zu sein. Gelingt dies, läuft im Kopfe des Zuschauers der Film nach dessen Ende weiter und kann so zu Diskussionen anregen.

Inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit bei DOK von der früheren bei der Rundschau? 
Beiträge in der Rundschau gestaltete ich oft konfrontativ. Statt mit Politikern und Wirtschaftskapazitäten, habe ich es heute mehrheitlich mit Menschen aus allen sozialen Schichten zu tun. Die Annäherung an Protagonisten in "meinen" Reportagen und Dokumentarfilmen ist generell mehr empathisch. Falls möglich, drehe ich über einen längeren Zeitraum. Eine Langzeitbeobachtung stellt den Menschen und seine Entwicklung dar. Jede Auseinandersetzung mit einem Thema sollte eine Essenz ergeben, die einem Reifeprozess entspricht.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit bei DOK verändert, seit Marius Born Redaktionsleiter ist? 
Marius Born gibt mir viele Freiheiten und schenkt mir Vertrauen. Er hat stets ein offenes Ohr für Anliegen und seine Türe ist nie geschlossen. Wir diskutieren heute mehr über die Qualität unserer Produkte als früher. Marius fördert die intensive Auseinandersetzung mit unseren Werken, und dafür bin ich ihm dankbar.

Nehmen Sie eigentlich auch anderweitige Aufträg an, als freier Journalist? 
Nein, ich arbeite ausschliesslich für die SRF-Abteilung Dokumentarfilme und Reportagen.

Welches sind die Nach- aber auch Vorteile in einem One-Man-Team? 
Als Videojournalist (VJ) und Ein-Mann-Team wird man oft unterschätzt. Das betrachte ich als Vorteil, denn die Menschen verhalten sich aus diesem Grund natürlicher. Wenn sie ungezwungen agieren, entstehen gute, authentische Filme. Bin ich alleine unterwegs, hat man niemanden, mit dem man sich über das Erlebte aussprechen kann und man ist auch auf sich gestellt, wenn es brenzlig wird. Ich sah beispielsweise in Afrika Menschen an Unterernährung sterben und musste damit als VJ vor Ort selber klarkommen. Und wenn man in einem Slum von mehreren Männern umringt wird, die einem die Kamera wegnehmen wollen, fühlt man sich auch etwas verloren.

Mit welcher Intention sind Sie an den Film "Der Jugendanwalt" herangegangen? 
Ich wollte ein  Porträt über Hansueli Gürber drehen, der als Jugendanwalt und Privatperson seine ganz eigenen Wege geht.

Haben Sie schon während den Dreharbeiten geahnt, was die Carlos-Sache in der Bevölkerung auslösen könnte? 
Ich ahnte, dass der Film einige Diskussionen auslösen könnte. Nachdem sich der Jugendanwalt am Schnittplatz den Film angesehen hatte, sagte ich ihm, dass der Fall Carlos brisant sei und für Gesprächsstoff sorgen könnte. Gürber schmunzelte und sagte: "Ich bin mir Gegenwind gewohnt".

Carlos sagte im Interview gegenüber der "Weltwoche", dass er von Anfang an seine Zweifel am Film hatte und nur eingewilligt habe, da nicht er, sondern Jugendanwalt Gürber Protagonist sein sollte. Wie gehen Sie mit der Kritik um, dass Carlos im Film zu präsent platziert wurde? 
Schon beim ersten Dreh nahm mich Hansueli Gürber zu einem Standortgespräch mit Carlos mit. Der Jugendanwalt war stolz auf das von ihm entwickelte Sondersetting und wollte dieses der Öffentlichkeit als Erfolgskonzept präsentieren. Als Filmschaffender fand ich das Beispiel Carlos ideal, um das berufliche Wirken des Jugendanwaltes darzustellen. Gürber geht mit den Jugendlichen auf unkonventionelle Art und Weise um und sucht nach Lösungen, die Aussenstehende teilweise nur schwer nachvollziehen können. Ich verstehe, dass sich die Involvierten im Nachhinein über die Auswirkungen der Reportage ärgern. Die Frage, die ich mir stellen muss, ist, ob ich journalistisch korrekt gearbeitet und den Sachverhalt richtig dargestellt habe. Ich kann sie nur bejahen. Hinzu kommt, dass sich Gürber den Film vor dessen Ausstrahlung ansah. Trotz den kritischen Fragen, die ich ihm während den Dreharbeiten gestellt hatte, war er mit der Darstellung voll und ganz einverstanden.

Sie haben gesagt, Sie würden mit Carlos gerne noch einmal vor der Kamera sprechen. Was würden Sie ihn fragen? 
Ich würde Carlos gerne mit der Kamera auf seinem weiteren Lebensweg begleiten und festhalten, wie er sich verändert und entwickelt. Daraus würden sich sicherlich viele Fragen ergeben.

Sie arbeiten auch als Künstler. Welches sind die Parallelen der beiden Berufe "Künstler" und "Filmemacher"? 
Die Malerei ist eine Art Gegenwelt, in der ich versuche Brücken zwischen dem realen Abbild der sichtbaren Natur und der gestaltbildenden Kraft zu schlagen. In meinen Reportagen versuche ich dies ebenfalls, indem ich versuche, die Zuschauer in ihrem Innersten zu erreichen.

Was wollen Sie mit Ihren Bildern aussagen? 
Mich interessieren die grossen Fragen unseres Daseins. Ohne religiös zu sein oder einer spirituellen Gemeinschaft anzugehören, versuche ich in den Bildern die evokative Kraft des Geistes einzuschleusen. Die Werke sind vollgepackt mit Impulsen, Theorien, Deutungen und Hinweisen.

Was sind Ihre nächsten Projekte? 
Zurzeit arbeite ich an einer Reportage über Menschen, die alle arg vom Schicksal gebeutelt wurden und trotzdem eine unglaublich positive Einstellung gegenüber dem Leben bewahrt haben. Weshalb gelingt es ihnen, trotz Krankheit und tragischem Verlust, glücklich zu leben? Antworten darauf gibt es am Sonntag, 5. Januar 2014 in der Sendung Reporter.

Interview: Marco Lüthi/Bilder: ZVG



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