12.02.2015

Robert Kisch

"Niemand, wirklich niemand hilft dir"

Einst interviewte er Hollywood-Grössen und galt als Edelfeder, heute verkauft er Möbel: Der Journalist Robert Kisch - der Name ist ein Pseudonym - ist der Wirtschafts- und Medienkrise und dem Alter zum Opfer gefallen. Plötzlich, völlig unvorbereitet. Über das böse berufliche Erwachen und seine Erfahrungen als Verkäufer hat er ein Buch geschrieben. Seinem alten Leben trauert der Endvierziger auch mehr als drei Jahre nach dem erzwungenen Berufswechsel noch nach: "Es war für mich irritierend zu erkennen, dass mein schreiberisches Können, meine Persönlichkeit so unwichtig sind", gibt er im Interview mit persoenlich.com zu Protokoll.
Robert Kisch: "Niemand, wirklich niemand hilft dir"

Herr Kisch, wie haben Sie heute verkauft?
Verkaufen hat oft mit Glück zu tun, auch wenn das all die umtriebigen Verkaufstrainer nicht wahrhaben wollen. Insofern war heute ein guter Tag. Ein Kunde ist noch einmal wiedergekommen und hat meinen Umsatz gerettet.

Früher verkauften Sie Beiträge, heute Möbel. Was können Sie besser?
Mein Herz hängt eher daran, Geschichten zu suchen und zu schreiben. Weniger daran, Geschichten anzubieten. Insofern ist der Vergleich nicht ganz einfach.

"Ich war ein Reporter, dessen Texte inhaliert wurden", schreiben Sie im Buch. Statt als erfolgreicher Journalist arbeiten sie seit drei Jahren als Möbelverkäufer. Was war das Schlimmste an dem Berufswechsel?
Es war ein erzwungener Wechsel, das muss ich betonen. Ich habe mit Leib und Seele Texte geschrieben, das hätte ich freiwillig niemals aufgegeben. Wie übrigens auch so viele andere Kollegen, die sich in dem gleichen Konflikt befinden. In meinem neuen Alltag geht es nicht mehr um "Herz" und "Seele", sondern nur noch darum Geld zu verdienen. Die Welt eines Verkäufers ist abseits der zur Schau gestellten Fröhlichkeit meist leer und stumpf.

Bei beiden Berufen geht es um das Geschichtenerzählen. Aber natürlich sind das andere Geschichten und andere Erzählweisen. Wie schwer ist Ihnen die Anpassung an das neue Metier gefallen?
Die Zielrichtung ist eine andere. Wenn ich einen Text schreibe, dann will ich etwas mitteilen, vielleicht unterhalten, auf jeden Fall über das Leben nachdenken. Und ich will dadurch mit Lesern komunizieren. Bücher waren immer schon Zeitmaschinen, die es ermöglichten mit längst vergangenen Epochen in Kontakt zu treten. Als Verkäufer will ich ausschliesslich verkaufen. Letztlich interessieren mich auch nicht die Menschen, die ein Möbelstück kaufen. Und umgekehrt will kein Käufer mit mir über das Leben nachdenken. Kunden wollen lediglich den besten Preis.

Was sind die Grundregeln, die im Möbelhaus gelten?
Jeder ist sich selbst der Nächste. Irgendwie durchkommen. Es gibt keine Solidarität untereinander. Häme und Neid. Dazu Druck von der Unternehmensführung. Denen geht es nur um den Umsatz. Manche Geschäftsführer kennen nicht einmal die Namen ihrer Mitarbeiter.

Für einen Journalisten mit einem Namen gibt es – so sollte man zumindest denken – auch noch andere Wege Geld zu verdienen. Die PR-Branche zum Beispiel. Oder irgendwo in einer Medienstelle. Geschrieben wird vielerorts. Wieso sind Sie im Möbelhaus gelandet?
Genau das habe ich auch lange Zeit gedacht. Irgendwie muss das doch gehen ... Irgendwie ginge das wahrscheinlich sogar. Aber nicht so, dass ich eine Familie ernähren könnte. Kinder zu haben ist in der Kreativbranche nicht unbedingt selbstverständlich. Als typischer Metropolen-Single, ohne Verpflichtung, hätte ich mich bestimmt irgendwie durchgeschlagen, machen ja auch viele Freiberufler. Aber mit einem Kind braucht es Planbarkeit. Als Vater kann ich nicht mal eben vier Wochen herumgondeln, für eine Reportage. Ich möchte aber auch noch mal klarmachen, dass ich kein Einzelfall bin. Welcher freiberufliche Journalist oder Fotograf oder Dokumentarfilmer kann denn heutzutage noch gut leben?

Ein Reporter, ein Journalist lechzt nach Öffentlichkeit, nach Anerkennung. Sie haben nun zwar ein Buch veröffentlicht, aber unter Pseudonym. Sind Sie auf Entzug? Oder sind Sie ein besserer Mensch geworden?
Ich hoffe schon ein besserer Mensch zu sein  - aber das Buch habe ich geschrieben, weil ich sowieso nichts mehr zu verlieren hatte. Und weil mich zwei Schicksalsgefährten darum gebeten haben: Sag der Welt, was hier abgeht! Wir alle sind zwar irgendwann einmal Kunden, aber wer weiß schon, was in den Köpfen von Verkäufern und Verkäuferinnen vorgeht.

Liest man Ihr Buch, so gewinnt man den Eindruck: Zumindest in gewisser Weise war der Berufswechsel auch eine Befreiung. In welcher Weise?
Scheitern beinhaltet tatsächlich auch eine Form von Freiheit. Es ist eh alles egal, also muss man sich keinen Zwängen mehr unterwerfen. Man kann sich lösen von Erwartungen, Illusionen und Eitelkeiten.

Sie würden sofort wieder in den Journalismus zurückkehren, konnte man im "Spiegel" lesen. Ist der Druck nicht fast der gleiche wie im Möbelgeschäft mittlerweile?
Mag sein, dass der Druck der gleiche ist, aber Schreiben ist nun mal mein Leben. Es gibt einen Sinn. Verkaufen ist nur dann nicht tödlich, wenn Geldverdienen der einzige Sinn im Leben ist.

Die Arbeit auf Provision: Ist das unmenschlich? Macht einen das kaputt? Viele Verleger würden ja liebend gerne auch auf dieses System umstellen...
Arbeit auf Provision ist brutal "ehrlich". Es zählt nicht deine Persönlichkeit, nicht dein Können, erst recht nicht deine Menschlichkeit – es zählt einzig und alleine die Unterschrift unter einem Kaufvertrag. Egal, wie die zustande gekommen ist. Bleibt diese Unterschrift allerdings aus, dann hast du versagt. Und zwar vollständig. Für die Arbeitgeber ein Traum: der Arbeitnehmer finanziert sich selber seinen Arbeitsplatz und verschenkt dazu noch den grössten Teil des Gewinns. Was ist allerdings die Folge? Eine hohe Fluktuation, ein extrem hoher Krankheitsstand und Null Identifikation mit dem Unternehmen. Und das bei fast allen Angestellten.

Was war die grösste Enttäuschung? Das mangelnde Verständnis Ihrer Exfrau?
Nein, es war für mich in erster Linie irritierend, dass mein schreiberisches Können, meine Persönlichkeit so unwichtig sind. Der entscheidendste Faktor in der Medienbranche ist offensichtlich ein beeindruckendes Elternhaus. Und ein tragfähiges Netz von Kontakten. Das habe ich leider unterschätzt. Ich musste mich alleine durchschlagen. Ich war wirklich so naiv zu glauben, dass es auf Talent ankommt, aber das interessiert letztlich nicht. Und niemand, wirklich niemand, hilft dir.

Würden Sie heute anders schreiben, andere Themen beackern wollen als Journalist?
Ein Buch über die Hintergründe des Verkaufens hätte ich mir früher nicht vorstellen können. Das gab es im deutschsprachigen Raum so gut wie gar nicht. Wie ticken Verkäufer und Verkäuferinnen? Was treibt Kunden um? Diesen ganzen Kosmos aus Geld, Macht und Intrigen hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Insofern muss ich beinahe dankbar sein über mein Scheitern.

Interview: Adrian Schräder//Bild: zVg


Das Buch "Möbelhaus - ein Tatsachenroman" (Droemer Knaur, München, 320 S., 19.50 CHF) von Robert Kisch ist bereits erschienen.



 



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