21.11.2013

Tages-Anzeiger

"Stil hat, wer keinen Unfug schreibt"

"Stil ist eines der letzten Tabus und eine der grossen unerschlossenen Ressourcen im Journalismus", schreibt Constantin Seibt in seinem neuen Buch "Deadline". Wichtig sei nicht die Regelmässigkeit, sondern der Normbruch. Wie hat er selber Stil gelernt und welche Dienste kann der "Scheiss-Detektor" dabei leisten? Im Interview spricht der mehrfach ausgezeichnete Journalist über Edelfedern und den Stand der Konvergenz beim "Tages Anzeiger".
Tages-Anzeiger: "Stil hat, wer keinen Unfug schreibt"

Herr Seibt, in der aktuellen "Weltwoche"-Medien-Kolumne schreibt Kurt W. Zimmermann über Tagi-Edelfedern und listet dabei auch die Zahl Artikel auf, die Sie in den letzten zwei Monaten publizierten. Sie publizierten demnach 5 Texte. Stimmt diese Zahl?
Natürlich stimmt die Zahl. Eine von Kurt Zimmermanns Kernkompetenzen ist ja, SMD-Artikel auszuzählen. Nur wie in Statistiken üblich, sagt eine Zahl alles mögliche, aber nicht die ganze Wahrheit. Denn zu seinem (oder meinem) Pech hatte ich letzten Monat aus familiären Gründen unbezahlten Urlaub. Und habe dementsprechend keine Zeile geschrieben. Kein Wunder, hält Zimmermann mein Leben für leicht.

Wird sich die Redaktion der Zukunft zunehmend aus "Edelfedern" einerseits, und "Handwerkern" andererseits zusammensetzen?
Was die Trennung zwischen Lang- und Tretmühlenschreibern betrifft: Ja, es gibt diese Tendenz. Und ich halte sie für entschieden falsch. Denn sie vernichtet Leute, Zeitungsqualität und Talent. Nichts gegen Tempo. Aber wenn ein Journalist andauernd keine Zeit hat, auch länger nachzudenken, hat er kaum eine Chance auf einen eigenen Stil, eigene Gedanken, einen Namen, überhaupt eine Karriere. In unserem Job gibt es keinen Dank für Quantität - nicht von den Lesern, nicht von der Redaktion. Eines Tags wirst du müde und sofort vergessen. Das war's.

Stil sei "eine der grossen unerschlossenen Ressourcen im Journalismus", schreiben Sie in Ihrem Buch.
Stil macht 50 Prozent der Botschaft aus. Zwar ist Stil im Journalismus gern verdächtig, denn die meisten Journalisten kommen von der Information her. Sie halten schreiberische Lösungen für den Einsatz unlauterer Mittel. Doch um Wirkung zu erreichen, braucht es Stil. Man muss bei jeder Story nach deren Genre fragen. Und sich überlegen: Ist dies nun eine Tragödie, eine Komödie oder eine Routineangelegenheit? Dass im Journalismus nur wenige Textformen angewendet werden, funktioniert wie eine Zwangsjacke: Es verhindert zwar den schlimmsten Wahnsinn, aber auch echte Bewegung. Uniformierter Stil uniformiert auch die Ereignisse: Egal, was passiert ist, am Ende klingt fast alles gleich.

Wo vermissen Sie Stil?
Bei Planung und Blattkritik in den Redaktionen redet man ausschliesslich über Inhalt – vielleicht noch über die Berichterstattung der Konkurrenz. Aber nie darüber, ob die Story besser wäre, wenn sie beispielsweise als persönliche Erfahrung, als Quiz oder als Chronologie mit Uhrzeiten erzählt worden wäre. Die stilistischen Lösungen sind es jedoch, die einem Text Wucht geben.

Wird der Fokus auf Stil die Zeitungen über den Strukturwandel hinweg retten?
Ein Medium wird nur überleben, wenn es die Leser begeistern kann. Stil ist eine wichtige Zutat dafür. Denn jeder klare Stil trennt und verbindet Leute, er schafft Anhänger und Gegner, also Clubs. Egal, ob Bauarbeiter, Damen vom Zürichberg oder die Vorstadt-Jungs: Der Stil zeigt, ob jemand zur Gruppe gehört oder nicht. Jedes Produkt hat ein Problem, wenn alles allen halb gefällt und keinem wirklich. Verlage sollten nicht nur über Inhalte und Kanäle nachdenken, sondern vor allem über die Haltung, die transportiert wird. Denn Haltung schafft einen Stil: nach innen wie nach aussen.

So uniform sind die Schweizer Medienprodukte doch nicht: "Weltwoche", "Blick" oder der "Tages-Anzeiger" pflegen doch unterschiedliche Stile.
Klar, da gibt es schon unterschiedliche Stile. Doch innerhalb dessen, was möglich ist, sind diese Möglichkeiten nicht wirklich ausgeschöpft. Zudem ist der Stil praktisch aller Zeitungen noch sehr aus dem 20. Jahrhundert. Die NZZ zum Beispiel ist zwar ein vorbildlich stilvolles Blatt. Viele Leute kaufen sie nur deswegen, weil sie zum Club der NZZ-Leser gehören wollen. Ihr Problem jedoch ist: Die NZZ war viele Jahrzehnte für die Schweiz, was die Prawda für Russland war: die Zeitung der Macht. Es zählte sogar, was dort nicht geschrieben stand. Denn das existierte nicht. Weil sie ein Jahrhundert lang Vordenker, Inquisitor und Hofblatt des regierenden Freisinns war, erschuf sich die NZZ einen Stil zwischen den Zeilen, ein stetiges Augenbrauenheben in jedem Adjektiv, kryptische Titel, labyrinthische Sätze. Denn man musste sie lesen, wenn man wissen wollte, woher der Wind wehte. Mittlerweile hat die FDP und damit die NZZ ihre Macht verloren, doch ihr Stil blieb. Doch statt Ehrfurcht und Schrecken verbreitet er nun öfter unfreiwillige Selbstironie.

Selbstironie?
Damit meine ich superkryptische Titel, Sätze mit endlosen Einschüben, ein Wirtschaftsteil, der die Wirklichkeit tadelt, wenn die Wirklichkeit nicht dem Lehrbuch entspricht – es gibt keine andere Zeitung, die so pausenlos urteilt, wie die NZZ. Diesen Stil muss sie ändern: Sie muss eine echte Zeitung werden. Aber die NZZ ist nur ein Beispiel von vielen für einen 20.-Jahrhundert-Stil. Ein Wandel von Zeitungen ist unglaublich schwierig.

Im Buch tadeln Sie ausschweifende Adjektivverwendung und empfehlen zur Vermeidung den "Scheiss-Detektor".
Hemingway empfahl jedem Schreiber einen "built-in, shock-proof shit detector". Stil hat man, wenn man keinen Unfug schreibt. Und Unfug schreibt man meist, wenn man Dinge publiziert, die niemanden interessieren, nicht einmal einen selbst. Die Hälfte der täglich publizierten Texte fällt in die Kategorie: eigentlich Bullshit. Journalisten sollten das lassen. Also keine Pressekonferenzen breit schlagen, die eigentlich langweilig waren oder Politikern nicht sinnlos Statements abzumelken, um irgendwie einen Skandal daraus zu konstruieren. Journalisten sollten so wenig wie möglich Bullshit produzieren. Sie sollten erwachsen werden.

Wie haben Sie sich selber Stil angeeignet?
Mit 14 wollte ich Schriftsteller werden. Ich begann deshalb, alle möglichen Autoren zu kopieren. Acht Jahre lang habe ich den Affen gespielt, furchtbare Storys ohne Handlung geschrieben à la Kafka oder James Joyce. Dann begann ich mit einem Kollegen, Michael Spittler, einen Krimi. Es war eine enorme Erleichterung, endlich Action zu schreiben. Wenn man nicht mehr weiter wusste, liess man einen Mann mit Pistole die Tür eintreten. Am meisten übers Schreiben habe ich gelernt, als wir beide am Schluss das gesamte fertige Buch durchsprachen. Während zwei Wochen diskutierten wir 12 Stunden täglich Satz für Satz. Dabei griff jeder die Lieblingsstellen des anderen an und verteidigte die eigenen. Dabei fragten wir uns immer wieder: Ist diese Pointe gut? Sind die Formulierungen scharf? So habe ich gelernt, über das Handwerk zu sprechen.

Also eher "Learning by doing" als auf akademischem Weg.
Nach der Uni musste ich hart daran arbeiten, um sie wieder zu vergessen. Ich studierte Germanistik an der Universität Zürich. Doch das war eine Enttäuschung. Während die Werke der Weltliteratur so geschrieben sind, dass man nach Seite 1 freiwillig auf Seite 2 blättert, ist dies bei 99 Prozent der germanistischen Arbeiten nicht der Fall. Das heisst: Aus lebendigem Ausgangsstoff werden trockene Akten. Das Germanistikstudium ist die perfekte Vorbereitung, um Beamter zu werden. Das wollte ich nicht. Den akademischen Stil wieder los zu werden, brauchte Jahre Arbeit.

Könnte dieses Abschütteln des Wissenschaftlichen mit ein Grund dafür sein, dass Sie es mit dem Zitieren nicht so eng sehen, was Ihnen z.B. Roger Schawinski in der Kolumne über "Edelfedern" vorwarf?
Roger Schawinski warf mir sogar vor, Zitate erfunden zu haben. Dies ist ein ziemlich harter Vorwurf. Würde er stimmen, wäre ich zu Recht meinen Job los. Es ging um einem Artikel über den Finanzplatz, mit ziemlich viel cleveren, aber anonymen Zitaten. Roger fand sie zu intelligent. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich von einem Banker stammen könnten. Meine Antwort war: Es liegt an der Art zu fragen. Er kommt mit seinem Maschinengewehr-Stil zwar oft weit. Aber nicht immer. Manchmal funktioniert die freundlichere Methode besser.

Muss man für einen charakteristischen Schreibstil, wie Sie in pflegen, formalistische Anforderungen über Bord werfen? Oder andres gefragt: Ist gerade dieses sich Hinwegsetzen über Konventionen das, was Seibt-Texte ausmacht?
Journalisten arbeiten in der Aufmerksamkeitsindustrie. Und in dieser zählt nicht die Regelmässigkeit, sondern der Normbruch. Ein Familienvater, der ein Leben lang alles korrekt tut, ist keine Zeile wert, ein Hund mit drei Köpfen ist Weltsensation. Das Problem beim stilistischen Normbruch ist, trotzdem keine Fehler zu machen, weil sie das ganze Projekt versenken. Unterläuft mir einer, dann höre ich es auch tagelang am Telefon. Als ich einmal den Agio falsch erklärt hatte, hatte ich mehr als ein Dutzend Wirtschaftsanwälte am Draht. Alle etwa eine halbe Stunde lang. Und alle triumphierend: Geben Sie zu, dass Sie ein Stümper sind, Herr Seibt!

Welchen Ihrer Texte würden Sie bezüglich Stil als besonders gelungen bezeichnen?
Stilistisch gut ist ein Text dann, wenn zum Thema ein Stil gefunden wird. Beim Text über den Werber Howard Luck Gossage (Anm. d. R.: vgl. tages-anzeiger.ch) versuchte ich, präzis im Gossage-Stil zu arbeiten, wo ich dann auch nach 20‘000 Zeichen einen Coupon eingefügt habe, in Analogie an die bekannten Gossage-Coupons.

Lassen Sie uns noch über die Stimmung auf Ihrer Redaktion sprechen. "Auf die Länge sind wir alle Online-Journalisten", schreiben Sie in "Deadline". Doch mit der Konvergenz hapert es, wie der Tagi-Protestbrief von letzter Woche unmissverständlich aufzeigte.
Das Zusammenlegen zweier Redaktionen verursacht immer Feuer, selbst unter günstigen Verhältnissen. Und wenn dabei zusätzlich noch 15 Prozent weniger Budget zur Verfügung stehen, resultiert unweigerlich in ein hartes Ressourcen-Problem. Alle Abläufe müssen neu organisiert werden und es stellt sich die Frage, wo Zeit und Geld investiert werden: in Print, Online oder Sitzungen? Und dann: In schnelle Texte oder Recherchen? In Ausland oder Lokales? Etc. Vom Produkt her gedacht, ist die Differenz Print-Online nicht gross: Ein Text ist ein Text. Es interessiert niemand, ob Print oder Online. Interessant ist einzig die Frage: Wie viel Zeit stand einem Journalisten dafür zur Verfügung? Den Leser interessiert nur, wie gut der Text trifft. Halbgutes wird gar nicht richtig wahrgenommen - auch wenn es bewundernswert schnell produziert wurde. Meine Strategie für Print wie Online wäre gleich: Es geht um die Produktion von wirklich guten Stories. Für den Rest zahlt niemand.

Warum haben Sie den Protestbrief nicht unterschrieben?
Wollte ich. Nur verpasste ich den Termin für die Unterschrift, weil ich den Brief auf dem Handy am Sandkasten gelesen hatte, während das Kindchen eine Burg baute. Und das Datum nicht im Kopf hatte. Der klassische Fall eines von Multitasking überforderten Vaters. Aber es ist ein präziser Brief, eine notwendige Debatte. Ich stehe dahinter.

Wie ist die Stimmung auf der Redaktion?
Momentan arbeiten alle enorm viel, trotzdem ist das Resultat nicht wirklich überzeugend. Wobei: Bei grösseren Fusionen - wie hier Print und Online - ist dies keine Überraschung. Das Problem ist ja, dass alle zentralen Routinen geändert wurden und damit hunderte von Entscheidungen neu gefällt werden müssen: Eigentlich müssten wir ja beide Produkte neu denken. Die Prioritäten zu setzen, ist das Problem: Sollen wir auf Tempo setzen oder die "Big Hits"? Auf Klicks oder Begeisterung? Auf Dossier-Kompetenz oder Generalisten? Und falls die Entscheidung für beides fällt: Für was entscheidet man sich im Konfliktfall?

Maurice Thiriet, Simone Meier und Philipp Löpfe – einige langjährige, profilierte Redaktoren wandern ab zum Online-Projekt Watson. Wohin zieht es Sie?
Der Tagi ist eine sehr grosszügige, freundliche, kompetente Redaktion – das ist klasse. Aber auch komplex, unter Druck und voller Routine. Kein Wunder versteht jeder die Kollegen, die das Abenteuer wählen.

Das Abenteuer Watson reizt Sie nicht?
Klar. Watson ist ein cooles Projekt. Natürlich bin ich neugierig, erkundigte mich und wünsche ihnen alles Glück der Welt. Aber einer der Nebenprodukte des Fusionsprozesses ist: der "Tages-Anzeiger" ist auch nicht der unspannendste Ort.

Sie wollten früher Bücher schreiben, landeten aber im Journalismus. Was fasziniert Sie, weiterhin in dieser Branche zu bleiben?
Was am Ende des Tages von Menschen, Firmen, Staaten, Städten und Vermögen bleibt, sind Geschichten. Und so finster die Welt auch sein mag: Ich glaube daran, dass sie ein besserer Ort ist, selbst wenn sie genau so finster bleibt, wenn ihre Geschichten wenigstens besser erzählt sind.

Interview: Edith Hollenstein, Bild: zVg


Constantin Seibt ist 1966 in Frankfurt am Main geboren. Nach mehreren Jahren als Redaktor bei der WOZ wechselte er 2006 zum Tages-Anzeiger. Seit Mai 2012 schreibt Seibt seinen Blog Deadline zum Thema "Journalismus im 21. Jahrhundert", worauf auch sein neustes Buch "Deadline – Wie man besser schreibt" basiert. Das Buch erschien bei Kein und Aber

Am Dienstag, 26. November diskutiert Seibt sein Buch öffentlich mit Res Strehle, Michèle Binswanger, Daniel Binswanger, Roger Schawinski, Christof Moser und Peter Hogenkamp. Die Veranstaltung findet im Theater Neumarkt in Zürich statt. Details lesen Sie hier.  

 



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