19.04.2017

Reporter ohne Grenzen

Unabhängige Medien noch mehr unter Druck

Ein Sprecher der NGO befürchtet, dass sich die Situation für Medienschaffende in der Türkei verschärfen wird. Die deutsche Tageszeitung «Welt» hat derweil als Zeichen des Protests gegen die Inhaftierung ihres Korrespondenten Deniz Yücel die Kommentarspalte ihrer Mittwochs-Ausgabe frei gelassen.
Reporter ohne Grenzen: Unabhängige Medien noch mehr unter Druck
An der Kundgebung in Zürich vom 8. April: Ein Plakat wirbt für die Freilassung des deutsch-türkischen Korrespondenten Deniz Yücel. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Nach Einschätzung von Reporter ohne Grenzen (ROG) wird die Situation für unabhängige Medien in der Türkei noch schwieriger. Denn die Stimmberechtigten in den grossen Städte, in denen die oppositionellen Medien beheimatet seien, hätten mehrheitlich gegen Staatspräsident Erdogan gestimmt, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske am Dienstag.

«Ich vermute, dass er versuchen wird, noch stärkeren Druck auszuüben, um die letzten unabhängigen Medien dort auch noch zum Schweigen zu bringen», sagte Rediske weiter. Gewonnen habe Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Volksabstimmung vor allem wegen einer Mehrheit im Landesinnern.

Auch mit Blick auf die Situation des inhaftierten Deniz Yücel, Korrespondent der deutschen Tageszeitung «Welt», warnt Rediske vor übergrossen Hoffnungen: «Ich bin nicht so optimistisch wie manche, die gedacht haben, nach einem erfolgreichen Referendum könnte Erdogan sich gnädig zeigen. Er ist aber kein gnädiger, sondern ein aggressiver Herrscher.»

Und Erdogan habe schon vor dem Volksentscheid angekündigt, dass er Yücel unter keinen Umständen nach Deutschland freilassen werde. «Das spricht eher dafür, dass die Untersuchungshaft lange dauern wird», sagte der ROG-Vorstandssprecher weiter.

Zeichen des Protests

Als Zeichen des Protests gegen die Inhaftierung ihres Türkei-Korrespondenten liess die «Welt» auf der Titelseite ihrer Dienstagsausgabe die Spalte für den alltäglichen Kommentar frei. Lediglich die Überschrift «Freiraum für Deniz*» stand über der weissen Fläche.

«Derzeit kann Deniz Yücel nicht über die Türkei – das Land, das er trotz seiner Fehler und Mängel liebt, wie er bei seiner Vernehmung im Februar gesagt hat – berichten. Daher bleibt dieser Platz heute leer», steht als Anmerkung am Ende der Spalte. Ausserdem wurde der für Twitter genutzte Hashtag #FreeDeniz hinzugefügt. Am 8. April hatten in Zürich unter dem gleichen Hashtag über 150 Personen, darunter viele Medienschaffende, die Freilassung aller in der Türkei inhaftierten Journalisten gefordert (persoenlich.com berichtete).

Yücel war Ende Februar in Untersuchungshaft genommen worden. Als Begründung hatte der Haftrichter Terrorpropaganda und Volksverhetzung angeführt. Erdogan beschuldigte ihn zudem der Spionage. Beweise für ihre Vorwürfe legten bisher weder die Justiz noch der Präsident vor. Deutschland fordert die Freilassung des Journalisten (persoenlich.com berichtete). (sda/dpa/apa/tim)

 



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