15.05.2017

Investigativer Journalismus

«US-Bürger glauben an die ‹Mission› der ‹New York Times›»

Der amerikanische Medienökonom James T. Hamilton hat an einer publizistischen Konferenz der Tamedia einen Vortrag gehalten. Im Interview mit persoenlich.com erklärt er, dass sich investigativer Journalismus trotz hohen Kosten lohnt und weshalb Donald Trump über seinen Kampf gegen die Medien stolpern könnte.
Investigativer Journalismus: «US-Bürger glauben an die ‹Mission› der ‹New York Times›»
«Es ist schwierig, eine Globalisierungs-Geschichte zu erzählen, wenn man nicht mit Journalisten anderer Länder kooperiert», sagt James T. Hamilton, Hearst Professor of Communication und Director of the Journalism Program an der Stanford University. (Bild: Stanford University, Department of Communications)
von Tim Frei

Herr Hamilton*, in Ihrem neuen Buch «Democracy’s Detectives»* kommen Sie zum Schluss, dass «jeder Dollar, der in investigativen Journalismus investiert wird, Nutzen generiert für die Gesellschaft im Wert von Hunderten von Dollars». Können Sie das mit einem Beispiel erklären?
Die «Washington Post» hat 1998 eine Serie von Artikeln geschrieben, wie die Polizei der Stadt Washington 12 Menschen jährlich erschiessen konnte. Die Zeitung fand durch ihre eine halbe Million Dollar teuren Recherchen heraus, dass neue Polizisten ohne Training eingestellt wurden und ihnen eine schwer zu bedienende Pistole gegeben wurde. Nach der Publikation investierte die Polizei vier Millionen Dollar in Waffentraining für Polizisten. Im nächsten Jahr sank die Anzahl durch die Polizei erschossener Menschen um acht Personen. Gemäss der Regierung hat ein Menschenleben statistisch einen Wert von 9,5 Millionen Dollar. Wenn man dies alles in Betracht zieht, kommt man zum Schluss: Für jeden Dollar, den die «Washington Post» investierte, resultierten 150 für die Gesellschaft. Diese investigative Arbeit wurde schliesslich mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Der zentrale Befund Ihres Buches lautet, dass investigativer Journalismus vom Markt nicht unterstützt wird. Was sind die Gründe dafür?
Erstens sind die Kosten für investigativen Journalismus pro Geschichte vergleichsweise hoch. Journalisten in den USA wenden für grosse investigative Stücke durchschnittlich ein halbes Jahr Zeit auf. Diese Art Journalismus führt in der Regel zu einem Nutzen für die Gesellschaft, wie vorhin erklärt. Davon profitieren viel mehr Menschen als nur die Leserschaft eines Mediums. Das erschwert es Medien deshalb zweitens, diesen Nutzen zu monetarisieren. Drittens kann die Regierung zum Hindernis werden, indem sie Journalisten den Zugang zu heiklen Dokumenten erschwert.

Trotzdem wird investigativer Journalismus in den USA weiterhin praktiziert. Welche ökonomischen Erklärungen haben Sie dafür?
Grosse Zeitungen wie die «New York Times», die oft solchen Journalismus betreibt, können die Kosten dank ihrer grossen Leserschaft auf viel mehr Menschen verteilen im Vergleich zu kleineren Zeitungen. Dies erklärt auch, weshalb investigativer Journalismus bei Lokalzeitungen in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist. Ein weiterer Grund sind potente Eigentümer wie Einzelpersonen oder Familien: Diese haben oft den Stolz, dem Gemeinwesen beispielsweise durch die Enthüllung von korrupten Vorgängen in Politik und Wirtschaft zu dienen. Zu guter Letzt ist die Produktdifferenzierung von Medienunternehmen ein Anreiz für investigative Recherchen.

Inwiefern?
Wenn eine Zeitung die gleiche Geschichte wie ihre Konkurrenz erzählt, wird sie keine zusätzlichen Leser gewinnen. Zudem kann sie dafür kein Geld verlangen, da die Geschichte frei verfügbar ist. Medienprodukte können sich nun aber auf zwei Arten unterscheiden: Einerseits indem eindeutig ein neues Thema aufgedeckt wird oder andererseits indem ein bereits bekanntes Thema durch Storytelling in einer spezifischen Art und Weise präsentiert wird.

Ist diese Produktdifferenzierung auch der Grund für den Abonnenten-Zuwachs der «New York Times», nachdem Donald Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt wurde?
Genau. Ein Grund von vielen, ein Zeitungs-Abonnement abzuschliessen, ist zu spenden oder eine Mitgliedschaft abzuschliessen. Davon hat die «New York Times» profitiert: Früher haben viele gedacht, diese Geschichten könne man auch in anderen Zeitungen lesen. Jetzt hat sich das geändert: Da viele US-Bürger an die «Mission» der NYT glauben, sehen sie die sogenannte «psychische Rendite», die es bringt, ein Abonnement abzuschliessen.

Ein weiterer zentraler Befund ihres Buches ist, dass der «computational journalism» die Kosten von investigativem Journalismus senken könnte. Was verstehen Sie darunter»?
Man kann sich das als Werkzeugkasten für Journalisten vorstellen, mit dessen Hilfe sie eine Geschichte entdecken und erzählen können. Die Basis von «computational journalism» liegt darin, dass aus Unmengen von Daten ausgereiftere Algorithmen entwickelt werden können. Einerseits können Algorithmen selber Artikel schreiben, was bereits in der Sport- und Finanzberichterstattung zu beobachten ist. Andererseits können mit ihrer Hilfe Geschichten entdeckt werden, indem Algorithmen Auffälligkeiten in grossen Datensätzen herausfiltern. Und drittens können Journalisten den Einsatz von Algorithmen in Unternehmen oder politischen Institutionen zum Thema von Artikeln machen.

Viele Journalisten befürchten, dass sie durch solche Algorithmen ihren Job verlieren.
Schon heute werden viele Artikel nicht von Menschen geschrieben, weil dies zu teuer wäre. Ein gutes Beispiel dafür sind Quartalszahlen von kleineren Firmen: Die Associated Press generiert darüber Artikel durch den Einsatz von Algorithmen. Erst wenn diese Zahlen unerwartet ausfallen, wird ein Journalist involviert. Bei den Zahlen von grossen Firmen werden aber immer Journalisten eingesetzt, da für solche Berichte eine Nachfrage besteht – seien dies Investment-Analysten oder andere an den Quartalszahlen eines Unternehmens interessierte Personen. Algorithmen automatisieren letztlich Arbeiten, die für Menschen langweilig sind.

Schweizer Medien wie beispielsweise der «Tages-Anzeiger», die «SonntagsZeitung» oder «Le Matin Dimanche» kooperieren mit ausländischen Medien und liefern damit immer wieder grosse investigative Stücke, wie die «Panama Papers» (persoenlich.com berichtete). Was halten Sie davon?
In den USA sieht man dies ebenfalls: An den Eingaben für Journalismus-Preise konnte ich erkennen, dass es mehr solche Medienpartnerschaften gibt. Dafür gibt es viele Gründe: Einerseits hat der Rückgang der Werbeumsätze dazu geführt, dass Medienunternehmen über eine andere Verteilung ihrer Ressourcen nachdenken. Andererseits haben sie realisiert, dass Partnerschaften eine gute Möglichkeit sind, Fixkosten für investigative Berichterstattung aufzuteilen. Ich denke aber, dass man diese Form von Kooperation mehr in Europa sieht.

Weshalb?
In Europa gibt es wohl mehr Regionen, in denen sich Medien nicht direkt in Konkurrenz befinden. Ein weiterer Grund für Kooperationen ist die Globalisierung: Es gibt Institutionen, deren Entscheidungen sich auf mehrere Länder auswirken. Die Offshore-Geschichte «Panama Papers» ist dafür ein ideales Beispiel. Es ist letztlich schwierig, eine Globalisierungs-Geschichte zu erzählen, wenn man nicht mit Journalisten anderer Länder kooperiert.

Sie erwähnten, dass sich das Eigentum von potenten Individuen an Medien positiv auf investigativen Journalismus auswirken kann. Amazon-Chef Jeff Bezos ist seit Herbst 2013 Eigentümer der «Washington Post» (persoenlich.com berichtete). Hat sich die investigative Berichterstattung seither verändert?
Man sah eine Veränderung, weil plötzlich mehr Ressourcen verfügbar waren. Dies erlaubte es der «Washington Post», ihre investigative Arbeit auszuweiten.

Wenn Schweizer Zeitungen in den Besitz von Einzelpersonen gelangen, wird meist deren Unabhängigkeit infrage gestellt. Gab und gibt es solche Debatten auch in den USA?
Ich würde sagen eher weniger. Die Geschichte der USA zeigt, dass Medieneigentümerschaften durch Familien in New York und Washington zu grossem Nutzen für den Journalismus führten. In Chicago oder Philadelphia war dies für mehrere Jahrzehnte anders: Es gab beispielsweise eine Zeitung in Philadelphia, die eine Liste mit Personen führte, die nicht erwähnt werden durften, da diese die Besitzerfamilie geärgert hatten. Es ist richtig: Medieneigentümerschaft erlaubt es Familien, ihre Präferenzen zu verfolgen. Gewisse Familien verfolgen staatsbürgerliche Interessen, andere nicht.

Können Sie sich vorstellen, dass es unter Donald Trump ein Watergate 2.0 geben wird?
Ich habe kürzlich einen Artikel über die Parallelen zwischen Richard Nixon und Donald Trump geschrieben. Trump sagt in der Öffentlichkeit das, was Nixon privat im Weissen Haus sagte. Wir wissen das, weil es von Nixon Aufnahmen gibt, die er jeweils selber machte. Er sagte: Wir müssen die Medien attackieren. Erstens weil es unsere Basis anspricht, die Institutionen und Bildung infrage zu stellen. Zweitens weil unsere Wähler den Medien nicht glauben werden, wenn diese «schlechte» Geschichten erzählen.

Was sind generell die Parallelen von Nixon und Trump?
Sie teilen eine sehr zynische Sicht auf die Politik als ein Spiel. Und sie befürchten das Schlimmste bezüglich den Motiven von anderen Menschen. Das hat letztlich Nixon zur Strecke gebracht – er hatte keinen Respekt für das System «Checks and Balances» in der US-Regierung. Trump zeigt keinen Respekt für politische Institutionen. Daher glaube ich: Ja, wie Nixon könnte auch er stolpern.


James T. Hamilton* ist Hearst Professor of Communication und Director of the Journalism Program an der Stanford University in Kalifornien. Darüber hinaus ist er Mitgründer des Stanford Computational Journalism Lab sowie Autor verschiedener Bücher. Hamilton wurde für seine bisherigen Forschungsarbeiten mehrfach ausgezeichnet. Er hat an der Harvard University in Ökonomie doktoriert.

«Democracy’s Detectives: The Economics of Investigative Journalism»*
In seinem neusten Buch erforscht Hamilton, wie zur Enthüllung von Geschichten Kosten durch eine verbesserte Nutzung von Daten und Algorithmen eingespart werden können. Er hat dafür unter anderem über 12'000 Eingaben für die IRE-Awards (Investigative Reporters and Editors) zwischen 1979 und 2010 analysiert. Die Zeitschrift «Columbia Journalism Review» stuft sein Werk als «detailreichste und umfassendste Studie über die Entwicklung des investigativen Journalismus in den USA seit Watergate» ein. Das Buch ist 2016 im Verlag Harvard University Press erschienen.

Publizistische Konferenz bei der Tamedia
«James Hamilton ist einer der renommiertesten US-Wissenschaftler, wenn es um investigativen Journalismus geht und er bringt Disziplinen wie Data Science und Storytelling zusammen», begründet Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer die Einladung an Hamilton, bei der unternehmensinternen Konferenz aufzutreten, auf Anfrage von persoenlich.com. Den Bereich investigativer Journalismus möchte Tamedia weiterentwickeln.



Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang