11.01.2017

Verleger vs. Project R

Von den Königen zu den Rebellen

Am Dienstag traf sich die Schweizer Medienbranche gleich zwei Mal. Tagsüber an der Dreikönigstagung in Zürich Oerlikon. Und am Abend zur Kick-off-Party von Project R an der Langstrasse. Ein Besuch in zwei Welten.
Verleger vs. Project R: Von den Königen zu den Rebellen
Verlegerpräsident Pietro Supino und Project-R-Mitinitiant Constantin Seibt in Action. (Bilder: Keystone/Gaetan Bally (l.) und Jan Bolomey für Project R (r.))

Dreikönigskuchen und Schweizer Rotwein bei den Verlegern, Craft-Bier und Fruchtschorle beim alternativen Medienprojekt von Constantin Seibt und Christof Moser. Zwischen den beiden Medienhappenings liegen Welten. persoenlich.com berichtete tagsüber vom World-Trade-Center in Zürich Oerlikon, wo Pietro Supino seinen ersten grossen Auftritt als Verleger-Präsident hatte. Abends schauten wir beim Hotel Rothaus an der Zürcher Langstrasse vorbei, wo «Project R» das Team vorstellte. «Nichts Wildes. Nur Anstossen», hiess es in der Einladung.

Ein Grund zum Feiern war laut dem ersten Newsletter, dass «mit vier Tagen Verspätung auf den Rest der Welt, die traditionelle Dreikönigstagung der Schweizer Presse stattfindet.» Wenn die Könige der Branche sich im World-Trade-Center versammeln, dann sei es keine schlechte Idee, dass auch das Wickelkind der Schweizer Presse am Abend zu einem kleinen Fest einlade, so der Seitenhieb in Richtung Verleger.

Welche Gäste waren vor Ort? Und wie war die Stimmung? Vier Bildvergleiche geben einen Eindruck:

1. Serifen-Schrift vs. Arial

2. Krawatten-Träger vs. Pulli-Schick

Der freundlichen Einladung von Project R wurde rege Folge geleistet. Am frühen Abend waren rund 150 im Hotel Rothaus anzutreffen, zu späterer Stunde waren es sogar noch mehr. Und das, obwohl die Kick-off-Party (Eintrittspreis: 0 Franken) sehr kurzfristig am selben Tag angekündigt wurde. An der Dreikönigstagung (Eintrittspreis 620 Franken), im Gegensatz zu früher ohne Ringier und Publicitas, zählte die Gästeliste 250 Namen. Nach den Hauptattraktionen – den Referaten von Pietro Supino und dem «Medienmanager des Jahres» Christoph Tonini – lichteten sich die Reihen allerdings rasch. Hierbei zu erwähnen ist: Das Datum für die Dreikönigstagung wurde bereits vor einem Jahr bekannt gegeben.

Während die Teilnehmer an der Tagung des Verbands Schweizer Medien schick in Krawatte und Anzug anreisten, waren bei der Party von Project R hautsächlich Menschen mit Pullover und Schal zu sehen. Das überraschte allerdings nicht, denn während die Dreikönigstagung hauptsächlich Kaderleute, welche seit Jahren in der Branche tätig sind, anlockt, haben Christof Moser und Constantin Seibt vor allem Junge um sich geschart. Vom achtköpfigen Gründungsteam sind drei unter 30 Jahre alt. 

3. Pietro Supino vs. Constantin Seibt

Noch bis Ende 2016 arbeitete Seibt als Reporter für den «Tages-Anzeiger», welcher zum Grossteil der Familie von Tamedia-Verleger Supino gehört. Der aktuelle «Reporter des Jahres» will sich hinsichtlich der Strategie von den grossen Medienhäuser hierzulande distanzieren.

«Unser Job wird sein, eine Zukunft für den Journalismus abseits der grossen Verlage zu bauen», schreibt Seibt im ersten Newsletter. Die traditionellen Verlagshäuser würden die Publizistik verlassen. Sie investierten zwar noch Reden in ihr altes Geschäftsmodell, aber das Geld und die Ideen würden in den Aufbau von Internet-Handelshäusern fliessen. Das sei ökonomisch vernünftig, aber schlimm für die Demokratie, heisst es weiter.

Pietro Supino selbst blickt wenig optimitisch in die Verlagszukunft. Für die Medienbranche erwarte er ein «grauenhaftes» Jahr 2017, sagte er in seiner ersten Rede als Präsident des Verbands Schweizer Medien. 

4. Andreas Häuptli vs. Susanne Sugimoto

Während im World-Trade-Center keine einzige Referentin auf dem Podium stand, besetzt Project R gleich die Geschäftsführung mit einer Frau. Susanne Sugimoto verantwortete früher die Coop-Medienstelle sowie die Kommunikationsabteilung für Zentraleuropa bei Holcim. Heute führt sie eine selbstständige Beraterfirma.

Angesprochen auf Project R äussert sich Andreas Häuptli, Geschäftsführer des Verlegerverbands, bezüglich der Kommerzialisierung skeptisch. «Mit Idealismus alleine besteht man langfristig nicht», sagt er auf Anfrage von persoenlich.com. Dass ein Geschäftsmodell nötig sei, habe bereits das Projekt «Tageswoche» gezeigt. Eine Anschubfinanzierung könne über ein Crowdfunding funktionieren. Für die Sicherung des Tagesgeschäft tauge das aber kaum, ist Häuptli überzeugt. «Hier ist Know-how aus dem Medienmarketing gefragt. Da müssen die Initianten dann vielleicht doch noch jemanden holen, der aus dem klassischen Verlagsgeschäft kommt - auch wenn sie sich grad eher davon distanzieren möchten».

Weitere Impressionen der beiden Veranstaltungen finden Sie untenstehend:

 

Bilder: Jan Bolomey (Project R) und Gaetan Bally (Verband Schweizer Medien)

Text und Grafiken: Michèle Widmer und Edith Hollenstein



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Kommentare

  • Jürg schärer, 11.01.2017 23:00 Uhr
    Die konkrete Utopie gegen das allzu konkrete Unbehagen gegenüber der Presselandschaft: ein begeisternder Aufbruch.
  • Harry Burst, 12.01.2017 16:32 Uhr
    Ist doch schöööööön........... Gruss Harry
  • Oliver Brunner, 17.01.2017 17:16 Uhr
    Erinnert mich etwas an Watson. Alleswissende Medien-Napoleone machen das einzige Richtige, wissen aber selbst zu Beginn, dass es ökonomisch nicht funktionieren wird (Nur via Stiftung oder Spenden). Na, wenn das unsere Zukunft ist. Hansi Voigt gab nach drei Jahen zu, dass man sich zu spät um Mikro-Pay-Lösungen bemüht hat. Und by the way (auch das funktioniert nicht, wenn man dem Leser vor jedem Online-Artikel 2.20 Fr. abknüpfen muss).

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