02.01.2018

Jahresrückblick

Was die Medienbranche 2017 bewegte

«No Billag», Einheitsbrei, Christoph Blocher und Regionalmedien-Allianz lauten vier Schlagwörter aus dem vergangenen Medienjahr. Was ist sonst noch passiert? Und welche Personalrochaden sorgten für Wirbel? persoenlich.com blickt auf die letzten zwölf Monate zurück.
Jahresrückblick: Was die Medienbranche 2017 bewegte
Ein Blick zurück: Unter anderem zu sehen gibt es das Crowdfunding der «Republik», die Medienministerin Doris Leuthard und einen Handschlag zwischen AZ und NZZ. (Bilder: Keystone/zVg.)
von Michèle Widmer

Das Jahr begann mit einem Knall in der Westschweiz. Ringer Axel Springer Schweiz stellt die Wochenzeitschrift «L’Hebdo» ein. 37 Mitarbeiter aus Verlag und Redaktion verlieren ihre Stelle. Politiker und Vertreter der Branche sehen die Medienvielfalt in der Romandie gefährdet. 300 Personen versammeln sich in Lausanne zur einer Demonstration gegen die Einstellung von «L’Hebdo». Jedoch nützt alles nichts. Das Heft ist am 2. Februar das letzte Mal erschienen.

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Weniger überraschend kam ein ähnlicher Entscheid aus dem Hause NZZ: Das Medienhaus verkündete das Aus der Bezahlplattform NZZ.at auf Ende April. «Wir haben das Angebot mehrmals weiterentwickelt, dennoch blieb es hinter unseren Erwartungen», sagte CEO Veit Dengler im Interview mit persoenlich.com.

Nach Österreich folgte im Herbst die Ostschweiz: Die NZZ-Regionalmedien stellen die Printausgabe der «Ostschweiz am Sonntag» ein. 150 bis 200 Zusteller der Presto-Presse-Vertriebs AG drohen aufgrund der Einstellung ihre Teilzeitstelle zu verlieren.

Im Druckgeschäft sparen will auch Ringier. Die «Blick»-Herausgeberin druckt ab 2019 keine Zeitungen mehr und kündigt an, die Druckerei im Luzerner Vorort Adligenswil Ende 2018 zu schliessen. 172 Personen sind vom Abbau betroffen. Die Titel von Ringier sowie Ringer Axel Springer Schweiz werden künftig in den Druckereien von Tamedia in Zürich, Bern und Bussigny VD hergestellt. Nach der NZZ lässt künftig also auch Ringier seine Zeitungen bei Tamedia drucken.

Neue Onlineportale und TV-Sender

Während die grossen Verlage hierzulande Medientitel eingestellt haben, sind auch so einige frische Ideen lanciert worden. Das Medienprojekt des Jahres heisst «Republik». Anfang Januar stellen die Initianten Christof Moser und Constantin Seibt das Aufbauteam vor. Im April folgt schliesslich das grösste Medien-Crowdfunding der Schweiz. Bereits nach wenigen Stunden war das Ziel von 750’000 Franken und 3000 Abonnenten erreicht. Beendet wurde die Sammelaktion mit stattlichen 3,4 Millionen Franken und 13’845 Abonnenten. Im Dezember verkündet die Crew, die mittlerweile vollzählig ist, den Start am 15. Januar 2018.

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Nach der Ankündigung im letzten Jahr definitiv gestartet ist nun auch der Sender «MySports» von UPC. Im April landet der Sender eine Coup: Die langjährige SRF-Sportmoderatorin Steffi Buchli wird Programmleiterin und Moderatorin beim privaten TV-Sender. «Ich bin überrascht, wie überrascht alle sind», sagte sie dazu im Interview mit persoenlich.com.

Nebst Bucheli verlor SRF ein weiteres Aushängeschild an einen Konkurrenten. Der ehemalige «Tagesschau»-Moderator und London-Korrespondent Urs Gredig wird Chefredaktor bei «CNN Money Switzerland». Im November stellt das Team um CEO Christophe Rasch die Pläne des Wirtschaftssenders detaillierter vor. Ab dem 24. Januar wird der Sender ein dreistündiges Liveprogramm auf Englisch ausstrahlen. In den restlichen Stunden wird es Wiederholungen sowie ausgewählte Wirtschaftssendung von CNN geben.

Kurz vor Jahresende verliert SRF nochmals ein bekanntes Gesicht. Nach 38 Jahren beim Schweizer Fernsehen wird der Sportmoderator Marcel Hüppi Mitte Januar Präsident des FC St. Gallen.

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Während ausländische Sender in die Schweiz schielen, haben hiesige Portale die Fühler nach Deutschland ausgestreckt. Die AZ Medien haben mit der deutschen Werbevermarkterin Stöer einen Lizenzvertrag für watson.de abgeschlossen. «Wir stellen Technik, Marke und Konzepte in Form einer Lizenz exklusiv für den deutschen Markt zur Verfügung. Ströer geht ins unternehmerische Risiko, baut die Redaktion auf und führt das Portal», sagte «Watson»-Geschäftsführer Michael Wanner. Auch die NZZ lancierte ein Onlineangebot in Deutschland. Im Juli startet «NZZ Perspektive», welches unter anderem ein E-Paper und einen Newsletter mit Artikeln für den deutschen Markt beinhaltet.

Diskussion um No Billag

Während die breite Öffentlichkeit den Begriff «No Billag» zu Jahresbeginn noch nicht kennt, ist die Initiative aus Kreisen der Jungfreisinnigen und der Jungen SVP in der Medienbranche bereits ein Thema. Gegen Aussen als Kopf des Initiativkomittees tritt Olivier Kessler auf. «Die Politik hat die Medien abhängig gemacht», sagte er im Februar im ausführlichen Interview mit persoenlich.com.

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Als eines der ersten Aushängeschilder von SRF äusserte sich «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin öffentlich zur Debatte. «Die SRG steht in der Pflicht sich zu erklären», sagte er im Interview mit personlich.com.

Im März wird klar, dass der Name Billag so oder so verschwinden wird. Das Unternehmen verliert das Inkasso-Mandat für TV- und Radiogebühren. Ab 2019 wird die Firma Serafe die Gebühreneintreibung abwickeln. Gleichzeitig wird das Erhebungssystem angepasst. Neu sind mit wenigen Ausnahmen alle Haushalte und Unternehmen abgabepflichtig, unabhängig davon, ob sie einen Fernseher oder ein Radio besitzen.

Mitte Oktober nimmt die Debatte um «No Billag» auch ausserhalb der Branche Fahrt auf. Der Bundesrat verkündet, die Radio- und Fernsehgebühren ab 2019 von 450 Franken auf 365 Franken jährlich zu senken. Zudem erhält die Nachrichtenagentur SDA künftig zwei Millionen Franken. Und die Beiträge für die SRG werden bei 1,2 Milliarden Franken plafoniert. Gleichzeitig verkündet Medienministerin Doris Leuthard das Abstimmungsdatum für «No Billag» am 4. März 2018.

Damit ist die Kampagne zu «No Billag» lanciert. Die Medien berichten während Wochen ausführlich über die Folgen einer Annahme der Initiative. Vertreter von privaten TV-Sendern melden sich genauso zu Wort wie Kulturverbände. Ein Signal gab zudem die Zürcher SVP, welche «No Billag» eindeutig zur Annahme empfahl.

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Daraufhin waren in mehreren Medien Interviews mit SRG-Generaledirektor Gilles Marchand zu lesen. Im «SonntagsBlick» erklärte er, wie die SRG im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegen die Initiative kämpfen will. Eine Kampagne sei der SRG nicht möglich. In den Kampf mit ein, steigen nun auch weitere SRF-Aushängeschilder wie Susanne Wille, Sandro Brotz, Patrizia Laeri oder Reto Lipp. In Post auf den eigenen Social-Media-Kanälen stellen sie sich hinter ihre Arbeitgeberin.

Anfang Dezember schliesslich schaltete sich die Operation Libero in die Diskussion ein und bezeichnete die Initiative als «Anschlag auf die Demokratie». Es gehe nicht darum, die SRG als Institution zu retten, sondern das in der Verfassung verankerte Recht auf Information zu sichern. Die Liberos kündigen an, rund 285’000 Franken für die Kampagne zu sammeln, genauso viel, wie die Organisation im Kampf gegen die Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 benötigte. Weniger als eine Woche später ist das Sammelziel bereits erreicht.

Konzentrieren, fusionieren, verkaufen

Nebst politischen Diskussionen über den Service public, beschäftigte sich die Branche in der zweiten Jahreshälfte mit dem Thema Medienkonzentration. Den Anfang machte Tamedia mit dem Sparprojekt 2020. Nach wochenlangen Spekulationen ging der Verlag Ende August mit Details an die Öffentlichkeit. Ab 2018 legt das Medienhaus die Redaktionen der 14 Bezahlzeitungen in zwei konzentrierten Tamedia-Redaktionen zusammen. Von Zürich und Lausanne aus sollen diese Titel mit Inhalten aus Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport beliefert werden. Vor allem in Bern, wo Tamedia den «Bund» und die «Berner Zeitung» herausgibt, fürchteten Vertreter der Medienbrache sowie die Politik einen Verlust der Medienvielfalt. Vor dem Redaktionsgebäude in Bern kam es zu einer Protestaktion gegen den «Einheitsbrei».

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Kritisiert wird Tamedia vor allem dafür, dass das Unternehmen taumelnde Medientitel nicht mit florierenden Bereichen quersubventioniert, wie das Verlage traditionell gemacht haben. Rückendeckung erhält Pietro Supino in dieser Sache von Marc Walder. Auch der Ringier-CEO sieht im Journalismus kein Geschäftsmodell mehr: «Es wird blutig werden», lässt sich dieser im «Handelsblatt» zitieren. Eine Publikation in einem Medienunternehmen müsse mittelfristig mindestens eine schwarze Null schreiben, damit sie eine Daseinsberechtigung habe.

Was das heisst, wird sogleich in der Westschweiz demonstriert. Die Redaktionen der Tageszeitungen «20 Minutes» und «Le Matin» werden per Anfang 2018 zusammengelegt. Sechs Personen werden entlassen.

Ebenfalls im August erreichte eine weitere gewichtige News die Branche: Christoph Blocher kauft den Zehnder Verlag. Die Baz Holding übernimmt die 25 regionalen Wochenzeitungen rückwirkend auf Januar 2017. Die Reaktionen auf die zunehmende Einflussnahme des SVP-Alt-Bundesrat fallen heftig aus. In der Sendung «Medienclub» von SRF äussert sich Blocher schliesslich im Detail über seine Pläne mit den Medien.

Sparen müssen auch die Nachrichtenagentur SDA und die Bildagentur Keystone. Im Oktober verkünden die beiden Unternehmen ihre Fusion zu Keystone SDA, welche künftig Text-, Bild-, Video- und Infografiken anbieten wird. Der langjährige SDA-Chefredaktor Bernhard Maissen tritt ab. Im Dezember gelangt die SDA-Redaktion mit einem Brief an die Geschäftsführung. Sie befürchtet, dass durch Zusammenlegung Stellen verschwinden und dass die PR überhand nimmt.

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Am 7. Dezember wurde im Landesmuseum in Zürich über einen historische Schritt informiert. Verkündet wird, worüber bereits zuvor spekuliert wurde. NZZ und AZ spannen in den Regionen zusammen und gründen ein Joint Venture. Das neue - noch namenlose - Unternehmen wird 80 Titel herausgeben und rund 5000 Mitarbeiter beschäftigen. Alle AZ-Medien, mit Ausnahme von «Watson», fliessen mit ein. Analog dem Beispiel Tamedia werden die NZZ Regionalmedien in der Ostschweiz und der Innerschweiz künftig von derselben Mantelredaktion bedient, wie die Titel der AZ Medien. An der Pressekonferenz unterschrichen Etienne Jornod und Peter Wanner die Zusammenarbeit mit einer Art Männerfreundschaft. Man verstehe sich sehr gut und spreche viel über Fussball.

Ein Kommen und Gehen

Die «Republik» sorgte bei einigen etablierten Medien für Abgänge. So verliess Daniel Binswanger das «Magazin» in Richtung Rothaus. Mark Dittli, ehemaliger Chefredaktor der «Finanz und Wirtschaft», heuerte beim geplanten Onlinemagazin an, genauso wie der langjährige WoZ-Redaktor Carlos Hannimann.

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Im Februar startete Super-Chefredaktor Christian Dorer bei der Blick-Gruppe. Die «Blick»-Chefredaktion setzt sich seit April wie folgt zusammen: Andreas Dietrich (Chefredaktor «Blick»), Katia Murmann (Chefredaktorin Digital Blick-Gruppe), Felix Bingesser (Chefredaktor «Blick Sport»), Gieri Cavelty (Chefredaktor «SonntagsBlick»).

Die Liste jener, die der neue Chefredaktor an die Dufourstrasse geholt hat, ist lang. Christian Kolbe wechselte von SRF, Fabian Eberhard und Reza Rafi stiessen von der «Sonntagszeitung» dazu und Benno Tuchschmid von der «Aargauer Zeitung» ist jetzt «Blick»-Reporter.

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Im November beförderte Dorer Sermin Faki zur Politikchefin der Blick-Gruppe. Matthias Halbeis und Jöel Widmer, die sich die Leitung bisher geteilt haben, verlassen Ringier. Gleichzeitig erhält auch das Wirtschaftsressort einen neuen Chef. Harry Büsser stösst von der «Bilanz» dazu und übernimmt den Posten von Guido Schätti, der stellvertretender «Blick»-Chefredaktor wird. Im November verkündet Tamedia den Weggang des langjährigen Digitalexperten Peter Wälty. Spätestens im April wird der 52-Jährige bei der Blick-Gruppe als Leiter Digital und stellvertretender Geschäftsführer starten.

Im Medienhaus gleich nebenan, an der Falkenstrasse, wurde klar, wer Nachfolger des langjährigen «NZZ am Sonntag»-Chefredaktors Felix E. Müller wird. Luzi Bernet, bislang Ressortleiter Zürich und Mitglied der Chefredaktion, übernimmt ab Oktober. «Diese Zeitung braucht gestandene, hervorragende Journalisten mit einem guten Spürsinn und intellektueller Neugier», sagte er im Interview mit persoenlich.com. Die Nachfolge von Bernet bei der NZZ übernimmt Irène Troxler. Sie ist seit Oktober Leiterin des Ressorts Zürich.

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Wenige Tage später kam es bei der NZZ zum grossen Knall: CEO Veit Dengler verlässt das Medienhaus per sofort. Der Finanzchef Jörg Schnyder übernimmt interimistisch. Einige Monate später geht auch die Anita Zielin, Leiterin Digitale Produkte die NZZ-Gruppe. Erst im Dezember wird bekannt, wer Nachfolger von Dengler wird. Mit Felix Graf hat sich der Verwaltungsrat erneut für einen Branchenfremden entschieden. Antreten wird der jetzige Chef der Centralschweizerischen Kraftwerke seinen Job erst im Juni 2018.

Für viel Wirbel sorgten auch die Umstände der Kündigung der langjährigen NZZ-Gerichtsreporterin und Peko-Chefin Brigitte Hürlimann. Im März wird sie Redaktionsleiterin von «Plädoyer». In einem ausführlichen Artikel in der WOZ über einen «radikalen Umbau von oben» bei der NZZ-Redaktion sagte sie: «Was hier passiert, ist eine Säuberungswelle». Daraufhin wurde Hürlimann ein Schreibverbot auferlegt.

Eine Woche vor Weihnachten mischte sich der NZZ-Chefredaktor mit dem Leitartikel «Die Schweiz braucht keine Staatsmedien» in die No-Billag-Debatte ein. Darin sprach Eric Gujer von der SRG als «Staatsfunk» und erntete heftige Kritik. Ob er im März ein Ja oder ein Nein in die Urne legt, wollte er im Interview mit persoenlich.com dann aber doch nicht verraten.

 



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