19.05.2017

Surprise

Zum Jubiläum eine Kooperation mit dem «Blick»

Von der Arbeitslosenzeitung zu einem journalistisch anspruchsvollen Produkt: Am Freitag ist die 400. Ausgabe des Strassenmagazins erschienen – in einem frischen, grafisch reduzierten Design erschienen. Grund für eine unkonventionelle Vertriebskooperation, zwei grosse Feiern und einen Blick zurück.
Surprise: Zum Jubiläum eine Kooperation mit dem «Blick»
Die inhaltliche Weiterentwicklung auch formal sichtbar machen: das Jubiläumscover. (Bilder: zVg.)
von Marion Loher

Es gibt wohl kaum jemand, der sie nicht kennt, die Frauen und Männer, die alle zwei Wochen an Bahnhöfen oder vor Geschäften stehen und «Surprise, Surprise» rufen. Seit beinahe 20 Jahren wird das Magazin in den grösseren Städten der Schweiz auf der Strasse verkauft – ausschliesslich von armutsbetroffenen oder erwerbslosen Personen. Dieser soziale Vertriebsweg gibt den Menschen einen Job und unterstützt sie damit ganz konkret.

Auf das Wesentliche reduziert

Am Freitag, 19. Mai, ist die 400. Ausgabe des Strassenmagazins erschienen und präsentiert sich erstmals in neuem Design. «Wir haben das Heft von Grund auf neu gebaut: vom Format über das Papier bis hin zur Typografie», sagt Amir Ali, Co-Redaktionsleiter und Verantwortlicher für das Relaunch-Projekt.

Entwickelt wurde das neue Design von der Zürcher Grafikagentur Bodara GmbH. Sie wird auch in Zukunft für die Art Direction und Gestaltung des Magazins verantwortlich sein. Und das sei, so Ali, die grösste Veränderung. «So können wir Journalisten uns künftig auf unsere Kernkompetenzen Text und Inhalt konzentrieren. Das ermöglicht uns, ein unter sämtlichen Gesichtspunkten besseres Heft zu machen.»

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Amir Ali, Co-Redaktionsleiter des Strassenmagazins «Surprise»

Ziel der Grafikagentur war es, die inhaltliche Weiterentwicklung auch formal sichtbar zu machen: ein ansprechend gestaltetes, journalistisch hochstehendes Magazin. «Unser Fokus lag auf der Reduktion auf das Wesentliche – also auf den Inhalt», sagt Tobias Peier, Inhaber von Bodara. «Wir setzten auf ein grundsolides Layout, das – dank seines flexiblen Spaltenrasters – Raum für Experimente lässt, unterstützt von einer charakteristischen, zeitgemässen Typografie und einer starken überraschenden Bildsprache.»

Blick auf Armut und Ausgrenzung

Im März 1993 erschien das Strassenmagazin erstmals, damals allerdings noch unter dem Namen «Stempelkissen», mit finanzieller Unterstützung des Arbeitsamtes und nur in Basel. Ins Leben gerufen wurde es von Personen, die von Erwerbslosigkeit betroffen waren oder sich für solche Menschen einsetzten. Zwei Jahre später fusionierte das «Stempelkissen» mit der Zeitung des Zürcher Arbeitslosenkomitees «Kalter Kaffee, ganz heiss» und erschien als «Surprise Arbeitslosenzeitung».

Ab 1997 führte das RAV Beschäftigungsprogramme ein, so dass der Redaktion Mitarbeitende fehlten. Aus diesem Grund wurde die damalige Redaktion mit einem Startkapital von 15'000 Franken in einen Lohnbetrieb umgewandelt und in die Hände von professionellen Journalisten übergeben. Seither erscheint das Heft als «Surprise Strassenmagazin». Von Anfang an hatte es einen anderen Blick: auf Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, auf gesellschaftlich relevante Themen, auf den Journalismus.

2016 wurden mit dem Verkauf des Magazins rund 2,5 Millionen Franken umgesetzt. Damit ist es selbsttragend und finanziert die gesamte Organisation sowie ihre Angebote wie Strassenfussball, soziale Stadtrundgänge, Strassenchor und Café Surprise zu 60 Prozent. Der Rest wird durch Spenden von Privaten und Stiftungen gedeckt.

Konsequenter Magazinjournalismus

In den vergangenen zwei Jahren wurde die Redaktion personell neu aufgestellt und das Heft inhaltlich weiterentwickelt. «Wir haben Ressourcen freigemacht für mehr Eigenleistung und tiefere Recherchen», sagt Ali, der seit mehr als drei Jahren zusammen mit seinen beiden Kolleginnen Diana Frei und Sara Winter-Sayilir die Redaktion leitet. Früher sei es beispielsweise Konsens auf der Redaktion gewesen, dass keine Ausland-Geschichten gemacht werden. «Heute sind Reportagen über soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen weltweit ein fester Bestandteil unserer Berichterstattung.»

Ganz allgemein lasse sich sagen, so der Co-Redaktionsleiter, dass sie heute einen viel konsequenteren Magazinjournalismus machten – mit der nötigen Tiefe bei der Recherche, einem starken Fokus auf das Erzählen und klaren Entscheidungen bei der Gestaltung.

In besonderer Erinnerung geblieben sind Ali die Hefte, die anlässlich der Manifesta und dem Biennale-Thema «What people do for money» umgesetzt wurden. «Letzteres war für uns der Anstoss für eine intensivere Zusammenarbeit mit unseren Verkaufenden, die sich daraufhin als Kunstkritiker betätigten und Strassenumfragen durchführten.» Dabei habe sich gezeigt, dass einige von ihnen richtig gut schreiben könnten.

Und auf welche «Überraschungen» dürfen sich die Leser bei der 400. Ausgabe freuen? «Wir haben bewusst darauf verzichtet, eine Jubiläumsausgabe zu produzieren – abgesehen vom Cover und einer doppelseitigen Infografik mit Fakten aus 19 Jahren ‹Surprise›», sagt Ali. Trotzdem gebe es interessanten Lesestoff. «Beispielsweise hat Kolumnist Carlo Knöpfel die Statistik zur Altersreform 2020 seziert, Reporter Simon Jäggi recherierte auf dem Schattenwohnungsmarkt und Autorin Anna Pearson erklärt, weshalb ein kleines Budget keine Ausrede ist, um billige Lebensmittel zu kaufen», verrät er.

Anlässlich des Jubiläums nimmt «Surprise» den «anderen Blick» am Freitag, 19. Mai wörtlich, dank einer Kooperation mit den SBB und der «Blick»-Gruppe: Wo sonst abends die grösste Boulevardzeitung der Schweiz aufliegt, finden Pendler an den Hauptbahnhöfen in Basel, Bern und Zürich zwischen 7 und 13.30 Uhr die druckfrische 400. Ausgabe des Magazins. Mit der Aktion soll eine neue Zielgruppe erreicht werden. Die Jubiläumsausgabe erscheint denn auch in einer höheren Auflage von 45'000 statt rund 22'000 Exemplaren.

Feierlich eingeweiht wird das neue Heft am Freitag, 19. Mai, in Basel (Flore, Klybeckstrasse 5) und am Dienstag, 23. Mai, in Zürich (Spères, Hardturmstrasse 66). «Surprise»-Autoren lesen mit Magazin-Verkäuferinnen und -Verkäufer sowie mit «Surprise»-Stadtführern. David Sieber, Chefredaktor der bz Basel/bz Basellandschaftliche Zeitung, hält die Festrede in Basel. In Zürich spricht am 23. Mai Christof Moser, Co-Gründer Republik/Project R.



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Kommentare

  • Oliver Brunner, 19.05.2017 09:43 Uhr
    Früher kaufte ich ab un zu eine Ausgabe. Seit dem "ironischen" Mordaufruf sind sie für mich gestorben, obwohl ich den Verkäufern gerne helfen würde.

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