Jung von Matt - Austausch mit US-Digital-Cracks

07.12.2011

Austausch mit US-Digital-Cracks

Interview zu Facebook-Round-Table in New York.

"Whopper Sacrifice" oder "Take this Lollipop" gehören zu den erfolgreichsten Facebook-Kampagnen überhaupt. Die Erschaffer dieser und weiterer ausgezeichneter Kampagnen trafen sich vergangene Woche in New York zu einem Facebook-Round-Table. Mit dabei war auch die Zürcher Agentur Jung von Matt/Limmat – das Eintrittsticket dazu lag in den Bündner Bergen.

Jeff Benjamin (Crispin Porter + Bogusky), Jason Zada (Regisseur von "Take this Lollipop" und "Elf yourself"), Paul Aaron (Amalgamated), Jaime Robinson (Pereira & O’Dell) und Scott Lange (Team Detroit) gehörten vergangene Woche zu den Teilnehmern des Ad Age-Round-Tables in New York. Mit am hochkarätig besetzten Tisch sass auch Livio Dainese, Creative Director bei Jung von Matt/Limmat und mitverantwortlich für "Obermutten" für Graubünden Ferien (persoenlich.com berichtete).

In den Augen der amerikanischen Kreativplattformen Adage.com und Creativity-online.com gehört die Kampagne für das kleine Bündner Bergdorf zu den besten Facebook-Kampagnen des Jahres. Aus diesem Grund wurde die Schweizer Kommunikationsagentur nach New York eingeladen. Während einem Tag diskutierten die Teilnehmer ihre eigenen Arbeiten sowie die kreativen und technischen Herausforderungen, mit denen sie bei der jeweiligen Kampagne konfrontiert waren.

"Die US-Kreativen nehmen das Ganze sehr sportlich", sagt Dainese gegenüber persoenlich.com. Für sie sei Facebook eine kostenlose Broadcast-Plattform mit völlig neuen Möglichkeiten. "Die Regelwerke und die vielen, teilweise kurzfristigen Änderungen der Applikationen und Schnittstellen werden einfach akzeptiert und als systembedingt angesehen", so der Schweizer Round-Table-Teilnehmer.

Neben den eigenen Kampagnen und den Herausforderungen, welche die Arbeit auf Facebook mit sich bringt, diskutierten die Teilnehmer auch allgemein über die Entwicklungen und Trends in Sachen Facebook-Kampagnen. Teile der Round-Table-Diskussion werden auf adage.com und creativity-online.com gefeatured. Alle Erkenntnisse werden zudem in einem White Paper publiziert. Dieses soll anfangs 2012 erscheinen.

Interview mit Livio Dainese, Creative Director bei Jung von Matt/Limmat


Herr Dainese, Sie sind vor kurzem aus New York zurückgekehrt. Was haben Sie von den Facebook-Cracks aus den USA gelernt?

Pragmatismus. Auch die Cracks müssen mit den teilweise unangekündigt ändernden Facebook-Regeln umgehen. Jason Zada zum Beispiel sah sich inmitten der Produktion seines Facebook-Filmes "Take this Lolipop", mit der Ankündigung einer kompletten Änderung des Userprofil-Layouts (Timeline) konfrontiert. "Take this Lolipop" spielt damit, dass man einen Psychopathen beim Betrachten des eigenen Facebook-Profils beobachtet. Wäre diese Änderung also tatsächlich per sofort flächendeckend umgesetzt worden, wäre sein ambitioniertes Projekt gescheitert. Die Herausforderungen sind generell sehr ähnlich, der Umgang damit ist vielleicht etwas entspannter. Es wird mehr gewagt. Das gilt auch für die Unternehmen, die Millionen investieren trotz unscharfer Erfolgsaussichten.

Welche Ideen, Anregungen haben Sie mit nach Hause genommen?

Ich fühle mich bestätigt in der Einschätzung, dass in Facebook ein Medium vorliegt, das völlig neue Erzählformen erlaubt. Es ist alles da, was es für mitreissende Geschichten braucht. Menschen, Beziehungen, Orte, Gefühle und Wünsche und vor allem die Interaktivität. Es braucht nur die Idee, die gut genug ist, um die 15 Minuten, wir täglich unterhalten werden möchten, zu belegen. Nicht zuletzt versuche ich, den ansteckenden Enthusiasmus, den ich erlebt habe, nicht zu schnell auszukurieren.

Welche Feedbacks haben Sie auf die Facebook-Kampagne "Obermutten" in New York bekommen?

Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. Ich hatte allerdings auch Schweizer Schokolade für alle mitgebracht. Ein grosses Kompliment kam von Jeff Benjamin, der im Obermutten-Case eine gelungene Mischung von Online- und Offline-Elementen entdeckte. Die Mischung von Offline- und Online-Realitäten war bei allen Kampagnen ein zentrales Thema.


Round Table in New York (von Links im Gegenuhrzeigersinn): Livio Dainese (Jung von Matt/Limmat), Ann-Christine Diaz (Ad Age), Shareen Pathak (Ad Age), Jeff Benjamin (Crispin Porter + Bogusky), Jason Zada (Take this Lollipop und Elf yourself ), Jamie Robinson (Pereira & O¹Dell), Paul Aaron (Amalgamated), Scott Lange (Team Detroit).

Wie weit ist Jung von Matt was Facebook-, Viral- und Crossmedia- Kampagnen anbelangt im Vergleich zu der amerikanischen Konkurrenz?

Der Unterschied liegt wohl hauptsächlich in der Praxiserfahrung. Die Amerikaner haben schlicht mehr Übung in Social Media Kampagnen. Weiter habe ich eine geringere Hemmschwelle festgestellt im Umgang mit Social Media. Man publiziert viel Privates und ist auch weniger vorsichtig, Applikationen den Zugriff auf die eignen Daten zu erlauben. Das sind andere Voraussetzung, als wir sie hier vorfinden, wo die Menschen auch im Web eher zurückhaltend sind.

Welche andere Kampagne hat Sie in diesem Zusammenhang beeindruckt?

Von den Round Table Teilnehmern hat mich vor allem die Facebook Applikation "Social Life Audit" von Amalgamated beeindruckt, die das Offline Sozialverhalten misst. Die Applikation scannt Fotos nach Gefühlslage und Geschlecht sagt einem dann, wie fröhlich die Freunde in der eigenen Gesellschaft sind, wie viel man mit Vertretern des anderen Geschlechts zu tun hat und sogar wie viele davon Single sind. Die App analysiert weiter, wie oft man wo ausgeht und gibt einem zum Schluss je nach Sozialquotient eine Einschätzung, wie man sein reales soziales Leben verbessern könnte. Für mich eine grossartige Verbindung von Offline- und Online-Elementen und ausserdem aus technischer Sicht sehr beeindruckend.

Was nimmt JvM aus dem "Obermutten"-Case mit in die Zukunft?

Wir glauben an das Potenzial von Social Media für kreative Kampagnen. Facebook beispielsweise bietet ziemlich alles, was es für gutes Storytelling braucht: spannende Charaktere mit vielfältigen Beziehungen, unterschiedlichen Sehnsüchten und Bedürfnissen. Mit der Möglichkeit der Interaktion gepaart, wird Facebook zu einem Baukasten, den sich jeder Kreative wünscht – die Potenzierung kreativer Möglichkeiten.

Interview: Adrian Schräder

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