- Eine Agentur auf Reisen

21.05.2012

Eine Agentur auf Reisen

Am Dienstag fällt in Oerlikon der Startschuss zur grössten Hausverschiebung, die es in Europa je gegeben hat. SF 2 ist mit mehreren Spezialsendungen live vor Ort. Mittendrin ist auch Werbeprofi Hansjoerg Bolt, dessen Agentur in besagtem Gebäude zu Hause ist. persoenlich.com wollte wissen, wie er sich gegen den geplanten Abriss gewehrt hat und hat erfahren, dass aus bolt rohner & co. die neue Agentur branding house wird. Zur Story:

Spektakel beim Bahnhof Oerlikon: Das Direktionsgebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon wird um 60 Meter verschoben. Es ist dies die bisher grösste Hausverschiebung, die es in der Schweiz und in Europa gegeben hat. Das Happening wird unter anderem auch vom Schweizer Fernsehen im grossen Stile begleitet. "Schweiz aktuell extra" ist mit mehreren Spezialsendungen auf SF 2 live dabei.

Eigentlich war das 123jährige Gebäude schon dem Tod geweiht. Denn mit dem Baubeginn der Zürcher Durchmesserlinie, welche das Bahn-Nadelöhr Zürich-Ostschweiz entschärfen soll, wurde klar, dass anstelle dieses Hauses der Bahnhof Oerlikon um zwei zusätzliche Geleise verbreitert werden muss. Doch in der Bevölkerung begann sich breiter Widerstand zu bilden. Nicht zuletzt wegen dem Engagement des Kommunikationsprofis Hansjoerg Bolt. Er hausiert mit seiner Agentur bolt rohner & co. im geschichtsträchtigen Gebäude und hat sich mit einer Petition gegen den Abriss gewehrt. persoenlich.com hat nachgefragt:


Hansjoerg Bolt, Unit-Leitung Visual Branding , Markenberatung bei branding house.

Herr Bolt, wann haben Sie entschieden, dass Sie sich für den Erhalt des Hauses einsetzen wollen?

2005 als wir uns für eine passende Location für integriertes Arbeiten umsahen und das Haus "entdeckten". Der Umzug vom Seefeld nach Oerlikon war damals noch nicht so sexy, hat sich aber bald als richtig erwiesen. Von da an haben wir mit der Lobbyarbeit begonnen.

Warum liegt Ihnen so viel daran, dass das Gebäude erhalten bleibt?

Das Gebäude ist für unsere Agentur und das Netzwerk das wir bis im November komplettieren werden perfekt. Ideal erreichbar für Mitarbeitende und Kunden, es hat eine positive Ausstrahlung und man fühlt sich darin sofort wohl. Zudem waren wir von Anfang an der Meinung, ein Haus aus dem Jahre 1889 darf man einfach nicht schleifen. Speziell natürlich dieses Haus, der letzte Zeitzeuge der weltbekannten Oerliker Industriegeschichte.

Sie sind Marketingprofi. Haben Sie Kampagne geplant, um ihr Ziel, den Gebäudeerhalt, zu erreichen?

Geplant war eine Kampagne unter dem Titel "I will survive", der Songtitel von Gloria Gaynor war als Jingle gedacht. Daneben standen auch spektakuläre Aktionen wie Personenankettung bei Abrissbeginn etc. auf dem Programm. Dazu kam die Petition
"ABBruch Nein" mit zugehöriger Website. Und dann hätten wir das Bistro Gleis 9, das mittlerweile ein sehr beliebter lokaler Treffunkt ist, als zusätzlichen Trumpf gespielt.

Die Kampagne wurde allerdings nie lanciert. Warum?

Sie war schlicht und einfach nicht mehr nötig. Nach ersten Medienberichten und der erfolgreich gestarteten Petition, die innert einer Woche über tausend Personen unterschrieben hatten, war es beinahe ein Selbstläufer. Die neue Besitzerin, die SwissPrimeSite hat sich voll engagiert, die ABB, die SBB und alle Stellen in der Stadt Zürich haben mitgezogen. Das hat wirklich Freude gemacht und hat uns auch etwas Genugtuung verschafft, es war ja nicht immer sehr lustig!

Gab es einmal einen Moment, an dem Sie nicht mehr an den Erhalt des Gebäudes geglaubt haben?

Nein, ich habe immer daran geglaubt. Insbesonders, weil die öffentliche Empörung abschätzbar war und ich mir ausmalen konnte, dass niemand den schwarzen Peter in der Hand haben wollte. Zudem vertrauten wir auf die Idee der "survive"-Kampagne. Wir waren uns sicher, dass diese voll eingeschlagen hätte.

Wie viele Arbeitsstunden haben Sie in das Projekt gesteckt?

Die Stunden hab ich nicht gezählt, es waren aber doch einige Tage. Nicht zu vergessen die Stunden der Mitarbeitenden und weiterer Freunde.

Wie haben ihr Team und ihre Kunden reagiert?

Durchs Band sehr positiv. Alle waren entweder mit Begeisterung dabei oder haben uns ermuntert und bestärkt.

Wegen der Verschiebung können Sie einen Monat nicht ins Gebäude. Wo arbeiten Sie in dieser Zeit?

Wir haben uns in der Nähe eingerichtet. Das ist alles etwas "pfadfindermässig", doch bis jetzt hat es perfekt funktioniert und die Stimmung ist gut.

Nehmen Sie die Hausverschiebung zum Anlass, um auch ihre Büros neu einzurichten?

Nicht nur das! Wir vollziehen im Herbst einen bereits länger geplanten Strategiewechsel. Fünf Units werden unter den Namen brandinghouse in allen für die Markenführung relevanten Bereichen ganzheitliche Markenarbeit erbringen. Dazu komplettieren wir im Moment das gleichnamige Netzwerk.

Wie feiern Sie die Ankunft des Gebäudes am neuen Standort?

Das werden wir in circa drei Wochen beim Wiedereinzug im kleinen Kreis der Mitarbeitenden und den Hausfreunden machen. Eine grössere Sache wird der Start der neuen Agentur sein, der ist auf November geplant, wenn das Haus mit Umgebung in Stand gestellt ist und als neue MFO, als MehrwertfabrikOerlikon bekannt werden soll.

Bericht: Corinne Bauer.

Kommentare

Markus B.

Gut gibt es diese Häuserverschiebung, so hört man wieder mal was von Dir, lieber Hansjoerg.

Simon Keller

So ist das Brandinghouse doch noch vorwärts gekommen. Wenn auch nur das Gebäude selber...

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