04.05.2009

"Die Mitarbeiter können die Zeitung gratis übernehmen"

Am Montag hat der Verwaltungsrat des Punkt ch Verlages das Erscheinen der Pendlerzeitung ".ch" gestoppt. Die Investoren waren nicht mehr bereit, weiteres Geld einzuschiessen, und haben die Notbremse gezogen. "Das Risiko wäre grösser als die Chancen", erklärt VR-Präsident Ernst Buob im Gespräch mit "persoenlich.com". Dabei lässt er durchblicken, dass es um ".ch" besser stünde, hätte man von Anfang an auf das richtige Konzept gesetzt. Das Interview:

Herr Buob, warum glauben Sie nicht mehr an den Erfolg von ".ch" -- nach dem Relaunch hat man deutlich Leser dazu gewonnen?

Was die Reichweite bei den Lesern betrifft waren wir tatsächlich im Fahrplan. Hinter dem Plan zurück lagen wir aber beim Anzeigenumsatz. Darum mussten wir eine grundsätzliche Beurteilung zur Zukunft von ".ch" vornehmen.

Und offensichtlich haben Sie keine Zukunft mehr gesehen.

Es ist kein Geheimnis, dass das Anzeigengeschäft in der Schweiz stark rückläufig ist. Letzte Woche haben wir zudem die neuesten Zahlen aus den USA und dem United Kingdom erhalten, die ein dramatisches Bild zeigen. Bei ".ch" nahm zwar der Umsatz seit dem Relaunch zu, um den gleichen Faktor, wie bei anderen Zeitungen die Einnahmen zurückgehen, wurde bei uns aber das Wachstum abgeschwächt. Und wir gehen davon aus, dass das Anzeigengeschäft sich im nächsten Jahr nicht erholen wird. Damit steigt das wirtschaftliche Risiko massiv an.

Es waren also die Investoren, welche die Notbremse gezogen haben?

So ist es. Als Geldgeber geht man bei einem Startup-Unternehmen immer ein Risiko ein. Nur leider ist die Zeit für ein junges Unternehmen wie den Punkt ch Verlag momentan denkbar ungünstig. Jedes Verlagshaus macht sein Haus jetzt sturmsicher. Wir müssten massiv mehr investieren als im Business-Plan vorgesehen. Das Risiko wäre grösser als die Chancen und ein Return on Investment würde wieder massiv hinausgeschoben.

Wurde der Entscheid kurzfristig gefällt?

Wir haben wie gesagt die gesamtwirtschaftlichen Perspektiven beurteilt und haben dann vor wenigen Tagen den Stopp beschlossen. Wären wir der Meinung, dass der Anzeigenmarkt 2010 wieder anziehen würde, hätten wir Wege gesucht, die Krise auszustehen. Aber die Wirtschaftsprognosen haben sich permanent verschlechtert. Irgendwann mussten wir uns entscheiden.

CEO Caroline Thoma und Chefredaktor Rolf Leeb wurden vom Aus überrascht. Warum war die Führungsspitze nicht orientiert worden?

Caroline Thoma wurde unmittelbar nach dem Entscheid informiert. Ich verstehe, dass auch sie und Chefredaktor Rolf Leeb nicht damit gerechnet haben, weil der Relaunch erfolgreich war. Beide sehen aber auch, dass eine Weiterführung ökonomisch zu riskant wäre.

Ist ".ch" schlussendlich wirklich nur an der Wirtschaftslage gescheitert oder war zu wenig Platz im Gratiszeitungsmarkt?

Der Verwaltungsrat war immer der Meinung, dass es in der Deutschschweiz für zwei Gratiszeitungen Platz hat, und es ".ch" schaffen wird, sich als Nummer 2 zu etablieren. Wenn Sie die Leserzahlen anschauen, ist diese Prognose auch eingetroffen. Grund für das Scheitern ist die Wirtschaftskrise.

Hätte ".ch" auch eingestellt werden müssen, wenn die Zeitung von Anfang an ein reines Pendlerkonzept gehabt hätte?

Wahrscheinlich wären wir schon in einer anderen Position. ".ch" hätte sich vielleicht früher bei den Lesern und damit auch im Werbemarkt etablieren können. In dem Fall hätten wir uns jetzt eventuell nur die Frage stellen müssen, wie wir die Krise am besten überstehen, aber nicht, ob wir sie überleben.

Erwarten Sie nun, dass "News" von Tamedia auch eingestellt wird?

Wenn man Tamedia das Motiv unterstellt, dass "News" nur lanciert wurde, um ".ch" den Markteintritt zu erschweren, dann wäre die Konsequenz eindeutig. Aber Tamedia hat ja auch zuletzt betont, dass "News" ein wichtiger Bestandteil des Medienverbundes mit "Tages-Anzeiger" und "Newsnetz" sei.

Haben Sie versucht, einen Partnerverlag an Bord zu holen oder gab es die Möglichkeit eines Verkaufs, um das Überleben der Zeitung zu ermöglichen?

Eine strategische Partnerschaft wäre sinnvoll gewesen, aber im Moment ist kein Verlagshaus dazu bereit, in ein Startup-Unternehmen zu investieren.

Der Einstellungs-Entscheid steht unter dem Vorbehalt der Mitwirkungsrechte der betroffenen Mitarbeiter. Bieten Sie Hand, wenn Ihnen realistische Lösungsansätze zur Rettung der Zeitung präsentiert werden?

Wir sind offen. Die Mitarbeiter können nun Vorschläge bringen, neue Partner präsentieren oder die Zeitung auch gratis übernehmen. Wenn diese Ideen aber wirtschaftlich nicht umsetzbar sind, kommt es zur definitiven Schliessung.

Die Mitarbeiter können die Firma zum Nulltarif haben?

Ja, bei einem Management Buyout würden wir nicht einmal einen symbolischen Franken verlangen.

(Interview: Stefan Wyss)

Kommentare

Markus B.

das ist doch so wie im ganzen marktgeschehen auch: wenn man kein differenzierungsmerkmal hat, wirds halt einfach schwierig. me-too von einem me-too zu sein erst recht. da hätte .ch chancen gehabt wie alle anderen auch. nicht nur in der kommunikation, sondern sonst hätte ich dinge gesucht wie: distribution, inhalt, fokus andere segmente, format, papier, pricing für inserenten und und und. schade.

Ronald Ott

Schade, .ch war die einzige Zeitung mit einem mittelschweren Kakuro. Die Sudokus sind einfach langweilig.

Hans Peter Graf

Erstaunlich, dass nicht benannt wird, wer den Scherbenhaufen massgeblch mit zu verantworten hat: Sacha Widgdorowits. Doch dieser Kapitän ging frühzeitig über Bord. Und weil es keine Blumentöpfe zu gewinnen und kein Geld zu verdienen gibt, wird er sich wohl auch nicht freiwillig mehr im Umfeld seines sinkenden Schiffes zeigen...

Sandra-Lia Infanger

Ten Media will ja die Zeitung übernehmen!

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