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Die neunte Ausgabe der "Interactive Publishing" fand im vergangenen Herbst nicht statt. Warum?
- Das finanzielle Risiko war zu gross. Einerseits hat uns die Verlagsbranche im vergangenen Sommer signalisiert, dass die Budgets für Reisen und Weiterbildung entschieden gekürzt worden seien. Andererseits spürten wir Zurückhaltung seitens Sponsoren und Ausstellern. Manchmal muss man mit liebgewonnenen Traditionen eben auch brechen können.
Werden Sie den Anlass je wieder durchführen?
- Diese Option besteht weiterhin. Wenn sich die positiven Zeichen, die wir jetzt spüren, verstärken und bestätigen, könnte der Anlass sogar schon dieses Jahr wieder Sinn machen.
Anstelle der Interactive Publishing haben Sie diesen Januar deren geschrumpfte Version IP Masters durchgeführt. Worum ging es?
- Es besteht eine massive Diskrepanz zwischen der Online-Realität und ihrer Wahrnehmung: Das Internet-Geschäft schwächelt zwar, jedoch nicht so stark, wie das die Branche behauptet. Wir wollten daher ein positives Signal geben, weshalb wir rund zwanzig Top-Cracks versammelt haben, die zumindest partielle Erfolge verzeichnen können. Unter den Teilnehmern waren beispielsweise die Online-Direktoren von Le Monde, The Guardian, Wall Street Journal, NZZ oder Spiegel. Diese Leute sind schon lange dabei, und was sie tun, ist zukunftsweisend. Wir wollen ihre Erkenntnisse weitergeben, aus dem zweitägigen Workshop hat sich ein Report ergeben, der soeben erschienen ist.
Wie lautet die Quintessenz der Veranstaltung?
- Es herrscht Zuversicht. Nach der Stagnation in den letzten beiden Jahren ist man überzeugt, dass sich die Zahl der rentablen Verlagsauftritte weiter erhöht und man in den kommenden zwei oder drei Jahren ganz nahe zum idealen -- und lukrativen -- Geschäftsmodell vorstossen wird.
Prognosen hat uns diese Branche schon viel beschert, eingetroffen sind wenige. Was brachte die Experten zu ihrer Konklusion?
- Erstens war allen klar, dass Zeitungen so nicht mehr weiterfunktionieren können. Die heutige Krise hat nämlich neben der Werbeflaute auch massive strukturelle Gründe. So hat sich das Nutzungsverhalten der Konsumenten, von denen immer mehr mit dem Internet aufgewachsen sind, massiv verändert -- man denke nur an die Verwendung des Mediums bei der Arbeit. Wer also die Konsumenten in ihrem Tagesablauf möglichst nahtlos erreichen will, muss das Internet so in seinen Kommunikations-Mix integrieren, wie vormals das Fernsehen. Das hat Konsequenzen für die Werber, welche die Konsumenten ansprechen wollen, und dies wiederum für die Anbieter von Plattformen. Die Verlage müssen also sowohl in den Redaktionen, als auch bei Vertrieb und Marketing umstellen. Das ist der zweite Grund, weshalb Veränderungen erwartet werden. Die Teilnehmer unserer Veranstaltung waren sich einig, dass sehr schnell entweder in den bestehenden Konzernleitungen ein Umdenken stattfinden wird oder aber dass neue Leute eingestellt werden, für die das Internet ein natürlicher Teil des Lebens ist.
Wie werden sich Verlags-Sites finanzieren lassen?
- Die Diskussion "Bezahlinhalte vs. Werbung" ist müssig, weil man sowieso beides wird machen müssen. Unsere Teilnehmer liessen sich bezüglich ihrer Zukunftserwartungen in Optimisten und Pessimisten einteilen, wobei sie sich interessanterweise genau in der Haltung gegenüber der Finanzierung unterschieden: Die Optimisten glauben an Online-Werbung und sind überzeugt, bereits über die nötigen Konzepte zu verfügen. Die Pessimisten vertrauen demgegenüber eher auf bezahlte Inhalte, wissen aber nicht, wie das funktionieren soll. Entsprechend ist für sie der Silberstreifen am Horizont dünner.
Als Veranstalter der Interactive Publishing sind Sie für den Hype ums Internet mitverantwortlich. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?
- Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, weil sich die Interactive Publishing immer sehr stark auch an den traditionellen Formen orientiert hat, etwa mit der Frage, wie man Inhalte in einen anderen Kanal bringt. -- Ist man für den Hype verantwortlich? Wer so einen technologischen Zyklus zum ersten Mal miterlebt überschätzt die Geschwindigkeit des Wandels eben leicht. Das ist ein Irrtum, zu dem man stehen muss. Die Wirkung des Wandels hingegen wird gerade für Medienunternehmer viel stärker und radikaler sein, als wir uns das noch vor fünf Jahren vorgestellt haben.
Bei den Site-Vermarktern in der Schweiz erwartet man eine Konsolidierung. Wer wird das Rennen machen?
- Die Frage kann ich so nicht beantworten. Verlagshäuser werden sich mittelfristig auch selber vermarkten müssen, da führt kein Weg daran vorbei. Grosse Verleger müssen ihren Kunden selber in house entwickelte, attraktive, medienübergreifende Angebote machen können. Dazu werden Redaktionen und Online-Teams zusammensitzen müssen, so wie das beispielsweise beim Spiegel geschehen ist. Dennoch wird es Online-Vermarkter immer geben, nicht zuletzt wegen der kleineren Player.
Womit lässt sich im Internet Geld verdienen?
- Es gibt fast keine Branche, in der man online nicht Geld verdienen kann -- wenn man es gut macht. Darum habe ich auch das Lamentieren satt. Wir besitzen doch bereits alles Wissen, jetzt müssen wir es einfach umsetzen! Das kollektive Klagen hat in den vergangenen zwölf Monaten Vielen erspart, sich ihren Aufgaben zu stellen. Insgesamt kann keine Firma sagen, das Internet könne nicht zu ihrem Erfolg beitragen. Wie muss indes jeder für sich herausfinden.
(Interview: Alain Egli).
--> Der "IP Zurich Report 2003" kann bezogen werden unter http://www.interactivepublishing.net, eine kostenlose Zusammenfassung ebenfalls.
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