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Herr Meyer, für viele sind Sie Ringiers Chefpublizist …
- So bezeichnen mich andere, ich hätte diesen Begriff für mich nie erfunden. Er klingt zu geschwollen.
Wie würden Sie Ihre Funktion im Hause Ringer nennen?
- Ich bin Journalist.
Und Berater?
- Ich würde es so sagen: Ich bin einfach da.
Was machen Sie denn so den ganzen Tag?
- Mein Tagesablauf ist nicht spektakulär. Ich lese viel. Ich führe Gespräche. Ich schreibe meine Kolumnen. Ich mache meine Fernsehsendungen. Und ich arbeite an konzeptionellen Problemen, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus den Redaktionen und aus der Konzernleitung. Es ist der Alltag eines Denkarbeiters.
Sie sind also mitverantwortlich für die publizistische Ausrichtung und Qualität der Ringier-Titel?
- Ja, die journalistische Qualität des Hauses beschäftigt mich täglich. Deshalb bin ich auch verantwortlich für die Journalistenschule sowie die interne Weiterbildung.
Prominente Exponenten kritisieren die journalistische Qualität der Schweizer Medien: zu viel Thesenjournalismus, zu wenig Recherche.
- Mangelnde Recherche erkenne ich nicht. Ich sehe dagegen oft das Kaprizieren auf unwichtige Themen statt auf wirkliche Probleme. Der Schweizer Journalismus ist, wie das ganze Land, zunehmend provinziell. Und dies, obwohl die Schweizer Zeitungen der internationalen Berichterstattung viel Platz einräumen. Das ist ja das Paradoxe an der Schweiz: Sie nimmt die Welt wohl wahr, aber sie nimmt letztlich nicht engagiert und dezidiert an der Welt teil.
Und der Kritikpunkt Thesenjournalismus?
- Der war berechtigt, vor allem in den 90er-Jahren. Aber das ist doch im Abklingen.
Dafür kommen jetzt wieder andere Entwicklungen. Zum Beispiel das «Caroline-Urteil». Peter Glotz schrieb kürzlich, dass dieses Urteil für die Schweizer Medien schlimmer sei als für die deutschen. Stimmen Sie dem zu?
- Nein, diese Meinung teile ich nicht. Aber mich interessiert dieses Urteil auch nicht besonders. Ich halte das Geschrei, das da-rüber in Deutschland gemacht wird, für viel zu gross.
Trotzdem die Frage: Hat das Urteil einen Einfluss auf Ringiers Boulevardberichterstattung?
- Auch wir müssen den Privatbereich von Prominenten respektieren. Es sei denn, in ihrem Privatbereich passiert etwas, das gesellschaftlich relevant ist.
Sie selbst mahnten schon des öfteren, dass es immer weniger Journalisten gibt, die schreiben können, und noch viel weniger, die erzählen können.
- Je weniger jemand liest, desto weniger beherrscht er die Sprache. Lesen ist passives Schreiben. Wenn Sie heute jungen Leuten sagen, sie müssten sich fit halten, ihren Körper trainieren, dann verstehen sie das sofort. Wenn sie ihnen aber sagen, sie sollten dasselbe für den Kopf tun, und zwar durch Lesen, dann ist die Einsicht wesentlich kleiner.
Aber sind Sie da nicht ein einsamer Rufer in der Wüste? Vielleicht liest die heutige Jugend einfach weniger.
- Ich bin gerne ein einsamer Rufer. Wenn alle rufen, kann ich schweigen. Ich habe schon den Eindruck, dass gerade die Journalistinnen und Journalisten weniger lesen. Dabei sind die Arbeitsverhältnisse in den Redaktionen heute viel besser. Es gibt geregelte Freizeit, mehr Ferien, also mehr Möglichkeiten zum Lesen. Und es ist ganz einfach: Wer nicht liest, schreibt schlecht.
Dann sterben die guten Autoren also langsam aus?
- Vielleicht bin ich kulturpessimistisch. Das waren meine Eltern auch, als ich in den 50er-Jahren Rock ’n’ Roll tanzte. Das Problem liegt noch woanders: Die Verlage suchen keine Schreiber. Das ist ein Schweizer Phänomen. In Deutschland reissen sich die Verlage um gute Autoren. Bei uns ist man mit wenig zufrieden. Da-rum investiert man auch kein Geld in die Entwicklung von Talenten.
Woran liegt das?
- Vor allem in den 90iger-Jahren entwickelte sich in den Verlagen ein Desinteresse an den Inhalten und an der Qualität des Geschriebenen. Man huldigte dem Marketing. Man machte also Umfragen, um herauszufinden, was denn die Leser so wollten. Dann inszenierte man im Windkanal des Marketings Zeitungen und Zeitschriften mit Bildchen und Kästchen und Lifestyle. Heute müssen wir zurück zum Schreiben. Wer für eine Zeitung oder Zeitschrift Geld ausgibt, will Lust haben am Lesen. Und er will nach der Lektüre ein Stück weiter seinVor allem in den 90iger-Jahren entwickelte sich in den Verlagen ein Desinteresse an den Inhalten und an der Qualität des Geschriebenen. Man huldigte dem Marketing. Man machte also Umfragen, um herauszufinden, was denn die Leser so wollten. Dann inszenierte man im Windkanal des Marketings Zeitungen und Zeitschriften mit Bildchen und Kästchen und Lifestyle. Heute müssen wir zurück zum Schreiben. Wer für eine Zeitung oder Zeitschrift Geld ausgibt, will Lust haben am Lesen. Und er will nach der Lektüre ein Stück weiter sein als vorher.
Überschätzen Sie vielleicht die Leserinnen und Leser? In allen Medien, auch im Fernsehen, sinkt das Niveau ja bedenklich.
- Nein, ich überschätze die Leserinnen und Leser nicht. Journalisten, die meinen, die Leser seien dümmer als sie, sind in der Regel dümmer als ihre Konsumenten.
Ich habe nicht behauptet, die Leser seien dumm. Aber möglicherweise bevorzugen die Leute heutzutage eher … – na ja, sagen wir mal eine leichtere Medienkost.
- Was heisst denn leichtere Kost? Die Aufgabe des Journalisten ist es ja, das Schwere leicht zu machen, verständlich zu machen. Und zwar durch seine Kernkompetenz: das Formulieren! Wenn ein Journalist die Leser mit seinen Formulierungen nicht packen kann, dann verliert er sie.
In Deutschland haben Sie diesen Versuch ja mit dem Autorenmagazin Cicero gemacht. Sind Sie zufrieden mit dem Heft?
- Was wir versuchen, ist im deutschsprachigen Raum einmalig. Ein Magazin für politische Kultur. Das ist in meinen Augen ein wundervoller Anspruch. Und der Versuch kommt bis jetzt gut an. Aber es wird sicher ein langer Kampf, um Cicero auch kommerziell zum Erfolg zu bringen.
Die Branche misst den Erfolg oder Misserfolg eines Titels aber nun mal mit kommerziellen Massstäben.
- Vielleicht ist diese Idee Cicero eine Verrücktheit. Aber verrückt kommt ja von verrücken. Und wir wollen mit Cicero etwas verrücken. Nämlich vom vordergründigen und auf Events bezogenen Journalismus zu einem Journalismus, der das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Geschehen auf einer kulturellen Ebene behandelt, beschreibt und bedenkt.
Sie sagten vorhin, in der Schweiz gäbe es zu wenig gute Schreiber. Liegt das nicht auch an der fehlenden Ausbildung des Journalisten-Nachwuchses? In der Schweiz kann jeder von der Strasse kommen, sich an einen Computer setzen und sich Journalist nennen.
- Ich wäre froh, wenn mehr von der Strasse kämen statt von der Universität. Der Journalismus müsste der Ort sein, wo sich die Gesellschaft selbst abbildet: durch Journalistinnen und Journalisten von überall her, mit den verschiedensten Lebenswegen.
Aber nicht alle, die von der Strasse kommen, können automatisch auch schreiben.
- Ich meine natürlich Leute von der Strasse, die gesellschaftlich engagiert sind und schreiben können. Wenn man Journalist sein will, muss man mehr wollen, als nur in den Medien Geld verdienen. Einst bewarben sich junge Menschen bei mir als Journalisten-Lehrlinge, weil sie sich ihr Leben ausschliesslich als Journalisten, also nur denkend und schreibend und kämpfend, vorstellen konnten. Heute bewerben sich Buben und Mädchen, weil Journalismus ein Beruf sei, den sie sich, neben anderen Berufen, auch noch irgendwie vorstellen könnten. Ihre Lebenserfahrung besteht meist darin, dass sie sechs Paar Jeans auf irgendwelchen Universitätsbänken durchgescheuert haben. Das reicht aber nicht. Was wir dringend brauchen, sind Menschen mit Lebenserfahrung – mit Lebensnarben.
Ältere Menschen?
- Ja, mehr Journalistinnen und Journalisten über 40, über 50, über 60. Nur sie können die leergeschwatzten Contentblätter wieder mit Leben füllen. Und nur sie können den jüngeren Kolleginnen und Kollegen Lebenswissen vermitteln, das unverzichtbar ist, wenn man journalistisch erwachsen werden will.
Müsste aber für diese jungen Journalisten das Kursangebot der Ringier Denk- und Handwerkstatt nicht noch ausgebaut werden?
- Wir investieren so viel Zeit und Geld in die interne Weiterbildung wie kein anderer Verlag. Wir müssen nicht noch mehr Kurse anbieten, sondern wir müssen mehr Teilnehmer in die Kurse locken. Es ist sehr bedenklich, wie viele Kolleginnen und Kollegen diesen Kursen mit fadenscheinigen Ausreden fernbleiben.
Frustriert Sie dieses fehlende Engagement?
- Es macht mich nachdenklich.
Aber ist es nicht auch so, dass Berufsanfänger in den Redaktionen meist ins kalte Wasser geworfen werden? Und dann heisst es: Nun schwimmt mal schön!
- Es ist ein Problem, dass sich so viele erfahrene Journalisten nicht mehr mit Freude der jungen Kollegen annehmen. Meine Erfahrung ist: Man lernt das journalistische Handwerk nie intensiver, als wenn man es lehrt.
Darauf sagen die erfahrenen Redaktoren aber…
- … dass sie keine Zeit dafür haben. Den Spruch kenne ich.
Wie oft sind Sie eigentlich in Berlin?
- Einmal pro Monat.
Was fasziniert Sie an der Stadt? Man hörte ja schon, Berlin sei sowas wie Ihre zweite Heimat.
- Ich bin beruflich an die Schweiz gebunden, sonst wäre Berlin sogar meine erste Heimat. Es gibt wohl keine Stadt in der Welt, die so viel historische Narben und Brüche hat. Und aus diesen Brüchen wächst immer wieder Neues. Berlin ist keine fertige Stadt. Und wo gibt es eine Vier-Millionen-Stadt mit so viel Natur? Mit mehr als 200 Seen? Mitten in der Stadt findet man die schönsten Bademöglichkeiten. Und für den Abend gibt es noch 120 Theater.
Sie sind ein Mensch, der stark polarisiert. Man mag Sie oder man mag Sie nicht. Spornt Sie Kritik an?
- Es handelt sich ja kaum je um Kritik an meiner Arbeit. Einen Dialog mit Kritikern würde ich gerne führen. Das, was Sie mit Kritik meinen, sind in der Regel persönliche Anwürfe. Und mit diesen Anwürfen muss ich die Kollegen leider alleine lassen, denn das Problem, das
sie offensichtlich mit mir haben, ist ihr Problem.
Was machen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit? Haben Sie überhaupt Freizeit?
- Doch, natürlich!
Zum Beispiel Hobbys?
- Hobbys halte ich bei einem Journalisten für widernatürlich. Journalist sein ist eine Art zu leben. Meinerseits koche ich zum Beispiel gerne, aber das ist kein Hobby. Ich esse gern, weil ich Hunger habe.
Sie sind 60 Jahre alt – möchten Sie später als Pensionär nach Berlin auswandern?
- Zu meiner Zukunft habe ich wirklich keine Pläne. Ich habe mir noch nie Gedanken über Zeitpunkte gemacht. Darum habe ich wohl auch den Zeitpunkt verpasst, Kinder zu haben. Ich bin einfach da.
Aber sicher auch nicht mehr ewig. Träumen Sie nicht manchmal davon, den ganzen Tag lang einfach nur an einem Berliner See zu sitzen und die Füsse ins Wasser zu halten?
- (Lacht) Natürlich bin auch ich nicht ewig da. Aber im See zu schwimmen ist nur toll, wenn ich danach wieder etwas anderes machen kann: schreiben oder mit jemandem journalistische und gesellschaftliche Probleme bereden.
(DOMO/3. November)
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