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Herr Grolimund, Herr Jenatsch, braucht es heutzutage noch professionelle Fotografen?
- Jenatsch: Bilder, die von Privatpersonen gemacht werden, verbreiten sich in der Tat immer stärker. Das aber hat seinen Preis: Die Distanz geht verloren. Es gibt dieses Video, welches zeigt, wie der Terrorist in Bali mit Rucksack in den Club geht und dann explodiert die Bombe. Für mich stellt sich da die Frage, ob die Öffentlichkeit solche Aufnahmen überhaupt zu sehen braucht. Jenes Bild, das bei den Terroranschlägen in London aus dem Tunnel heraus mit einem Handy aufgenommen wurde, wird dagegen als Zeitzeugnis überleben. Im Gegensatz zum privaten Fotografen besitzt der Profi die Fähigkeiten, die ganze Geschichte eines Ereignisses in ein Bild hineinzupacken. Er muss sich gleichsam von der Emotionalität des Geschehens lösen und das Ereignis in einem Bild "komprimieren". Diese Aufgabe wird ihm der Amateurfotograf nie abnehmen können.
Grolimund: Der Hobbyfotograf verfügt auch nicht über die technischen Möglichkeiten, um den qualitativen Anforderungen der Medien gerecht zu werden. Fotos von Hobbyfotografen verwendet die Presse -- wie etwa beim Tsunami -- als erste Schnappschüsse. Diese Bilder werden aber nur einmal gedruckt. Sobald Profifotografen vor Ort sind, verlieren diese Bilder ihren Wert. Überdies sind private Fotografen bei sämtlichen Events im Sport, der Kultur und der Politik nicht dabei. Nur wer sich akkreditieren kann, darf auch fotografieren.
Trotzdem: Keine professionelles Pressebild hat eine ähnliche Wirkung erzielt, wie die privaten Aufnahmen aus Abu Ghraib. Ist es nicht gerade diese unmittelbare und subjektive Nähe, die deren Stärke ausmacht?
- Jenatsch: Abu Ghraib ist Propaganda. Wir als Agentur müssen aufpassen, dass wir uns nicht instrumentalisieren lassen durch bestimmte Personen oder Gruppen, die ihre Bilder über unsere Agentur verbreiten wollen. Die Agentur muss ihre Verantwortung wahrnehmen und hat eine journalistische Aufgabe. Und die unterscheidet sich grundsätzlich von einem Weblog im Internet.
Wie häufig werden Keystone Bilder von privaten Fotografen angeboten?
- Jenatsch: Das kommt schon vor. Etwa wurden uns beim Unwetter im August viele Fotos angeboten. Da waren wir jedoch so rasch vor Ort, dass wir kaum Bilder annehmen mussten.
Hat diese "Demokratisierung des Bildes" Rückwirkungen auf die Qualität der Pressefotografie? Hat deren Qualität abgenommen?
- Grolimund: Im Gegenteil. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat in den Printmedien die Bedeutung der Bilder stets zugenommen. Der visuelle Aspekt wird immer wichtiger.
Jenatsch: Wie sie zuvor richtig festgestellt haben, ist die Anzahl der Anbieter von Bildern stark gewachsen. Angesichts dessen wird die Funktion der Bildagentur als Trichter, der die Bilderflut kanalisiert, noch wichtiger. Gerade weil der Faktor Zeit immer knapper wird, gewinnt unsere Aufgabe, das Elementare herauszufiltern, an Gewicht. Diese Tendenz wird auch durch immer mehr Anfragen von Unternehmen bestätigt, für sie nach Bildern zu recherchieren.
Grolimund: Es kommt ein weiteres Moment dazu: Als Agentur garantieren wir unseren Kunden, dass unsere Bilder authentisch sind. Bei uns werden sie keine Fälschungen finden. Privat eingekaufte Bilder können diese Garantien nicht leisten.
Es heisst, dass Zeitungsleser ihren Blick länger auf die Bildlegende richten, als auf das Bild selbst. Ist die Halbwertszeit der Pressefotografie gesunken?
- Jenatsch: Der Medienkonsument hat angesichts der Bilderflut, der er ausgesetzt ist, gelernt, die Bilder zu lesen. Das Resultat ist eine Ausdifferenzierung in zwei Richtungen. Auf der einen Seite illustrieren Bilder in der Zeitung die Ereignisse in einer Sprache, die aufs Wesentliche reduziert ist. Das Bild muss innert kürzester Zeit vermitteln können, worum es geht. Auf der anderen Seite gibt es Bilder, die sehr verschlüsselt und komplex sind. Der Medienkonsument hat gelernt, auch diese Bilder zu verstehen.
Wie stark spürt Ihre Bildagentur den Krebsgang der Printmedien?
- Grolimund: Die Krise spürten wir vor allem in den Jahren 2003/2004 im Bereich Stock-/Themenfotografie. Im primären Newsbereich jedoch bemerkten wir keinen Rückgang der Nachfrage.
Jenatsch: Natürlich hoffen wir, dass die Printmedien wieder zu alter Blüte zurückkehren, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als mit dem schrumpfenden Markt leben zu lernen. Wichtig für uns ist, dass wir nicht mit dem Markt schrumpfen. Gleichzeitig wird von uns immer mehr Qualität abverlangt. Gegenwärtig gibt es einen Trend in Richtung Regionalisierung. Da müssen wir mitgehen und immer mehr Bilder aus den Regionen anbieten.
Grolimund: Früher reichte es etwa im Fussball aus, wenn wir Bilder des wichtigsten Fussballspiels lieferten. Heute müssen wir auch Spiele der Nationalliga B abdecken.
Sie sprechen von der Regionalisierungstendenz. Zugleich ist der Bildermarkt gerade dank Internet stark globalisiert. Wie wird Ihr Unternehmen auf diese Entwicklung reagieren?
- Das Schwingfest hat mittlerweile bei uns eine englische Bildlegende. Die Schweizer Zeitungen haben anfangs darauf mit Erstaunen reagiert, mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt. Für eine Schweizer Agentur gilt es, sich auf Bilder aus dem Inland zu konzentrieren. Hier liegt unsere Kernkompetenz. International ist Keystone ein kleiner Fisch gegenüber den ganz grossen Agenturen wie Getty oder Corbis. Auch diesen ist aber nicht entgangen, dass ihr Erfolg davon abhängt, in die regionalen Märkte einzudringen. Es reicht nicht aus, global stark zu sein. Es braucht immer auch eine lokale Verankerung.
Grolimund: Unser Vorteil ist, dass die grossen Agenturen eine flächendeckende Berichterstattung aus der Schweiz gar nicht bieten können. Die European Pressfoto Agency etwa konnte sich in den vergangenen Jahren weltweit eine starke Stellung erarbeiten, weil ihre Shareholders, 11 führende nationale Agenturen in Europa, ihr Bildmaterial liefern. Das zeigt: Die regionale bzw. national konzentrierte Berichterstattung ist auch im globalen Rahmen von grösster Wichtigkeit.
-->Am Mittwoch, 16. November, 20 Uhr, führt das Museum für Gestaltung Zürich ein Podiumsgespräch zum Thema:
"Das Pressebild, Mechanismen einer Industrie" durch. Mit Jann Jenatsch (COO Keystone), Koni Nordmann (Studienleiter Fotografie MAZ Luzern), Wendelin Hess (Art Director Die Weltwoche), Helmut Wachter (freier Fotograf).
Moderation: Barbara Basting (Kulturredaktorin Tages-Anzeiger).
(Interview: David Vonplon)
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