|
"Mehr Energie" verspricht Novartis dem jungen Publikum dank der Lutschtabletten "Gly-Coramin". Auf über 4’500 Werbeplakaten, welche die Zürcher Agentur Viznerborel in der ersten Februarhälfte in den Schweizer Städten wild aufhängen liess, ist ein Snowboarder zu sehen; die Kanten seines Bretts sind abgerissen, der Belag ist angesengt.
Mit dieser Dramatisierung veranschaulicht Viznerborel die energiespendende Wirkung von Gly-Coramin und preist sie speziell für ein junges und sportliches Zielpublikum an. Wurden die Kautabletten bislang vor allem von älteren Menschen bei Atemnot oder leichten Schwächeanfällen eingenommen, sollen sie dank gezielten Werbemassnahmen nun ein "Kult-Energiespender" für Junge werden, wie "persoenlich.com" im Januar auf der Grundlage einer Pressemitteilung von Viznerborel berichtete.
Doch nun drohen Novartis aufgrund der Neuausrichtung des Produkts erhebliche Imageprobleme. Denn Gly-Coramin enthält den Inhaltsstoff Nikethamid, welche auf der Liste der verbotenen Dopingsubstanzen aufgeführt wird. Spitzensportler, die das Heilmittel einnehmen, erhalten laut der World Anti Doping Agency eine Sperre von zwölf Monaten. 100-Meter-Sprinterin Terri Edwards etwa wurde 2004 aufgrund der Einnahme von Nikethamid gesperrt.
Damit aber nicht genug: Auf der Packungsbeilage schreibt Novartis, dass das Produkt nicht für unter 16-Jährige geeignet sei. Zugleich aber wurden die Plakate, die so jugendlich frech und sportlich daher kommen, in den Schweizer Städten auch im Umfeld von Schulhäusern platziert.
Piero Schäfer vom Verband Schweizer Werbung hat wenig Verständnis für die Gly-Coramin-Kampagne von Novartis: "Es ist reichlich fahrlässig und zeugt nicht gerade von professionellem und imageförderndem Vorgehen, wenn eine Firma für ein leistungssteigerndes Produkt wirbt, das auf einer Dopingliste steht", sagt Schäfer gegenüber "persoenlich.com".
Er hält das Ganze für umso gravierender, da sich die Werbung relativ aggressiv an Jugendliche richtet. Schäfer: "Irgendjemand hat hier ziemlich unsensibel gehandelt. Oder zu wenig genau abgeklärt."
Auf die umstrittene Werbekampagne aufmerksam gemacht hat ein Basler Blogger. Seine Beiträge, in denen er nachwies, dass das Produkt zu sieben Prozent einen Inhaltsstoff aufweist, die auf der Liste der verbotenen Dopingmittel steht, entfachten im Internet erheblichen Aufruhr -- auch jenseits der Landesgrenzen.
Am Dienstag wird sich auch der Kassensturz mit der Werbekampagne befassen. Laut der SF-Sendung sollen Ärzte und Jugendvertreter bereits Alarm schlagen. Und auch Swissmedic ist auf die Novartis-Kampagne aufmerksam geworden: Das Heilmittelinstitut klärt nun im Rahmen eines Prüfverfahrens ab, ob eine Verletzung des Heilmittelgesetzes vorliegt, wie es "persoenlich.com" bestätigte.
Und was sagen die für die Kampagne verantwortlichen Unternehmen? Die zuständige Werbeagentur ViznerBorel verwies gegenüber "persoenlich.com" auf ihren Auftraggeber Novartis. Die Novartis Consumer Health Schweiz AG gab gegenüber "persoenlich.com" folgende Stellungnahme ab:
"Gly-Coramin ist seit über 50 Jahren ein vertrautes Produkt auf dem Schweizer Markt. Für die letzte Kampagne hätten wir der Agentur klarere Richtlinien für den Plakataushang geben sollen. Novartis Consumer Health Schweiz AG bedauert, dass einzelne Plakate in Schulnähe zu sehen waren. Wir haben diese sofort entfernen lassen, da wir uns keinesfalls an diese Zielgruppe richten."
(Text: David Vonplon)
|