|
Gleich mehrere Schweizer Werbeagenturen erhielten vergangene Woche unliebsame Post von Nelly Wenger. In einem Brief informierte die Nestlé-Chefin, dass ihr Konzern die laufenden Verträge auf Ende Jahr hin kündigen will. Betroffen vom Entscheid sind die Agenturen Publicis, GGK und Saatchi & Saatchi Simko. Pikant: Wenger hatte vergangenen Frühling bekannt gegeben, dass sie im kommenden Jahr die Traditionsmarken Thomy, Frisco, Maggi oder Incarom neu positionieren wolle. Werden diese Projekte nun auf Eis gelegt, wie dies etwa der Blick vermutet?
Laut Nestlé-Pressesprecher Philippe Oertlé hat die Vertragsauflösung nicht viel zu bedeuten: "Das ist eine rein technische Angelegenheit, wie sie zwischen Auftraggebern und Kunden immer wieder vorkommt", sagt er gegenüber "persoenlich.com". Man habe die Verträge mit den Agenturen im Juni gekündigt, um die Zusammenarbeit auf das kommende Jahr hin neu auszuhandeln. Oertlé: "Nestlé behält die Leadagenturen, mit denen der Konzern heute zusammenarbeitet."
Trotzdem: Die Auflösung der Verträge ist unüblich -- und sie hat in der Werbebranche für Verunsicherung und Befremden gesorgt. "Ich werte das als generellen Vertrauensentzug", sagt Frank Bodin, Chairman von EuroRSCG gegenüber der SonntagsZeitung. Und: "Nelly Wenger behandelt die Agenturen wie die letzte Dienstleistungsware."
Von den Vertragskündigungen wohl am stärksten betroffen ist die grösste Werbeagentur der Schweiz, Publicis. Die Zürcher Agentur macht für eine ganze Reihe von Nestlé-Marken Werbung: So für Frisco, Buitoni, Findus, Nescafé und Maggi. Sämtliche Verträge wurden gekündigt. Für Publicis ist das Verhalten von Nestlé also gravierend. Fredy Collioud, Chairman von Publicis, zeigt sich dessen ungeachtet nur "leicht überrascht", und "nicht allzu beunruhigt" über das Verhalten Nestlés, wie er gegenüber "persoenlich.com" sagt.
Dass seine Agentur nun sämtliche Etats verlieren wird, ist aus seiner Sicht ausgeschlossen: "Wir sind
überzeugt, dass Nestlé mit Publicis weiterhin zusammenarbeiten will", sagt Collioud. Es sei aus seiner Sicht auch durchaus legitim, dass der
Auftraggeber über die Bücher gehen wolle.
Auch Collioud verhehlt indes nicht, dass er die "flächendeckenden" Vertragsauflöungen von Nestlé für ungewöhnlich hält. Seine Agentur arbeitet seit über 50 Jahren für Maggi, andere Verträge sind über zwanzig Jahre alt. Möglich sei, so spekuliert Collioud, dass Nestlé einige dieser alten Verträge neu aufsetzen möchte. Zugleich jedoch räumt auch er ein, dass er davon ausgeht, dass bei einigen Marken die Agentur in Konkurrenzwettbewerben neu evaluiert wird.
Dass Nestlé die Zusammenarbeit mit den Schweizer Werbeagenturen aufgibt, ist gemäss Collioud allein schon deshalb kaum denkbar, weil der Nahrungsmittelkonzern seine Marken weltweit bei den internationalen Netzwerken platziert hat. Bei diesen Brands bleibt Nestlé Schweiz an die Verträge mit den internationalen Agenturnetzwerken gebunden. Bloss bei den nationalen Marken wie etwa Thomy kann der Konzern die Zusammenarbeit aufgeben. Die Publicis-Führung wird sich am Montag zu einem Gespräch mit
Nestlé treffen. "Dann werden wir mehr erfahren", so Collioud.
Auch bei der Zürcher Traditionsagentur GGK ist "keine Panik" ausgebrochen, nachdem das Kündigungsschreiben von Nestlé in der Mühle Tiefenbrunnen eingetroffen ist. "Alle angefangenen Kampagnen laufen weiter", so Agenturchef Fredy Weisser. Er geht nicht davon aus, dass nun die Zusammenarbeit mit Nestlé enden wird. GGK betreut die nationale Marke Thomy; erst im vergangenen Dezember hatte die Agentur den Etat für die Nestlé-Marke im Pitch erfolgreich verteidigt.
Vergangene Woche nun beschied Nestlé GGK, dass man das Verhältnis mit der Agentur überdenken möchte. Werde es für gut befunden -- und davon geht Weisser aus -- dann sollen die Verträge neu aufgesetzt werden. Der Werber hat insgesamt schon viermal um den Brand Thomy gepitcht -- jedes Mal konnte er den Etat verteidigen.
Im Gegensatz zu Publicis und GGK erhielten andere Agenturen -- entgegen anderslautenden Presseberichten -- bislang keinen Kündigungsbrief. "Mir ist das Eintreffen eines entsprechenden Schreibens von Nestlé nicht bekannt" sagt Urs Järmann von McCann Erickson gegenüber "persoenlich.com". Seine Agentur betreut die Marken Nesquik und Nestlé Cereals. Ebenfalls ist JWT+H+F -- für die Kommunikation von Smarties, After Eight und Kit Kat in der Schweiz zuständig -- nicht betroffen von der aussergewöhnlichen Aktion von Nestlé, wie Andy Hostettler gegenüber "persoenlich.com" mitteilt. Ob auch letztere beiden Agenturen noch ein Kündigungsschreiben erreichen wird, wird sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.
Zum Thema: Polemik um Cailler-Verpackung
http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=61120
(Text: David Vonplon)
|