Lieber Franz Josef
Ich weiss am besten, wie schwierig es ist, ein Interview über sich selbst zu geben. Wir sassen vier Stunden im Berliner Restaurant Adnan, einem der besten Italiener der Stadt. Wir tranken französischen Wein und assen Spaghetti. Neben uns lief das Tonbandgerät. Du erzähltest von Deinem Leben, Deinen ersten literarischen Gehversuchen, als Du als kleiner Flüchtlingsjunge die Bücher von Karl May umschriebst und bei den Regensburger Domspatzen von einer musikalischen Karriere träumtest. Doch Du bist als Schreiber geboren: Hemingway, Truman Capote, Philip Roth, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch waren Deine Jugendidole. Vor allem dessen Lovestory mit Ingeborg Bachmann hat Dich beeindruckt. Grosses Kino. Nach missratenem Abitur bist Du nach Genf geflüchtet, um Französisch zu lernen. Bei der Swissair hast Du Flugzeuge gereinigt und in der Migros Gestelle aufgefüllt. Eine Schweizer Tellerwäscher-Geschichte.
Doch nun holt Dich die Vergangenheit wieder ein: Berlin wird zum Schweizer Medienexil. An Roger Köppel, dem Welt-Reformer, bewunderst Du seinen "unendlichen Wissensdurst", bei Roger Schawinski, dem Sat.1-Retter, “seinen unendlich starken Händedruck” und bei Ringiers Berlin-Botschafter Frank A. Meyer "seine unendlich grosse Wohnung" in Charlottenburg. Als Reporter von Bild bist Du durch den Dschungel Indochinas gerobbt und hast mit Boris Becker im Weissen Haus Tennis gespielt. Boris, der Star, Du sein Psychotherapeut. So habt ihr euch Nancy und Ronald vorgestellt, die zufällig vorbeischauten. Reportergeschichten. Zehn Jahre lang warst Du Chefredaktor bei der Bunten, bis Dich Verleger Hubert Burda zum Chef von Super machte. Jener Zeitung, die Bild konkurrenzieren sollte.
Mit Deiner Schlagzeile "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen, ganz Bernau freut sich darüber" hast Du Journalistengeschichte geschrieben
-- und schlussendlich Dein Blatt zu Grabe getragen. Der Tod eines Wessis hat Dich unsterblich gemacht, obwohl Du in jenem Moment nur noch sterben wolltest. Der Zorn einer ganzen Nation auf den Schultern kann schmerzen. Doch Verlegerfürst Burda ist immer zu Dir gestanden, auch wenn es am Ende keine adäquate Arbeit mehr gab. Du formulierst es eleganter: Dr. Burda kann so belesen, so gütig, so rührselig, aber so auch brutal sein. So sprechen nur Romantiker -- und Du bist einer von ihnen.
In einer Zeit, in der alle via E-Mail kommunizieren, schreibst Du noch Briefe. Jeden Tag. In der Bild-Zeitung. Elf Millionen Empfänger täglich, 40 Prozent Zustimmung. Bei solchen Zahlen müsstest Du, wärst Du Kolumnist der Süddeutschen, verstummen oder Dich gar erschiessen. Wagnerscher Humor. Manchmal fehlt Dir ein Wort, dann rufst Du Mattusek, Di Lorenzo oder unseren Köppel an. Der grosse Goethe hätte seine Ghostwriter verleumdet, als "Gossen-Goethe" oder gar "Genie", wie Dich die Branche bezeichnet, steht man darüber. Deine Adressaten freuen oder ärgern sich: Kultivierte wie Innenminister Schäuble und Bahnchef Mehdorn schreiben zurück, andere Adressaten wie Günter Grass oder der liebe Gott bleiben stumm -- auch wenn Du geschrieben hast: Gott ist kein Orangensaft. Wie wahr. Als gläubiger Katholik darf man das.
Wer im Schatten eines Doms gross geworden ist, sieht Engel fliegen und glaubt an die Verwandlung von Wasser zu Wein. Die katholische Kirche als Schnellbleiche für guten Boulevardjournalismus. Und wie in der Religion -- so Deine Auffassung -- sind die Grenzen auch hier sehr weit gesetzt. Viele Deiner Worte sind Literatur, ohne dass es jemand merkt. "Saufen heisst weinen" oder ganz schlicht: "Grinsi-Klinsi". Manchmal soll man Sätze nur wegen ihrer Schönheit formulieren, sagst Du, auch wenn sie falsch sind. Wir Sterblichen schreiben falsche Sätze, die nicht einmal schön sind. 300'000 Exemplare wurden von Deinem ersten Roman "Das Ding" verkauft. Eine Wahnsinnszahl. Vorbei die Zeiten, als Du im Elend darbtest und die Miete nicht mehr bezahlen konntest.
Seither, so erzähltest Du mir, hast Du keine Hotelrechnung mehr selbst bezahlt. Aber der lange Ruhm ist nicht Dein Ding, keine Deiner Kolumnen hast Du aufbewahrt oder wiedergelesen. Sammelbände Deiner besten Texte hast Du abgelehnt. Was Du produzierst, ist Poesie für einen Tag. Du definierst Dich als Deinen eigenen Stammtisch, doch dies ist stark untertrieben. Du bist mehr: Sogar für den türkischen Chef des Adnan, der sich beim Reporter aus der Schweiz beklagt, dass alle Franz Josef kennen und ihn keiner. Dazwischen schenkt er uns einen seiner besten Weine ein. Eine junge Frau -- Französin -- kommt an den Tisch, die sich in charmentestem Akzent daran stört, dass Du die Italiener den Franzosen vorziehst. “Franz Schoseph, c’est pas gentil.” Doch dies lässt einen, der seine Ferien regelmässig in St. Tropez verbringt, kalt. Kolumnisten haben einen breiten Rücken.
Thomas Berthold, Beruf: ewiger Fussballweltmeister, schlendert wie zufällig an unserem Tisch vorbei, angezogen vom wagnerschen Gravitationsfeld. Und plötzlich steht er da: Kaiser Beckenbauer mit Frau Heidi. Für Aussenstehende ein Wunder, für Dich normal. Im Auge des Taifuns kann einen kein Windchen mehr umhauen. Du bist Deutschland, und wir sind Wagner. Dialog zweier Ikonen. Franz: "Franz Josef, welch Zufall, dass wir uns hier treffen." Franz Josef: "Franz, das ist wirklich ein Zufall." Franz, zu mir gewandt: “Sie sind Schweizer?" Ich: "Ja, Herr Kaiser, ich bin Schweizer, und danke für die Fussballweltmeisterschaft." Franz: "Bitte, ihr Schweizer habt ja auch gut gespielt." Daraufhin, als Erinnerung, ein Bild, aufgenommen vom Kellner des Adnan.
Kaum ist der Kaiser mit Kaiserin weitergegangen, ein Kommentar von wagnerscher Präzision: "Beckenbauer ist mittlerweile wie ein Kiesel im Ganges, so abgeschliffen und ohne Ecken und Kanten." Wenn einer es weiss, dann Du: Du warst Beckenbauers Ghostwriter, hast ihn zu Cosmos New York begleitet und ihm sogar die Erkenntnis entlockt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wenn auch nur als Pflanze. Prominente umschwirren Dich wie Fliegen den Küchentisch. Aber es sind nicht die Schröders und Merkels, die Deine Sehnsüchte entfachen, sondern Joschka Fischer-Aussenminister, der beim Übersetzen skandinavischer Pornos sein Englisch schulte und heute eine Villa im Grunewald besitzt, von der keiner weiss, wie bezahlt.
Doch solche Fragen sind unanständig und nebensächlich. Einer wie Fischer, sagst Du, darf sich jede Villa auf dieser Welt kaufen. Im grossen Kino hat es keinen Platz für kleinkarierte Platzanweiser.
Doch nun schreibst Du Dich bereits in das verdammte siebte Jahr. Sechs Stunden täglich saugst Du Dir die deutsche Befindlichkeit aus den Fingern. Viel lieber würdest Du nochmals einen grossen Roman schreiben. Doch Schreiben ist wie Sex, die gleiche Intension ist nicht inflationär anwendbar, und für Tagträume ist Deine Kolumne doch zu gut bezahlt. Was nun in den nächsten 100 Jahren Einsamkeit? Nochmals Chefredaktor? So zu formulieren, wagst nicht einmal Du. Neben all den jungen Spunds, den Köppels dieser Welt, die den Journalismus bevölkern, fühlst Du Dich manchmal wie an einem Kindergeburtstag.
Natürlich hat es mich geärgert, als Du mir den Abdruck des Interviews verweigert hast. Das ist in unserer Branche unüblich. Auch Dein “Lass uns Freunde bleiben” ist bei einem leeren Heft ein schwacher Trost. Vielleicht lag es wirklich -- wie Du sagst -- an den faktischen Fehlern (die könnte man korrigieren) oder an den Helvetismen (auch die könnte man korrigieren -- und sind wir ehrlich, eigentlich hast Du nichts gegen Schweizer, Frau Oprecht, von der Buchhandlung gegenüber der Kronenhalle, machte Dir jahrelang die Buchhaltung und war wie eine Mutter). Vielleicht warst Du einfach auch zu ehrlich und der Wein doch zu gut. Darin liegt bekanntlich die Wahrheit.
Heute gebe ich Dir Recht: Journalisten sollten niemals Journalisten interviewen. Denn ein Interview ist wie eine Orangenpresse.
Herzlichst, Matthias Ackeret.
|