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Herr Boselli, 20 Minuten konnte die Leserzahlen ein weiteres Mal markant steigern, zugleich verlieren Tages-Anzeiger und SonntagsZeitung Leser. Führt das hausintern schon mal zu Neid und Missgunst?
- Nein, die Phase der "Reibereien" ist längst vorbei. Im Haus ist die Freude gross, dass man über einen Titel verfügt, der entgegen dem allgemein rückläufigen Trend im Printgeschäft weiterhin zulegt. Der Effekt, dass wir den anderen Tamedia-Titeln Leser wegnehmen, hält sich in Grenzen -- auch wenn ich schon glaube, dass er auch mit unserem Erfolg zu tun hat.
Überwiegt die Anerkennung oder das Konkurrenzdenken?
- Man trägt mich nicht auf Händen durchs Werdino (lacht). Peter Hartmeier und ich haben im Übrigen keine Probleme miteinander. Wir beide wissen, dass wir in unserem Geschäft gut sein müssen. Ich versuche eine gute Pendlerzeitung zu produzieren, er versucht mit den fünf Regionalsplits einen guten Job zu machen.
20 Minuten hat mittlerweile über eine Million Leser. Wann ist die Sättigungsgrenze erreicht?
- Wir sind keine Heuschrecken… wir überlegen nicht, was wir unternehmen müssen, um noch einmal 50'000 Leser mehr zu erreichen. Vielmehr versuchen wir primär ein gutes Tageswerk zu vollbringen. Es freut uns, dass der Gewinn an Lesern dieses Mal nicht aus einer Auflagensteigerung resultiert, sondern ein Wachstum aus eigener Kraft ist. Es gelingt uns, mit eigenen Geschichten Zeichen zu setzen. Das nehmen unsere 1'170'000 Leser offenbar zur Kenntnis.
Trotzdem: 20 Minuten läuft nicht in allen Städten gleich gut. In Basel etwa tut sich das Blatt schwer, sich zu etablieren.
- Das stimmt nicht -- im Gegenteil. Der Abstand zur BaZ ist in Basel noch einmal kleiner geworden. Es hat sich einfach in allen Regionen gezeigt, dass es eine gewisse Zeit braucht, um klar zu machen, wofür wir stehen -- auch wenn der Brand 20 Minuten mittlerweile sehr bekannt ist. Die letzten Regionalerweiterungen erweisen sich dabei immer als die vorläufig Schwächsten. In St.Gallen, wo wir erst seit etwas mehr als einem Jahr präsent sind, sind die Reichweiten deshalb noch nicht so gut wie in den Städten Bern und Basel, wo wir schon länger präsent sind. Ein Sorgenkind gibt es aber nicht.
Wie viel Potenzial hat 20 Minuten noch?
- Wir könnten in allen Regionen die Reichweite noch steigern. Da das Aufstellen von neuen Boxen jedoch mit hohen Kosten verbunden ist, verzichten wir vielerorts auf eine Ausweitung der Distribution. Es gibt jedoch immer noch einige Orte in der Schweiz, die noch gar nicht erschlossen sind.
Zum Beispiel?
- Die Südostschweiz wäre sicher interessant für uns, und das Tessin liegt ja auch noch brach.
Besteht bereits ein konkreter Fahrplan?
- Ich spreche nur von Überlegungen, die wir uns machen müssen. Es bestehen keine konkreten Pläne, dass wir bereits nächstes Jahr in diese Regionen gehen. Solange in der Romandie der harte Konkurrenzkampf weitergeht, wollen wir uns vor allem dort engagieren.
Erwarten Sie im Tessin eine ähnlich starke Gegenwehr der ansässigen Medienunternehmen wie in der Westschweiz?
- Die Zeiten, in denen Pendlerzeitungen nicht mehr ernst genommen werden, sind definitiv vorbei. Man weiss mittlerweile um deren Erfolg. Die Verleger würden im Tessin oder in der Südostschweiz wohl entsprechend reagieren, wenn wir in diese Regionen dringen. Die Frage ist nur: Wie will man auf die Pendlerzeitung reagieren? Soll man ein Konkurrenzprodukt zu den eigenen Titeln lancieren? Im Tessin wurde bereits prophylaktisch eine Gratiszeitung gegründet. Edipresse hat den selben Weg gewählt -- und dennoch sind wir mit der Entwicklung in der Westschweiz mehr als zufrieden.
20 Minutes liegt jedoch punkto Reichweite hinter Le Matin bleu zurück.
- Der Eindruck, wir seien in Rücklage, stimmt nicht -- er entstand aufgrund einer unglücklichen Kommunikation in Zusammenhang mit den Wemf-Zahlen. Richtig ist, dass wir laut der Zwischenerhebung über 241'000 Leser verfügen. Diese Zahlen stammen aber von Ende vergangenen Jahres. Mittlerweile setzen wir in der Romandie 190'000 Exemplare ab. Rechnet man diese Zahl mit unserem Erfahrungswert von 2 Lesern pro Exemplar hoch, kommen wir auf 380'000 Leser. Damit befinden wir uns wohl auf Augenhöhe mit Edipresse.
Ein Leichtes Spiel haben Sie in der Westschweiz jedoch nicht.
- Das ist richtig. Edipresse wird Le Matin bleu in der Tat nicht so rasch aufgeben. Alles deutet darauf hin, dass sich der Zweikampf noch länger hinziehen wird. Unser Vorteil ist, dass sich Edipresse im Heimmarkt selber weh tut. Als nationale Zeitung profitieren wir aber in der Westschweiz in sehr viel stärkerem Mass von den nationalen Anzeigen.
Gehen Sie weiterhin davon aus, dass bloss ein Titel überleben wird?
- Wir werden alles daran setzen, dass wir die Nummer 1 in der Westschweiz werden. Wie lange es sich Edipresse noch antut, sich mit seiner puren Verteidigungsstrategie im Heimmarkt selber zu schaden, ist offen.
Lange Zeit galt es als gesicherte Wahrheit, dass neben 20 Minuten kein Platz für eine weitere Gratiszeitung besteht. Gilt dies auch jetzt noch, nachdem alles darauf hindeutet, dass sich die kostenlose Abendzeitung "heute" etablieren kann?
- Wir haben nie behauptet, wir würden die Einzigen bleiben. Ob es noch Platz neben den drei bestehenden Gratiszeitungen hat, weiss ich nicht. Sicher aber ist, dass ein Herausforderer konzeptuell gleichwertig sein müsste zu 20 Minuten. Es reicht nicht mehr, bloss News anzubieten. Erforderlich ist ein breites Distributionsnetz und eine Redaktion, die ihren Namen auch verdient. Für einen neuen Konkurrenten wird es deshalb nicht einfach -- zumal wir über einen beträchtlichen Erfahrungsvorsprung verfügen.
Zum Schluss die Frage: Wenn Sie in einer Projektgruppe zur Neupositionierung des Blicks sitzen würden -- was würden Sie Michael Ringier raten?
- Ich würde das Format des Blicks wieder vergrössern. Denn ich finde, dass der Blick immer dann gut war, wenn er grosse Geschichen gross anrichten konnte. Darüber hinaus bin ich aber froh, dass ich mir zu diesem Problem keine Gedanken machen muss.
(Interview: David Vonplon)
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