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Herr Meier, Sie haben für das Fernsehen gearbeitet, zuvor waren Sie als "du"-Chefredaktor im Printjournalismus tätig. Was reizt Sie an der neuen Anstellung im Radio-Business?
- Alle meine bisherigen Aufgaben waren in kultureller Hinsicht sehr spezifisch. Ich hielt mich in einer Nische auf. Als Programmleiter des Kanals DRS2, der von Morgen bis Abend eine eigene thematische Schiene fahren kann, stehe ich nun einer weitaus kompletteren Herausforderung gegenüber. Wir Kulturschaffende leiden nicht selten unter dem Problem der professionellen Dissidenz und sind gezwungen, aus der Nische heraus zu argumentieren. Ich freue mich deshalb sehr, künftig auf breiter Front Themen voranzubringen.
Sie übernehmen Radio DRS 2 zu einer Zeit, da in der Presse die Räumung des Senders gefordert wird. Weshalb hat das Kulturradio heute eine Existenzberechtigung auf UKW?
- Ich glaube nicht, dass ich auf diese Polemik reagieren muss. Wie da verschiedene Volksgruppen gegeneinander ausgespielt werden, ist meines Erachtens unterste Schublade. Tatsache ist, dass die Diskussion um die Volksmusik auf einer falschen Ebene geführt wird. Über die ganze Senderfamilie gesehen wird in Zukunft schliesslich mehr Volksmusik gespielt als bisher.
Sie haben von Radiodirektor Walter Rüegg den Auftrag erhalten, den Sender stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Wie wollen Sie dies bewerkstelligen?
- Mein Vorgänger Arthur Godel hat unglaubliche Arbeit geleistet in all den Jahren als Programmchef. Ich werde mich sputen müssen, die Qualität des Senders halten zu können. Wo wir allerdings Meinungsführerschaft innehaben, müssen wir unsere Inhalte viel stärker nach aussen tragen. Dies soll vor allem über die flankierenden Medien wie das Internet geschehen. Kurzum: Wir wollen den Kulturdiskurs ein wenig lauter vertreten.
Weshalb diese Bescheidenheit? Wollen Sie tatsächlich bloss in erster Linie die Arbeit Ihres Vorgängers weiterführen?
- Natürlich wünsche ich mir, dass die Leute in acht Jahren sagen werden, dieser Marco Meier hat Spuren hinterlassen. Aber ich wurde nicht primär als Macher geholt, sondern für strategische Aufgaben. Im Operativen kann ich mich auf hervorragende Journalistinnen und Journalisten verlassen. Ich werde jedoch stets wach mitdenken und hoffe, dass meine Handschrift so auch nach und nach erkennbar wird.
Wie sieht diese Handschrift aus?
- Bei "Sternstunde" habe ich jede Sendung indirekt begleitet, indem ich die Vorbereitungen meiner Kollegen verfolgt und Fragen gestellt habe. Dadurch wird meine Handschrift wohl nicht direkt ersichtlich. Wichtig ist mir aber, dass das Ganze aus einem bestimmten Geist heraus entsteht. Einer Haltung, die nicht auf jedes Zittern reagiert, sondern von einer gewissen Nachhaltigkeit getragen wird.
Wo beanspruchen Sie Meinungsführerschaft?
- Es finden heute radikale gesellschaftliche Umgruppierungen statt. Denken wir nur an die Themen interkultureller Dialog, Neo-Bewegungen in der Religion, Orientierungsprobleme aufgrund der Globalisierung, in den Wissenschaften die Hirnforschung, die das Selbstverständnis vom Ich und vom Lebensbegriff in Frage stellt. Die Liste interessanter Themenfelder liesse sich beliebig erweitern
Müssen Sie ein Quotenziel erreichen?
- Nein. Ich habe keine solche Direktive im grünen Kuvert gefasst. Dass aber ein fokussierter Spartenkanal wie DRS2 300'000 - 400'000 Hörer erreicht, ist meines Erachtens unglaublich. Untersuchungen zeigen, dass in unserer Gesellschaft 3-5 Prozent der Menschen kulturaffin sind. Das heisst, DRS2 hat fast eine 100-prozentige Abdeckung in dieser Gruppe. Können wir diese Reichweite halten, bin ich zufrieden. Schön wäre es, wenn wir mit den richtigen Themen und neuen Elementen der modernen Musik auch noch stärker eine jüngere Klientel ansprechen könnten.
Stichwort "Junges Publikum": DRS2 liefert heute ein Programm, das vor allem ein Publikum über 60 anspricht. Müsste DRS2 den Kulturbegriff nicht öffnen und beispielsweise auch Hiphop oder elektronische Musik spielen?
- Da muss man aufpassen. Die Senderfamilie von Radio DRS hat eine sehr klare Struktur. Es gibt mit DRS1 einen Sender mit Breitenwirkung, mit DRS3 einen Sender primär für das jüngere Publikum und mit Virus einen Sender für Jugendliche. Es wäre absurd, wenn wir den einzigen Sender für Ältere, die eine nachhaltigere Vorstellung von Kultur haben, zwangsweise "verhiphopisieren" würden. Damit würden wir ein Riesenkapital verspielen. Zumal die Gesellschaft bekanntlich nicht jünger wird.
Bösartig interpretiert: DRS2 bleibt ein Seniorensender.
- Diese Unterstellung kenne ich. Auch als ich für "du" arbeitete sowie auch gegenüber der "Sternstunde" hat man diesen Vorwurf geäussert. Er ist nicht berechtigt. Denn mit einiger Verblüffung treffe ich immer wieder junge Menschen an, die über unsere Orientierungshilfe thematisch den Jazz und die Klassik entdecken.
(Interview: David Vonplon)
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