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Herr BLUMER, die ersten zwei Ausgaben des "Stadtblatts" am Sonntag sind erschienen. Wie ist Ihr Eindruck: Stossen Sie mit Ihrer Gratiszeitung am Sonntag in eine Marktlücke?
- Ja, und zwar auf ganzer Linie. Das Echo der Leser ist viel besser als wir erhofft hatten. Zumal das "Stadtblat" mit seiner textlastigen und reflektierenden Ausrichtung ja keine Zeitung ist, die den Geschmack aller trifft. Überwältigt sind wir darüber hinaus von den vielen Leserreaktionen, die unser Blatt ausgelöst hat. Wir werden bombardiert mit Leserbriefen, E-Mails und Telefonaten und Reklamationen, weil die Verteilung nicht geklappt hat. Natürlich findet sich darunter auch vernichtende Kritik, aber in einem weit kleineren Ausmass, als dass wir es erwartet haben.
Der Pressemarkt am Sonntag ist mit mittlerweile vier grossen Titeln sehr stark besetzt. Wer eine der Zeitungen abonniert hat, kommt kaum noch dazu, ein weiteres Blatt zu lesen. Hat es da Ihr Blatt nicht schwer?
- Nein, denn nur ein kleiner Teil der Winterthurer hat eine Sonntagszeitung abonniert. Die meisten erhalten am Sonntag bloss das "Stadtblatt". Deshalb wird unser Blatt so stark wahrgenommen. Aber auch klassische Sonntagsleser scheinen uns zu lesen. Sie haben nichts dagegen, sich neben der abonnierten Sonntagszeitung ein weiteres Blatt zu Gemüte zu führen.
Das tönt alles wunderbar. Doch lässt sich der gelungene Start auf Leserseite auch in Zahlen ausdrücken?
- Nach den beiden Sonntagsausgaben zeigt sich bereits, dass sehr viele Partnerschaftsabos gelöst wurden. Auch Firmen kommen auf uns zu. Dies geschah in einem Ausmass, dass wir bereits die Zielwerte erreicht haben, die wir eigentlich erst in einem Jahr zu erreichen hofften.
Das "Stadtblatt" bringt im Gegensatz zu fast allen anderen Gratiszeitungen keine News, sondern längere Diskussionsbeiträge zu regionalen Themen. Bewährt sich dieses Konzept?
- Ja. Reflektierende Geschichten über Winterthur und überregionale Themen, von welchen wir glauben, dass sie die Winterthurer interessieren, machten schon immer unsere Nische aus. Zugleich lassen wir die Leute im politischen Bereich von links bis rechts argumentieren. Das kommt sehr gut an. Natürlich protestieren einzelne heftig gegen gewisse Meinungen, die bei uns im Blatt Platz haben. Aber das macht uns nichts aus, da es unsere tiefe Überzeugung ist, alle Meinungen abzubilden.
Und wie gross ist die Resonanz im Anzeigenmarkt?
- Auch da war der Start gut. Aber es braucht Nerven, da die Werbebranche eine abwartende Haltung einnimmt. Gegenüber unserer Agentur heisst es oft: "Wir wollen zuerst schauen, ob es das Stadtblatt im Februar noch gibt." Für unser kleines Haus ist das hart. Wir sind nicht die Tamedia, die über eine Kriegskasse verfügt und eine neu lancierte Gratiszeitung wie "News" dank Inseratekombinationen von Beginn weg Anzeigen erhält. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu kämpfen. Weil das Echo so positiv ist, bin ich aber überzeugt, dass wir es schaffen.
Hat denn ein Lokalblatt wie das Ihre Chancen, an nationale Werbekampagnen zu gelangen?
- Wir kommen bis jetzt nur an Einzelinserate heran, nicht aber an die nationalen Kampagnen. Ich könnte ruhiger schlafen, wenn ich wüsste, dass grosse Anzeigenkunden regelmässig bei uns Inserate schalten. Im Moment bleibt uns jedoch nichts anderes übrig, als uns jede Woche alles selber zu erarbeiten. Das ist ein unglaublicher Aufwand. Aber wir haben keine andere Wahl.
Aber fehlt dem "Stadtblatt" nicht einfach die nötige Reichweite, um nationale Anzeigenkunden zu gewinnen?
- Nein ich denke nicht. Mit unserer Zeitung erreichen Anzeigenkunden ganz Winterthur. Wir bewegen uns also in einem geschlossenen Wirtschaftskreis. Das ist doch auch ein Argument, um bei uns zu buchen. Die kritische Grösse von einer Auflage von 50'000 könnten wir zudem problemlos erreichen. Ich glaube aber nicht, dass uns dies etwas bringen würde.
In der Fachbranche wurde viel über die Gratiszeitung am Sonntag geschrieben. Sie haben sie als Erster umgesetzt. Glauben Sie nun, dass das Konzept Nachahmer finden wird?
- Es gibt Branchenkenner wie Martin Kall, die genau dies behaupten. Und angesichts der positiven Reaktionen kann ich mir durchaus vorstellen, dass ein ähnliches Konzept andernorts auch Erfolg haben könnte. Ich selber wage aber keine abschliessende Beurteilung. Winterthur ist ein spezieller Boden für uns. Ich war deshalb von Beginn weg zuversichtlich und ging davon aus, dass die Bevölkerung ein offenes Ohr für uns hat.
Was hat denn Herr Kall zu Ihnen denn gesagt?
- In einem persönlichen Gespräch hat er mir erklärt, dass er diese Idee genial finde und er sicher sei, dass sie in anderen Städten oder Wirtschaftsregionen Nachahmer finde -- wenn sich das "Stadtblatt" durchsetzt.
Und wovon hängt das ab?
- Selbst wenn wir scheitern, geschieht dies nur, weil wir nicht über die nötige Kriegskasse verfügen und wir nicht einfach genügend Geld nachschiessen können. Ich bin aber sicher, dass sich das Blatt innerhalb von zwei, drei Jahren fest etablieren kann. Wird die Situation aber kritisch, werde ich mich nach Partnern umschauen. Es wäre schade, ein Projekt aufzugeben, von dem man merkt, dass es erfolgsversprechend ist.
An welche Partner denken Sie?
- Das kann ich heute nicht sagen, da ich nicht weiss, ob eine Tamedia Interesse hätte oder auch eine NZZ, die sich stets für Regionalzeitungen interessiert. Daneben gibt es aber auch weitere Verleger, für die unser Projekt interessant sein könnte.
Streben Sie längerfristig denn ohnehin eine Anlehnung an ein grosses Medienhaus an?
- Vielleicht macht es in der Tat Sinn, sich mit einem Verlag zusammenzutun. Als allein stehende Zeitung hat man es grundsätzlich viel schwieriger im Markt. Es wird von einem vielmehr verlangt, als von einem grossen Medienhaus.
Sie haben mit der Lancierung der Gratiszeitung einen grossen Effort geleistet. Wie stark ist das "Stadtblatt" von Ihrer Person abhängig?
- Natürlich bin ich der Motor und das muss auch so bleiben. Ich glaube aber mittlerweile, dass auch wenn mir etwas passiert, die Mitarbeiter im Haus das Blatt übernehmen und auf eine sinnvolle Art und Weise weiterführen könnten. Ich will mir mit dem "Stadtblatt" schliesslich kein Denkmal bauen.
Abschlussfrage: Sind Sie der Ansicht, dass eine Gratiszeitung am Sonntag auch im grösseren Stil Erfolg haben könnte?
- Die Branche muss einfach realisieren, dass nicht nur Gratiszeitungen im Stile von "News" Erfolg haben könen. Auch Publikationen mit Tiefgang haben Potenzial. Denn wer versucht, in dieser Richtung neue Titel zu lancieren, erschliesst sich neue Märkte. Aus diesem Grund erhalten wir auch so viele positive Leserreaktionen. Man dankt uns dafür, dass unser Blatt nicht nur aus Kurzartikeln besteht, sondern es auch ermöglicht, sich in einen Artikel zu vertiefen.
(Interview: David Vonplon)
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