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Herr Lüönd, Sie haben soeben die umfangreiche Dokumentation “Ringier bei den Leuten” publiziert. Ist dies die abschliessende Chronik über den Ringier Verlag, bevor dieser verkauft wird?
- “Ich kenne diese Spekulationen, glaube aber nicht, dass sie begründet sind. Ringier wird -- doch dies ist meine ganz persönliche Einschätzung -- auch in Zukunft den Alleingang wählen oder, wie es bei den Programmzeitungen bereits geschehen ist, vielleicht einzelne Objekte abstossen. Zurzeit sehe ich keinen Grund für einen Verkauf, dem Verlag geht es wirtschaftlich sehr gut.”
Was hat Sie bei Ihrer Ringier-Recherche am meisten überrascht?
- “Dass es im Hause Ringier eigentlich keine Strategien gab und gibt. Zu Strategien werden nachträglich jene Bauchentscheidungen hochstilisiert, die sich als richtig erwiesen haben. Beim Schreiben des Ringier-Buches realisierte ich auf dramatische Weise, dass man im Medienbereich fast nichts labormässig ausstudieren und austesten kann. Marktforschung und Entwicklung finden im Massstab eins zu eins auf dem Markt statt, also ganz im Sinne von ‘Trial und Error’. Auf diese Weise konnte der Ringier Verlag in den letzten 175 Jahren in beide Richtungen sehr viele Erfahrungen sammeln. Die zweite Erkenntnis war mehr eine Bestätigung als eine Überraschung, nämlich die, dass Ringier immer dann erfolgreich gewesen ist, wenn er seinen Fokus primär auf den Lesermarkt gerichtet hat. Dies ist der einzige Weg, um mit einem Medienprodukt erfolgreich zu sein. Hat man Erfolg bei den Lesern, stellt sich dieser auch im Anzeigenmarkt ein. Umgekehrt funktioniert es nicht.”
Tagi-Redaktor Constantin Seibt schrieb in seiner Buchkritik sinngemäss, die Ringier-Story sei für jeden Manager ein Lehrbeispiel, wie man es nicht machen soll.
- “Diese Kritik verstehe ich nicht. Ringier hat immer wieder Neues versucht, obwohl man diesen Produkten oftmals nicht die nötige Chance gegeben hat. So hat man bei der Agonie des Gelben Heftes (später Schweizer Woche) wahrscheinlich zu lange zugewartet. Beim Blick war es umgekehrt. Dass die Zeitung überhaupt noch existiert, ist dem Starrsinn des damaligen Verlegers zu verdanken. Mehr als zehn Jahre lang hat er Geld reingebuttert, bis überhaupt der Breakeven erreicht wurde. Unter dem Strich hat es sich aber gelohnt.”
Trotzdem kämpft der Blick heute mit erheblichen Problemen ...
- “Der Blick befindet sich momentan in einer schwierigen Lage. Das tut mir weh. Ich selbst habe sieben Jahre für den Blick gearbeitet und nie in meinem Leben so viel gelernt wie dort. Der Blick kommt mir heute vor wie ein Dinosaurier in einem sich verändernden Biotop. Trocknet die Landschaft aus, wird auch der stärkste Saurier schwach und muss sich ein neues Biotop suchen oder die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten ändern.”
Um auf Ihr Bild zurückzukommen: Das Biotop kann "Blick" nicht ändern; er müsste also bei der Lebensform ansetzen. Was heisst das konkret?
- “Generell sieht man zwei Strategien in der Boulevardpresse. Einerseits gibt es die rücksichtslose Niveausenkung, das Ausreizen der Schamgrenze, wie das zum Beispiel in England passiert. Anderseits wird eine Mehrwertstrategie mit Zusatzprodukten -- Lifestyle-Magazine, Programmzeitschriften usw. -- erprobt, wie es die Boulevardzeitung ‘Österreich’ von Wolfgang Fellner tut. Doch so was kostet sehr viel Geld. So oder so: Der Blick ist ein Investitionsprojekt. Die Frage stellt sich nur, ob der Besitzer wirklich investieren will.”
Nochmals zurück zur Führungsspitze. Haben Sie eigentlich herausgefunden, wer innerhalb des Verlags der starke Mann ist? Ist es wirklich -- wie oft kolportiert wird -- Frank A. Meyer?
- “Ohne Meyers Bedeutung schmälern zu wollen: Es ist eindeutig Michael Ringier. Es ist wohl eine einmalige Konstellation, dass -- wie es bei Ringier der Fall ist -- ein Journalist an der Spitze eine Medienhauses steht.”
Vor einem Jahr haben Sie im Auftrag des ehemaligen Tamedia-Verlegers Hans Heinrich Coninx und dessen Nachfolgers Pietro Supino das Buch “Verleger sein” veröffentlicht. Sowohl Coninx wie auch Supino sind keine Buchstabenmenschen. Welche Verlegertypen bevorzugen Sie nun?
- “Beide Varianten haben ihren Reiz. In einem gut geführten Verlag braucht es sowohl Buchstaben- wie auch Zahlenmenschen. Nur gemeinsam erreichen sie etwas. Auf sich allein gestellt funktioniert jeder wie ein einarmiger Geiger. Bei der WOZ und bei der Leserzeitung haben es die Buchstabenmenschen immer wieder ohne die Zahlenmenschen probiert. Die Ergebnisse sind bekannt. Aber auch umgekehrt ist es zum Scheitern verurteilt. Die beiden Welten und Kulturen sind dazu verdammt, miteinander auszukommen. Sie müssen sich nicht nur dulden, sondern einander auch konstruktiv dreinreden können. Dafür müssen alle mindestens so gut sein, dass sie die richtigen Fragen stellen können. Das setzt auf beiden Seiten eine gute Ausbildung voraus.”
Im Gegensatz zum Ringier Verlag hat die Tamedia eine ganz klare Strategie ...
- “Ich finde es müssig, diese beiden Verlagshäuser miteinander zu vergleichen. Tamedia ist lokal und regional in Zürich verwurzelt und hat seit Neustem ein zweites Bein in Bern. Doch auch dieses ist wieder regional. Diese regionale Verwurzelung fehlt bei Ringier und macht ihn unübersichtlicher. Die beiden Verlagshäuser betreiben verschiedene Sportarten, ihre Berührungspunkte sind ausser im Zeitschriftengeschäft und im Online-Bereich nicht sehr gross.”
Sie zelebrieren in Ihrem Ringier-Buch immer wieder den Beruf des Reporters. Doch dieser existiert im Zeitalters des Internets und der Gratiszeitungen gar nicht mehr ...
- “Leider haben Sie recht. Ich denke, dies wäre eine Retro-Strategie, die sich wieder lohnen würde. Grosse Journalisten von heute wie Erwin Koch, Constantin Seibt und Esther Girsberger beweisen ihre Qualitäten im Nahkampf und in der direkten Feindberührung. Aber im Allgemeinen verlieren die Journalisten im Laufe der Jahre die Berührung mit dem wirklichen Leben. Schuld daran sind all die Datenbanken, SMD-Recherchen und dieses ganze öde Copy-Engineering. Die Arbeit des Reporters ist nur begrenzt rationalisierbar, sie ist Manufaktur, nicht industrielle Serienfertigung. Sie ist eine intellektuelle Dienstleistung wie Beratung, Seelsorge, Unterricht. So gesehen wäre eine Rückkehr zu den alten Reporterfähigkeiten -- hingehen, schauen, denken, berichten -- auch ein Gewinn für die Leser. Es gab und gibt Reporter von geradezu literarischer Qualität: Joseph Roth, Graham Greene, John dos Passos, Tom Wolfe, das sind meine Hausheiligen. Und schauen Sie sich doch Leader-Medien wie den Spiegel an. Seit dort wieder verschiedene eigenartige Aromen, sogenannte Edelfedern, zugelassen sind, ist das Blatt wieder spannend.”
Wer ist schuld am Verschwinden des klassischen Reporters, die kostensparenden Verleger oder die bequemen Journalisten?
- “Beide. Die Medienunternehmen müssen in Zukunft einen Weg finden, um die vorhandenen Ressourcen schwerpunktmässig richtig einzusetzen. Die Berner Zeitung und der Bund machen es vor, indem Sie die teure Sportberichterstattung zusammenlegen. Wenn sie nun die freigespielten Mittel für mehr und bessere Reporter einsetzen, haben die Leser wirklich etwas davon.”
(Interview: Matthias Ackeret)
--> Das vollständige Interview mit Karl Lüönd ist in der aktuellen Ausgabe von "persönlich rot" pubilziert.
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