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Es gibt immer mehr Medien -- und immer weniger Medienjournalismus. Dies ist kein Gegensatz, wie es auf Anhieb erscheinen mag. Denn die Multiplikation der Angebote hat auch den Wert der einzelnen Medien beschnitten. Was würde man wohl Spannendes über Gratiszeitungen berichten wollen? Die anonym und gesichtslos hergestellten Produkte können kein Thema der Reflexion sein. Ähnlich uninspiriert ist die Schweizer TV-Landschaft. Mit einem einzigen nationalen Fernsehen ist die journalistische Begleitung ähnlich öde wie die Berichterstattung über die politische Landschaft in einem Einparteienstaat. Dass der Medienspezialist Rainer Stadler von der NZZ den diesjährigen Zürcher Journalistenpreis erhalten hat, ist daher wohl als bewusst inszenierter Schwanengesang auf eine früher florierende Branche zu interpretieren.
In Deutschland ist das anders. Dort ist der Medienjournalismus trotz der überall grassierenden Sparrunden noch immer quick-lebendig. Vor allem "Spiegel" und "Focus" beschäftigen sich mit Inbrunst mit diesen Themen. Mehrere Zeitungen führen gar tägliche Medienseiten, die fleissig konsumiert werden, so die "Süddeutsche", die "Frankfurter Allgemeine" und der "Berliner Tagesspiegel". Ausserdem gibt es einige quicklebendige, gut gemachte Internetdienste wie kressreport, dwdl. und quotenmeter. Während die "FAZ" und der "Tagesspiegel" meist sehr fundiert berichten, legen sich die Journalisten der viel gerühmten "Süddeutschen" oft auch persönlich ins Zeug -- und dies ist oft mit einem Verlust an Seriosität verbunden. So rezensierte ausgerechnet Deutschlands meistgefeierter Recherche-Journalist Hans Leyendecker mein Buch “Die TV-Falle”, bevor er es gelesen hatte -- wie er auf Nachfrage eingestand --, und beging damit eine journalistische Todsünde. Sein Urteil basierte allein auf Berichten in anderen Medien, die schneller waren als die "Süddeutsche".
Nachdem ich anschliessend im deutschen "Vanity Fair" mehrfach kritisch über die TV-Landschaft geschrieben hatte, kam -- wie ein Blitz aus heiterem Himmel -- ein grossflächiger und bösartiger Artikel von "Süddeutsche"-Ressortchef Christopher Keil, der meine Zeit bei Sat.1 mit grotesken Zahlen und Argumenten in ein trübes Licht zu rücken versuchte. Da hatte ich definitiv begriffen: Die selbst ernannten Experten fürs Medium Fernsehen lassen sich nicht ungestraft in die Suppe spucken, vor allem nicht von Menschen, die das Medium von einer intimeren Seite kennen als sie. Das muss selbst unter Verletzung aller journalistischen Grundregeln verhindert werden! Denn diese Medienjournalisten sehen sich und ihr Urteil als Mass aller Dinge. Sie wollen mit ihren Kritiken den Standard setzen, nicht nur für ihr Publikum, sondern eher noch für die TV-Macher, die sie mit diesen Benotungen in die von ihnen gewünschte Richtung weisen möchten.
Und ich erinnerte mich plötzlich wieder: Jedes Mal, wenn die "Süddeutsche" einen unserer Filme im Vorfeld in den Himmel lobte, brach bei uns Panik aus. In diesem Moment wussten wir, was uns bevorstand. Denn eine gute Kritik in der "Süddeutschen" bedeutete unweigerlich eine katastrophale Quote -- so weit entfernt sind diese Fachleute vom real existierenden Fernsehpublikum. Doch dies verunsichert diese Kritiker nicht im Geringsten. Ein Christopher Keil kann einen TV-Macher für einen Quotenflop ungerührt in die Pfanne hauen, dessen Werk er vor der Ausstrahlung über den grünen Klee gelobt hatte. Und ich erinnerte mich an noch etwas. Nach einer einstündigen, sehr ausführlichen Programmpräsentation in Hamburg kam er mit einer einzigen, eher überraschenden Frage zu mir: "Warum tragen Sie grüne Socken", wollte er von mir wissen.
Auch in der Schweiz gibt es noch Restbestände dieser medialen Besserwisser. Kurt. W. Zimmermann ist der Bannerträger dieser Zunft. Er schreibt stets munter und originell, ziemlich oft auch sachgerecht. Der immer weiter in die journalistische Provinz abgewanderte Kurt-Emil Merki versucht sich in einer ähnlichen Disziplin. Und auch im "Blick" gibt es wieder einmal einen Versuch, sich dem Medium Fernsehen kritisch zu nähern. Aber irgendwie macht das keinen echten Spass. Selbst die Online-Dienste wie "persoenlich.com" und kleinreport müssen sich mit inhaltlichen Brosamen begnügen. Und so hat unser Land nicht nur die Medien, sondern auch die Medienkritiker, die es verdient.
Doch Deutschland hat es nicht in allen Bereichen besser, finde ich. Da schlagen viele ihr Pfauenrad, um sich von der eigenen Branche, der sie in Wirklichkeit nie so richtig angehören werden, bewundern zu lassen. Deshalb hier endlich die Antwort auf die Frage, die Christopher Keil von der "Süddeutschen" so heftig umtrieb: “Alle schwarzen Socken waren gerade in der Wäsche.”
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[05.06.2008 - 6.34 Uhr]
David Meili
Was der Weitgereiste nicht erwähnt, dass man in der Tagespresse kaum mehr Medienkritik findet. Nach einem grauenhaft schlechten Samstagabendprogramm möchte ich am nächsten Tag lesen, ob Profis der Szene das auch schlecht gefunden haben. Das würde ich lesen, oder sogar den Beitrag im Seniorenprogramm auf dem Autoradio wählen, wenn ich damit meinen Medienkompass neu justieren könnte. |
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[05.06.2008 - 16.08 Uhr]
Ruedi Josuran
Das intelligenteste, treffendste, was ich je über das Thema gelesen habe. Ich vermisse vor allem auch Artikel, die sich mit den Produktionsbedingungen von Medienangeboten, mit der Personalpolitik innerhalb der Medien, mit Strukturen von Verlagshäusern und Tendezen der Medienlandschaft befassen. Eine "Kunst der Beurteilung" fehlt weitgehend. Roger Schawinski, aber auch "persönlich.com" sind immerhin noch zwei positive Ausnahmen. |
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[06.06.2008 - 7.53 Uhr]
Tek Berhe
Seit dem ich als aufstrebender niemals entdeckter Fussballer-Nachwuchs an Grümpelturnieren die Namen der Vereine (TV Trogen, TV Speicher,…) fälschlicherweise mit Fernsehsendern assoziierte und mich der grossen Vielfalt zu früh freute und dann noch später als Schüler mit 17 mein erstes Interview bei der Ostschweiz selig machte, haben mich auch die Hintergründe und die Mecanos in der Medienwelt interessiert und fasziniert. Vermutlich bin ich nebst der Weko und Firmenjuristen einer der wenigen, die sich für das Impressum (Pflichtangaben über wichtige Beteiligungen) interessieren. Information ist Information.
----> Bitte hier einen Abstand.
Wer gehört wem? Wer schreibt für wen? Wer hängt mit wem zusammen? Warum gab es RTL/ProSieben-Schweiz? Wie vernetzt waren TV DRS (neu SF) und die Gewerkschaften? Was machen die regionalen Verlagshäuser? Wie funktioniert das Bakom? Wie tickt Bundesrat Moritz Leuenberger? Information ist Information.
----> Bitte hier einen Abstand.
Die von Roger aufgeführten deutschen Medien sind sehr gut gemacht und informativ. Wie immer ist es doch eine Frage der Zielgruppe. Wie viele zahlende Abonnenten oder verkaufte Werbung kann ich generieren? Wie immer kommt man in Deutschland bei Special-Interest-Medien schneller auf eine vernünftige Auflage als in der Schweiz. Das ist bei Star Trek genauso wie bei Medien. Es gibt aber auch in der Schweiz nebst persönlich, Klein-Report und Werbewoche weitere Quellen: SSM, Klartext, die Magazine von TPC , SRG und den regionalen Trägerschaften. Man muss halt wissen wer der Herausgeber ist und dementsprechend kritisch sein. Übrigens freitags waren die Berner Zeitung und St. Galler Tagblatt Leser ein Volk. Dann erschien nämlich die Medienseite. Nicht zu vergessen auch die Veranstaltungen: Screen Up, comdays, Drei-Königs-Tagung, usf. Auch wenn es ins Geld ging. Information ist Information!
----> Bitte hier einen Abstand.
Klein-Report, persönlich und Werbewoche bieten extrem viel Hintergrund-Informationen. Teilweise wie Presseagenturen unkritisch, Klein-Report neuerdings sogar vorlaut und angriffig (das Kunststück in einem Newsletter "investigativen" Journalismus zu machen, ist schon faszinierend, auch die einseitige Stellungsnahme während der RTVG-Ausschreibung für TeleTop war schon merkwürdig). Die Werbewoch und persönlich online wenden sich nun mal primär an die eigene Branche. Information ist Information.
----> Bitte hier einen Abstand.
Heute gehe ich Klein ins Bett und wache persönlich auf und habe die "TV Falle" liegt griffbereit.
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[06.06.2008 - 18.32 Uhr]
Jörg Steiner
Ja, ja. Alles schlecht in der Schweiz. Alles ist doch besser in Deutschland? Könnte man meinen. Dann lässt Schawinski die Katze aus dem Sack. Es hat sich ja tatsächlich jemand getraut, Schawinski zu kritisieren. Ja wo kommen wir den hin. Was erlauben sich die Deutschen. Wir war das mit dem Pfau, der das Rad schlägt. Wen meint Schawinski ? Doch nicht etwa sich selbst! |
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[06.06.2008 - 18.50 Uhr]
werner grabherr
Wie sieht Journalismus 2018 aus? Journalistenschulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beantworteten diese Frage in eigenen Kurzfilmen: http://www.youtube.com/view_play_list?p=EA6A3DCED84258CA |
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[09.06.2008 - 0.25 Uhr]
Peter Thommen
Ich möchte nur einen Beweis dafür, dass die inflationäre telegene Medienwelt und die Gratisblätter fähig gewesen wären, an Gürtellinie der Traditionsblätter heranzureichen. Vom Umweltschutz gar nicht anzufangen. Ein Medium frisst das andere auf und führt die beschworene Konkurrenz ad absurdum. Der Markt unterscheidet eben nicht zwischen Teigwaren und Talkshows. Ich würde mich nocht nicht so schnell über alles erheben, lieber Roger Schwawinski! Nicht bevor es Abend wird! |
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