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Es ist wohl die Mediengeschichte 2009. Das Medienhaus Tamedia übernimmt das Westschweizer Unternehmen Edipresse. Obwohl im Januar bereits erste Gerüchte über eine mögliche Übernahme kursierten, haben wohl die Wenigsten im März mit einer solchen gerechnet. Selbst Tamedia-intern zeigen sich viele Mitarbeiter über die Megafusion überrascht.
Gründe des Deals
Edipresse und Tamedia begründeten die Übernahme mit den strukturellen Veränderungen im Medienmarkt, die das Internet und Fernsehen auslösen. Wie Tamedia-CEO Martin Kall vor den Medien erklärt, kommen Schweizer Verleger zunehmend unter Druck, weil ausländische Fernsehfenster hohe Gewinne ohne publizistische Leistungen einfahren. Aber auch die Konkurrenz im Internet, gemeint sind Webgrössen wie Google oder Facebook, zwinge die Verleger, Synergien zu suchen und sich neu zu positionieren. Die Präsentation von Kall ist eindrücklich: Von den 40 führenden Websites in der Schweiz sind mehr als die Hälfte im ausländischen Besitz. Primus ist Google, vor MSN, Microsoft und YouTube. Dass diese Schwergewichte eine ernste Konkurrenz für Verleger darstellen, zeigt sich im Umsatzzahlen-Vergleich. Google&Co geben den Ton an.
Dank den Synergien rechnet Tamedia mit einer Kostensenkung um 30 Millionen Franken. Grosses Potenzial sieht Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino insbesondere bei IT-Projekten und im Onlinebereich. Synergien soll es auch bei den Druckereien geben. Zurzeit könne Tamedia nicht alle Produkte selber drucken, sagt Martin Kall. Bei Edipresse dagegen seien die Druckereien nicht ausgelastet. Gespart wird, das ist mittelerweile bekannt, auch beim Personal. Im Vordergrund steht die Fusion der beiden Westschweizer Konkurrenz-Pendlerzeitungen "20 Minutes" und "Le Matin bleu". Von den derzeit 70 Stellen sollen 20 wegfallen. Entlassungen im grossen Stil seien jedoch nicht geplant, versicherten die Vertreter beider Seiten.
Details zum Deal
Tamedia will bis Anfang 2011 in zwei Schritten für 226 Miollionen Franken 51,1 Prozent von Edipresse Schweiz übernehmen. Anfang 2013 bezahlt Tamedia dann die übrigen Teile mit eigenen Aktien. Nicht in die Heirat einbringen wird Edipresse ihr internationales Zeitschriften-Geschäft. Tamedia will mit 12 bezahlten Tageszeitungen, die eine Gesamtauflage von 700 000 Exemplaren aufweisen, sowie den Gratisblättern 870 Millionen Franken des voraussichtlichen Jahresumsatzes von 1,25 Milliarden Franken erwirtschaften.
Mit diesem Umsatz stösst Tamedia in ganz neue Dimensionen vor: Mit 1,25 Milliarden Franken steht sie künftig auf Platz Vier der Schweizer Medienlandschaft hinter der Publigroupe, der SRG und Ringier. Wobei man Tamedia getrost als grösstes, privates Schweizer Medienhaus betiteln darf. Denn die Publigroupe ist im Kern ein Medienvermarkter, die SRG hauptsächlich über Gebühren finanziert und Ringier erwirtschaftet einen Grossteil seines Umsatzes im Ausland. Aus diesem Grund wird die Wettbewerbskommission (Weko) den Deal wohl sehr genau unter die Lupe nehmen. Dabei wird sie unter anderem prüfen, ob eine marktbeherrschende Stellung entsteht. Edipresse-Verleger Pierre Lamunière gibt sich jedoch zuversichtlich. Das ausgearbeitete Fusionsmodell sei "von erster Güte". Auch Supino fügt an, dass Tamedia und Edipresse Komplementärunternehmen seien. Sie seien weitgehend in den gleichen Geschäftsfeldern tätig, aber auf verschiedenen Märkten. Trotzdem: Die Edipresse-Gruppe gibt mit dem Deal die Unabhängigkeit im Westschweizer Markt auf, den sie bislang dominierte.
Was sagen die Medienexperten?
Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander. "Ein neuer Mediengigant ist in der Schweiz geboren", sagte Stephan Russ-Mohl, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Lugano. Kaum Veränderungen erwartet der Berner Medienwissenschafter Roger Blum, abgesehen davon, dass ein Gratisblatt in der Westschweiz verschwindet. Für Blum ist sehr viel wichtiger, dass die Westschweizer Zeitungskultur erhalten bleibt. "Tamedia verfügt offenbar über eine grosse finanzielle Potenz", sagt Nick Lüthi, Chefredaktor beim Branchenmagazin "Klartext". "Das ist eine Wundertüte". Es bleibe abzuwarten, ob sich weitere Verlage im rasch erodierenden Werbeumfeld diesem Sog entziehen könnten. Im Blickfeld steht das Basler Medienhaus BAZ. Auf die Frage, ob dieses demnächst von Tamedia übernommen werde, gibt Martin Kall gegenüber "persoenlich.com" keine konkrete Antwort. Er begrüsse es, dass es noch wenige unabhängige Verleger gäbe. Zudem arbeite man zum Beispiel im Internet schon zusammen.
Politik und Gewerkschaft skeptisch
Bei den Politikern macht sich Skepsis breit. Auch Medienminister Moritz Leuenberger äussert sich zur Übernahme und spricht von einer "grossen Gefahr“. Die Schweizer Medienvielfalt könne bedroht sein, sagte er gegenüber der "Tagesschau" des Schweizer Fernsehens. Ängste schürt die neue grosse Tamedia insbesondere in der Romandie. Westschweizer Politiker wie SP-Präsident Christian Levrat oder der grüne Lausanner Stadtpräsident Daniel Brélaz sehen die Eigenständigkeit der welschen Presse gefährdet. Supino widersprach noch am Dienstag den Vorbehalten aus der Romandie. Tamedia habe immer einen pluralistischen Ansatz verfolgt und werde das auch in Zukunft so halten, sagte er. Lamunière versicherte zudem, das Management werde "welsch" bleiben.
Skeptisch sind auch die Mediengewerkschaften über die Grossfusion. In Zürich demonstrierten rund zwei Dutzend Mitglieder der Mediengewerkschaft Comedia mit roten Fahnen und Trillerpfeifen gegen die Übernahme von Edipresse durch den Zürcher Medienkonzern. Die Gewerkschaft Comedia lehnt die Fusion rundweg ab. Durch die Übernahme werde sich der Kostendruck auf Kosten der Beschäftigten erhöhen und die Arbeitsbedingungen für die Betroffenen würden verschlechtert, kritisierten Gewerkschaftsvertreter an der Medienkonferenz. Durch die Übernahme entstehe ein ungesundes Medien- und Druckmonopol. Die Gewerkschaft Impressum fordert von Tamedia, den in der Westschweiz geltenden Gesamtarbeitsvertrag zu respektieren.
Verleger zeigen sich unbeeindruckt
Gelassener nimmt es die Verlegerkonkurrenz: Die NZZ-Gruppe werde durch die Fusion zu einem noch wichtigeren Kooperationspartner für Deutschschweizer Zeitungsverlage, sagte NZZ-CEO Albert P. Stäheli. Auch Peter Wanner blickt dem Vorhaben eigentlich gelassen entgegen, gibt sich jedoch kämpferisch: "Tamedia startet durch - über den Röstigraben hinaus. Zweifel sind angebracht, ob die vielbeschworene publizistische Vielfalt mit der Bündelung von Energien in diesen Dimensionen aufrecht erhalten werden kann. Es entsteht ein Medienkoloss über die Schweizer Sprachgrenze hinaus, dem wir als führender Verlag im Mittelland die Stirn bieten werden. Wir wissen, wie mit der Rolle des "Davids" umzugehen ist."
Für Ringier ändere sich im Moment nichts, so Konzernsprecher Marco Castellaneta. Es seien immer noch die beiden gleichen Mitbewerber mit fast den gleichen Titeln auf dem Markt. Auch Albert Noth, Verleger der Freiburger "La Liberté", und Jacques Matthey, Direktor der Neuenburger Verlegerin SNP, sehen keinen Grund zum Alarmismus.
(Quellen: sda, Pressekonferenz, Medienmitteilung, per)
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[04.03.2009 - 9.59 Uhr]
Klaus Rozsa
Der Tod der vielbeschworenen publizistischen Vielfalt. Allerdings ist diese bisher schon sehr relativ: Die zahlreichen Titel sowohl aus dem Hause tamedia wie von Edipresse sprechen Bände! Ein totaler "Kallschlag"! |
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