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Herr Müller, Ihre Zeitung Sonntag wurde
vor bald zwei Jahren erfolgreich lanciert und
hat bereits 355 000 Leser. Sind dies nicht auch
Auswirkungen des Zwangsabos?
- Sicher, aber die Situation hat sich mittlerweile
geändert, da das “Zwangsabonnement”
nicht mehr existiert. Seit 2008 müssen die
Abonnenten der AZ einen Aufschlag auf das
Abo von 26 Franken pro Jahr bezahlen. Die
Leserinnen und Leser entscheiden, ob sie alle
sieben Ausgaben, nur die Wochenausgaben
oder nur den Sonntag haben möchten. Natürlich
war der “Zwang” beim Start von Nutzen,
aber letztlich kann man niemanden zwingen,
eine Zeitung in die Hand zu nehmen. Die
zahlreichen positiven Rückmeldungen, die
uns regelmässig erreichen, zeigen, dass wir
auf dem richtigen Weg sind.
Der Sonntag wird mittlerweile von anderen
Sonntagszeitungen als Konkurrenz wahrgenommen.
- Viele Journalisten, die vor zwei Jahren zu uns
gewechselt haben, mussten in ihren bisherigen
Redaktionen hören: “Na dann, viel Spass in
der Nati B!” Doch es sollte anders kommen,
wir spielten von Anfang an in der Nati A und
sind auch in der Medienhauptstadt Zürich
präsent. Zudem wird Sonntag oft zitiert, was
zweierlei Gründe hat: Einerseits bringen wir
Geschichten, die man einfach lesen muss, andererseits
befinden wir uns in Baden, also unmittelbar
vor Zürich. Dadurch bewegen wir
uns in derselben Szene wie unsere Konkurrenten,
was sicher ein Vorteil ist.
Trotzdem zählen die Zürcher Baden bereits zur
Provinz …
- Das war bei der Rekrutierung der Mitarbeiter
nur so lange ein Thema, bis sie gemerkt haben,
dass die Reise von Zürich nach Baden bloss 15
Minuten dauert. Viele meiner Kollegen sind sicher
ein Wagnis eingegangen, als sie bei uns unterschrieben
haben. Es war zu Beginn überhaupt
nicht klar, wie sich dieses Experiment entwickeln
würde. Allerdings habe ich unseren Journalisten
immer versprochen, dass wir eine Zeitung auf
die Beine stellen werden, die auch national Beachtung
finden wird. Als dann Top-Journalisten
wie Arthur Rutishauser und Othmar von Matt
zu uns gestossen sind, wusste ich: Jetzt kommts
gut. So kam dann auch ein tolles Team zusammen.
Den Spruch über die Nationalliga B bekommt
heute niemand mehr zu hören.
Haben Sie die Journalisten mit höheren Löhnen
nach Baden gelockt?
- Wir zahlen gut, aber ich glaube, entscheidend
war, dass die Journalisten die Chance hatten,
gemeinsam etwas Neues aufzubauen. Viele
haben dafür gute Positionen bei anderen Medien
aufgegeben, doch bisher hat mir noch
keiner gesagt, er habe seinen Wechsel bereut.
In der Aufbauphase haben wir zum Teil bis in
die Nacht hinein bei einigen Flaschen Wein
und Fleischplatten darüber diskutiert, wie der
Sonntag aussehen soll. Es herrschte fast schon
Pizzo-Groppera-Euphorie.
Der Markt ist bereits sehr dicht, wenn man an
die Konkurrenzblätter denkt. Wie sind Sie bei der
Konzeption des Sonntag vorgegangen?
- Alle Schweizer Sonntagszeitungen sind attraktiv
und gut gemacht, jede auf ihre Art. Ich wurde anfänglich
oft gefragt, wie wir uns zwischen SonntagsBlick
und NZZ am Sonntag positionieren
wollen. Meine Standardantwort lautete: “Wir
orientieren uns nicht an den anderen, sondern
machen etwas Eigenes.” Dazu gehört natürlich
der Primeur, dazu gehören aber auch People und
Lifestyle. Diese Mischung ist keine neue Erfindung,
aber wir haben Hard News und Unterhaltung
so konsequent miteinander verbunden wie
hierzulande kaum eine andere Zeitung.
Sie waren erst 31 Jahre alt, als Sie Chefredaktor
von Sonntag wurden. Viele Ihrer Kollegen sind
wesentlich älter als Sie. Gab es keine Akzeptanzprobleme?
- Ich war mir von Anfang an bewusst, dass viele
meiner Mitarbeiter in mancherlei Hinsicht
besser sind als ich oder zumindest über mehr
Erfahrung verfügen. Doch dies muss für einen
Chef kein Nachteil sein – im Gegenteil: Mein
Ziel war es gerade, die besten Leute an Bord zu
holen. Bei Ringier habe ich erlebt, dass gewisse
Chefs Angst haben, bessere Leute zu engagieren,
weil ihnen diese gefährlich werden könnten.
Als ich beim SonntagsBlick arbeitete, führte ich
als Nachrichtenchef bereits Journalisten wie
Werner Vontobel, einen Doyen des Wirtschaftsjournalismus,
und Johannes von Dohnanyi, einen
profilierten Auslandsjournalisten. Beide
sind fast doppelt so alt wie ich. Probleme hatte
ich damit aber nie, und sie auch nicht. Letztlich
entscheidet die Kompetenz über die Akzeptanz,
und diese schreibe ich mir zu, auch was den kollegialen
Umgang und die Diskussionsfähigkeit
angeht. Ich führe an der langen Leine und setze
auf die Eigeninitiative der Mitarbeiter. Aber
am Schluss bin ich natürlich derjenige, der die
Schlagzeile bestimmt, die Themen gewichtet
und entscheidet, wie weit man bei einer Recherchegeschichte
gehen kann.
Hat sich Peter Wanner in Redaktionsfragen schon
konkret eingemischt?
- Bisher nur wenig, und darüber staune ich,
da Peter Wanner ein anderer Ruf vorauseilt.
Hin und wieder schickt er mir eine Anregung,
zum Beispiel in Sachen Finanzkrise. Er denkt
wie ein Journalist. Manchmal setzen wir seine
Ideen um, manchmal nicht. Bei Ringier habe
ich einen ähnlichen Mechanismus erlebt.
Auch Verleger Michael Ringier versteht sich
als Journalist. Es heisst oft, Frank A. Meyer
mische sich ein, doch letztlich macht er bloss
Vorschläge “à prendre ou à laisser”. Nach
einem Telefonat mit Meyer habe ich nie Druck
gespürt, den Input umsetzen zu müssen – die
Entscheidung liegt bei den Blattmachern. Bei
Tamedia hatte ich nicht den Eindruck, dass
es “Einflüsterer” von
oben gibt, aber da
hatte ich auch keine
Führungsfunktion, ich
war Reporter bei der
SonntagsZeitung. Da
fiel mir auf, dass die einzelnen Medien sehr eigenständig
sind und es mehr Konkurrenzdenken
gibt. Zwischen SonntagsZeitung-Redaktoren
und ihren Kollegen vom Tages-Anzeiger
herrschte nicht gerade eine Liebesbeziehung.
Aber das Verhältnis hat sich wohl im Laufe
der Zeit gebessert.
Sie haben Frank A. Meyer erwähnt. Er gilt
als “väterlicher Freund” von Ihnen und kam im
Sonntag schon einige Male zu Wort.
- Väterlicher Freund würde ich nicht sagen
– wir sind per Sie (lacht). FAM ist ein Vollblutjournalist,
mit dem man leidenschaftlich
diskutieren kann, und er formuliert brillant,
auch in seinen Kolumnen. Mit Meyers Meinung
bin ich nicht immer einverstanden, das
war schon bei Ringier so. Dort muss man als
Blattmacher einfach die Kraft haben, die eigene
Meinung durchzusetzen. Das akzeptiert
er auch.
Zurück zum Sonntag. Ihre Zeitung konzentriert sich
schwergewichtig auf die Wirtschaft. Gab es
in diesem Bereich auch schon Druckversuche?
- Das kam vor: Vor einem Jahr haben wir realisiert,
dass die UBS-Inserate plötzlich nicht
mehr vorhanden waren. Später verschwanden
sie dann allerdings auch in anderen Medien.
Die Pressestelle hat uns mehrmals mit den
Worten gewarnt: “Passt auf, was ihr schreibt
– andernfalls werden wir den Verleger informieren.”
Der ehemalige, in Aarau wohnhafte
UBS-Chef Marcel Rohner war über unsere
Berichterstattung nicht sonderlich erfreut,
worauf die UBS unseren Verleger zu einem
Gespräch eingeladen hatte. Die oberste Bankenspitze
wollte, dass Wanner unsere UBS Berichterstattung
stoppt. Doch dies hat er
nicht gemacht. Vielmehr war er der Meinung:
“Wenn die Geschichte seriös recherchiert ist,
bringen wir sie auch.
War dies für Sie eine neue Situation?
- Ja, zuvor hatte ich noch nie erlebt, dass eine
mächtige Firma wie die UBS Einfluss nimmt
und mit rechtlichen Schritten droht. Vier Wochen
vor dem Rücktritt von Marcel Ospel
brachten wir folgende Schlagzeile auf der
Frontseite: “Also doch: Ospel tritt zurück."Eine Woche nach der Publikation folgte
eine Beschwerde beim Presserat, obwohl
die Geschichte stimmte. Man versuchte uns
einzuschüchtern. Da hat es noch keine nennenswerten
Druckversuche gegeben. Als wir
Silvia
Blocher als Kolumnistin engagierten,
wurden wir in die SVP-Ecke gedrängt. Nach
der Publikation eines Interviews mit Juso-
Chef Cédric Wermuth bezeichnete man uns
als Linksextreme. Diesbezüglich haben wir
mit keiner Partei ein Problem – oder mit allen
nur ein kleines.
Wie sieht es mit der Konkurrenz aus?
- Die spielt und motiviert – umso mehr, als
wir am Anfang eher belächelt wurden. Mittlerweile
nimmt man uns ernst, was zur Folge
hat, dass auf manche unserer Geschichten, die
Wellen werfen, eine Antigeschichte folgt. Als
Christoph
Franz, CEO Swiss International Air
Lines, bei uns den Flughafen Unique kritisierte,
folgte in der nächsten Ausgabe der SonntagsZeitung
prompt eine Story, in der Unique
wiederum Christoph Franz kritisierte.
(Interview: Matthias Ackeret)
--> Das vollständige Interview mit Patrik Müller ist in der April-Ausgabe von "persönlich rot" zu finden.
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[06.04.2009 - 7.58 Uhr]
Andreas Müller
Ich gehöre zu den im Kt. Zürich wohnhaften Abonnenten, und jeden Sonntag werde ich von Neuem bestätigt, dass ich mit dem "Sonntag" die richtige Sonntagszeitung ausgewählt habe. |
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