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Herr Hartmeier, sieben Jahre leiteten Sie als Chefredaktor den "Tages-Anzeiger". Was war rückblickend gesehen der absolute Höhepunkt?
- Blattmacherisch war es die Einführung der Seite "Meinungen" und der Seite "Bellevue" mit jungen Autoren. Journalistisch war es mein Leitartikel zu Beginn des Irak-Krieges, den ich von Anfang an für einen historischen Fehler hielt - dieser Beitrag entstand in enger Absprache und langen Diskussionen mit unserem Auslandchef Luciano Ferrari. Ich bin heute noch auf diesen Beitrag stolz, und er ist auch ein Beleg dafür, wie wichtig Teamwork ist. Ein Höhepunkt war auch der Aufbau meines Führungsteams: Mit meinen Stellvertretern, den Blattmachern und den Ressortleitern hatte ich Kollegen und Kolleginnen, die mir fachlich und charakterlich wichtige Partner waren. Hier haben sich Beziehungen entwickelt, die über den Tag hinaus von Bedeutung sind.
Gab es einen absoluten Tiefpunkt?
- Der stürmische Abgang unseres Zeichners Nico und seine Vorwürfe haben mich damals tief getroffen. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt nie gedacht, dass sein Nachfolger Felix Schaad in so kurzer Zeit zum profilierten Aushängeschild werden würde - er brauchte weniger als zwei Jahre dazu. Ein anderer Tiefpunkt besteht darin, dass wir in einem ersten Anlauf unsere online-Redaktion nicht ausbauen konnten. Wir begannen eigentlich zu spät mit dem Ausbau von tagesanzeiger.ch. Der Erfolg des Newsnetzes unter der Leitung von Peter Wälty zeigt, wie wichtig diese Investition ist.
Sie leiteten eine der störrischsten Schweizer Redaktionen. Wie konnten Sie sich während sieben Jahren halten? Was war Ihre Überlebensstrategie?
- Es sind ganz einfache Prinzipien: Offenheit, Ehrlichkeit, Klarheit, Eindeutigkeit - und auch Fehler zugeben, wenn man Fehlentscheide getroffen hat. Zudem muss die Redaktion wissen, dass der Chef in Krisensituationen und wenn sie zu Unrecht angegriffen wird, schützend vor sie hinsteht.
Sind Ihnen grobe Fehler passiert? Gestehen Sie uns einen?
- Ich habe einen folgenreichen Fehlentscheid im Kulturressort getroffen. Ich glaubte, dass eine gebildete, bisher erfolgreiche Führungspersönlichkeit auch ohne Erfahrung im Journalismus dieses Ressort leiten könne. Es gab dann grosse Konflikte und auch viele persönliche Verwundungen, für die ich die Verantwortung übernehmen musste. Ich habe bei dieser Entscheidung auf niemanden gehört, obwohl mich "alte Hasen" warnten. Ein Branchenfremder würde scheitern, prognostizierten sie mir. Am Ende waren alle zutiefst unglücklich - auch die von mir eingestellte Persönlichkeit selbst. Sie litt vielleicht sogar am meisten.
Sie gelten intern als beliebter Chef. Darf dies ein Chefredaktor überhaupt sein?
- Beliebtheit war für mich nie ein Ziel. Hingegen bin ich gerne unter Menschen und mit Menschen zusammen. Ich habe Menschen gerne. Das hat mir geholfen. Zudem darf man nicht vergessen, dass die ersten zwölf Monate sehr schwierig waren für mich. Viele Redaktoren glaubten, ich sei lediglich der verlängerte Arm von Martin Kall.
Wie oft mussten Sie sich während Ihrer Amtzeit für Fehler im "Tagi" entschuldigen?
- Das weiss ich nicht. Wichtig war mir immer, dass ich mich bei beschwerenden Lesern immer rasch mit einem Antwortschreiben oder Telefonanruf meldete. Manchmal ging ich noch weiter: Ich schickte Leuten, die sich durch unsere Zeitung verletzt fühlten, einen von Hand geschriebenen Brief und einen Blumenstrauss - selbst dann wenn wir im Recht waren. Die Pflege der Kundschaft, also unserer zahlenden Leser, ist enorm wichtig. Mein Vorbild im Umgang mit unzufriedenen Lesern sind erfolgreiche Hoteliers: Wäre ich nämlich nicht Chefredaktor oder Verleger, würde ich gerne ein Hotel führen.
Die Suche nach Ihrem Nachfolger dauerte vier Monate. Fühlten Sie sich in dieser Zeit nicht wie eine sogenannte "Lame Duck"?
- Nein, keine Sekunde.
Konnten Sie in den letzten Monaten überhaupt noch wichtige Entscheidungen treffen?
- Ja, denn ich habe bis zur letzten Sekunde so gearbeitet, als würde ich noch 20 Jahre Chefredaktor des "Tages-Anzeigers" sein.
Seit bekannt ist, dass Sie den "Tagi" verlassen werden, haben diverse Inland-Redaktoren gekündigt. Haben Sie den berühmten "Lemming-Effekt" ausgelöst?
- Wir haben starke journalistische Persönlichkeiten verloren - das ist richtig. Solche Wechsel sind aber auch Ausdruck davon, dass unsere Redaktoren auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind und interessante Karrieren machen. Zudem bin ich überzeugt, dass meine Nachfolger und Iwan Städler als Ressortleiter weiterhin für ein profiliertes Schweiz-Ressort sorgen.
Die Tagi-Redaktion steht vor einer grossen Veränderung. Wie wird die Zeitung in drei Monaten aussehen?
- Die Zeitung wird noch vermehrt auf eigene Themen setzen, auf eigene Recherchen, eigene Ideen - und Nachrichten-Ballast weglassen.
Herr Hartmeier, erklären Sie uns den Vorteil einer Co-Chefredaktion?
- Zwei Persönlichkeiten, die sich eine Chefposition teilen, können sich auf ihre Talente und ihre Begabungen konzentrieren und sich so ergänzen. Dann ergibt eins und eins nicht einfach zwei, sondern sogar drei.
Und die Nachteile?
- Machtkämpfe, Eifersüchteleien, Kompetenzgerangel - ausser man organisiert sich.
Hätten Sie den Chefposten teilen können?
- Diese Frage stellte sich nie.
Mit wem hätten Sie das Amt aber am liebsten geteilt?
- Mit Daniela Decurtins und Res Strehle.
Es warten auf Ihre Nachfolger keine leichten Aufgaben. Was geben Sie ihnen mit auf den Weg?
- Sie werden in einem sich schnell verändernden Konkurrenzumfeld die Fahne für Print hochhalten müssen - und für recherchierenden, kommentierenden, aufwändigen Journalismus. Das braucht Standfestigkeit - gerade auch in der Krise. Gleichzeitig müssen sie ökonomisch denken. Wir müssen lernen, mit weniger Mittel eine profilierte Zeitung zu machen. Entlassungen sind auch in unserer Branche deshalb denkbar. Auch ich habe zwei Mal Menschen entlassen müssen. Für einen Chef sind das mit Sicherheit die schwierigsten Momente im Berufsleben. In solchen Situationen geht es darum, mit Einfühlungsvermögen und Klarheit vorzugehen. Man muss dann selbst vor die Leute hinstehen, argumentieren - und helfen. Man muss auch akzeptieren, dass man zum "bad guy" wird. Und trotzdem muss man sich um jeden einzelnen Fall kümmern.
Glauben Sie an den Journalismus?
- Das hat nichts mit "Glauben" zu tun. Ich habe ein bestimmtes Menschenbild, das nicht zuletzt durch die junge Generation bestärkt und weiter getragen wird. Die Mehrheit der Menschen will mehr wissen und nützt die Medien entsprechend kritisch. Hier wächst eine international sozialisierte, lokal verankerte Generation nach, die weiss, wo sie ihre Informationen holen will. Diese skeptische, pragmatische Generation kennt sich aus im Umgang mit Medien und erwartet entsprechenden Journalismus. Das gilt für Print, online, Radio und Fernsehen. Journalismus ist keine Religion, sondern eine entscheidend wichtige Dienstleistung in liberalen Gesellschaften.
Stimmt Sie die Entwicklung nicht etwas nachdenklich? Wo sehen Sie die grösste Gefahr?
- Auf der einen Seite diskutieren wir zu oft zu abstrakt über "Elite-Förderung". Wir anerkennen, dass ein wichtiger Teil der jüngeren Generation immer gebildeter und gescheiter wird, auf der anderen Seite werden wir diesen zusätzlichen Ansprüche, die auch an die Medien gestellt werden, zu wenig gerecht. Das ist übrigens nicht einfach eine Frage des Geldes, sondern vor allem unserer Originalität, unserem Einfallsreichtum. Damit es klar ist: Da steckt auch ein Stück Selbstkritik dahinter. Auf der anderen Seite jammern Exponenten unserer Branche viel zu viel. Unsere Zeitungen müssten eigentlich schon lange tot sein. Man kann eine Branche auch zu Tode reden.
Heute ist Ihr letzter Arbeitstag. Was wird Ihnen am meisten fehlen?
- Die Neun-Uhr-Konferenz mit den Blattmachern und den Ressorleitern: Der Zeitpunkt, an dem wir jeweils die grosse und kleine Welt in den Griff nehmen wollen.
Vermissen Sie die Auseinandersetzungen mit der Redaktion?
- Ja, auf der anderen Seite freue ich mich auf neue Auseinandersetzungen in anderen Gremien. Ich übernehme zum Beispiel das Präsidium des neugegründeten "Forums Freie Kommunikation", das sich als Lobby-Organisation für die Freiheit der Werbung positionieren will.
Wird Ihnen die Stadt Zürich fehlen?
- Ich habe viele Freunde in Zürich und ein Teil meiner Familie lebt hier. Entsprechend eng sind die privaten und gesellschaftlichen Kontakte. So bleibt Zürich neben dem Thurgau ohnehin Mittelpunkt. Ich werde weiterhin in Zürich Vorträge halten, moderieren oder am Sonntalk von TeleZüri teilnehmen. Umgekehrt haben sich bereits viele Freunde und Kollegen zu Besuchen im Thurgau angemeldet.
Herr Hartmeier, werden Sie bald als Politiker Schlagzeilen machen?
- Kaum. Ich habe mich vor zwei Jahren mit der Möglichkeit beschäftigt für ein politisches Amt zu kandidieren und abgesagt. Meine Affinität zur Medienbranche war stärker.
Im Thurgau sind Sie weit weg von der Zürcher Medienszene. Werden Sie diese vermissen?
- Als VR-Präsident der Huber & Co. AG und als Verleger der "Thurgauer Zeitung" bin ich Teil der Schweizer Medienszene - mit engen Beziehungen auch zu Zürich, die ich entsprechen pflege. Ich werde aber nicht nur meine Beziehungen zur Zücher Medienszene pflegen, sondern darüber hinaus in die ganze Schweiz und auch ins Ausland. Zudem arbeitet die "Thurgauer Zeitung" eng mit dem Landboten in Winterthur zusammen. Wir dürfen nicht nur an Zürich denken, sodnern müssen die ganze Vielfalt pflegen.
Sie reisen am Mittwoch allein nach Vietnam. Warum ausgerechnet das tropische Vietnam? Als ehemaliger "Tagi"-Chef wünscht man sich doch erstmal eine einsame Insel, nicht?
- Ich reise in ein Land mit einer mir fremden Kultur. Während dieser Reise tauche ich ein in eine völlig andere Welt, in der ich keinen anderen Menschen kenne. In diesem Sinne ist Vietnam tatsächlich eine Art Insel.
(Interview: Christian Lüscher)
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