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Ulrich Tilgner gehört zu den bekanntesten Reportern im deutschsprachigen Raum. Seine Berichte während des Irak-Krieges vor sechs Jahren machten ihn zur lebenden Legende, aber auch jetzt – während den Iran-Unruhen – steht er im Dauereinsatz. Am 10. September referiert Tilgner an der Security Conference in Zürich. Gegenüber "persönlich" äussert er sich über die Veränderung der Medienszene und die PR-Aktivitäten der Regierungen. Das Interview:
Herr Tilgner, wie erleben Sie als Auslandkorrespondent
die medialen Veränderungen?
- Mit grossem Staunen: Ein stabiler Trend bei den
Veränderungen lässt sich nicht feststellen. Bei den
heutigen technologischen Möglichkeiten lassen
sich ganz unterschiedliche Tendenzen ausmachen.
Neben den unterschiedlichen Arten der Live-Berichterstattung,
die den Redaktoren und Planern
neue Möglichkeiten bieten, ist es vor allem die
Vielfältigkeit der Übermittlung, die den Wandel
der Medien bewirkt. Vor 30 Jahren habe ich noch
einen grossen Teil des Tages mit Telefonieren und
Gesprächen verbracht, um Informationen zu sammeln.
Die Teilnahme am Ereignis stand im Vordergrund.
Heute macht es oft keinen Sinn mehr,
zum Ort des Geschehens zu fahren. Wenn man
ankommt, liegen die Infos in den Redaktionen
bereits vor.
Ist der Druck auf Sie grösser geworden?
- Einerseits natürlich: Es gibt kaum noch Pausen,
wenn ich über einen Konflikt berichte. Denn im
Zeitalter der Schwerpunktberichterstattung dominieren
einzelne Ereignisse das Nachrichtengeschehen
wesentlich stärker als früher. So wächst der
Bedarf in den Redaktionen enorm. So plötzlich,
wie die sich die Nachfrage aufbaut, kann sie aber
auch wieder zusammenbrechen. Nur mit einer
permanenten Stand-by-Haltung kann eine Korrespondentin
oder ein Korrespondent den Anforderungen
gerecht werden. Gefährlich wird es, wenn
man dem Druck der Aktualität erliegt und vor
lauter Neuigkeiten die eigentlichen Strukturen des
Konfliktes aus den Augen verliert.
Sie sind im vergangenen Jahr unter Protest
vom ZDF weggegangen, weil Sie sich in
Deutschland zunehmend in Ihrer Arbeit eingeschränkt
fühlten.
- Kern meiner Unzufriedenheit war die fehlende Distanz in den deutschen Medien gegenüber dem
Druck der Politik der Bundesregierung auf die
Afghanistan-Berichterstattung. Wenn deutsche
Soldaten als Aufbauhelfer dargestellt werden sollen
und viele Kolleginnen und Kollegen sich den
PR-Bemühungen zum Beispiel des Bundesverteidigungsministeriums
in Berlin nicht widersetzen
können, wird es besonders schwierig, über Afghanistan
ausgewogen zu berichten. Afghanistan gehörte
zu meinem Berichtsgebiet. Dennoch haben
oft andere Kollegen, die dann in meinen Augen
auch zu oft mit Militäreinheiten unterwegs waren,
über das Land am Hindukusch berichtet. Bis heute
bereue ich meine Entscheidung nicht. Die Entwicklung
in Afghanistan spricht für sich.
Wie hat sich dies geäussert?
- Wenn ich nach Afghanistan reisen wollte, wurde
ich zum Beispiel nach Bagdad geschickt, da schon
andere Kollegen nach Kabul oder in den Norden
des Landes reisen sollten.
Spürten Sie bei Ihrer Arbeit auch einen
Druck von Regierungsseite bezüglich der
Kriegsberichterstattung
in Afghanistan?
- Persönlich habe ich keinen Druck von der Bundesregierung
in Berlin gespürt. Die deutschen Soldaten
und Offiziere in Afghanistan waren kooperativ.
Doch dort wurde immer wieder deutlich, dass
deutsche Soldaten vor Ort gar nicht mehr über
ihre eigenen Erfahrungen offen reden dürfen. Die
Sprachregelungen kommen aus dem Bundesverteidigungsministerium
in Berlin. Die US-Armee
ist diesbezüglich viel offener.
Sie haben in einem Interview erklärt, dass sich
die Situation für Auslandkorrespondenten seit
der Regierung Schröder stark verändert habe.
- Das steht in direktem Zusammenhang mit dem
zunehmenden Kampfeinsatz deutscher Soldaten
in Afghanistan. Zur Zeit der Schröder-Regierung
waren kritische Berichte über Auslandeinsätze
von Soldaten westlicher Länder akzeptiert. Diese
– in meinen Augen – notwendigen Reportagen
und Bewertungen, in denen die Probleme des Auftretens
von ausländischen Soldaten in fremden
Kulturen gezeigt werden, fanden immer weniger
Sendeplätze.
Inwiefern ist dies der Fall?
- Ein Beispiel sehen Sie im laufenden Bundestagswahlkampf
in Deutschland. Es existiert bereits ein
stiller Parteienkonsens, die Afghanistan-Politik
nicht zu debattieren. Die Entsendung von Soldaten
liege im nationalen Interesse, wird zur Begründung
angeführt. Dass ein grosser Teil der Wähler
eine andere Sicht hat, wird ignoriert. Den Medien
kommt in den Augen vieler Politiker die Aufgabe
zu, Verständnis für die aktuelle Afghanistan-
Politik zu wecken. Dabei sind doch die enormen
Probleme am Hindukusch auch ein Ergebnis der
katastrophalen Fehler, die die Politiker in den vergangenen
Jahren gemacht haben.
Gibt die Heimredaktion den Auslandkorrespondenten
das Thema vor oder umgekehrt?
- Wenn es um die Nachrichten geht, kommt die Anforderung
in der Regel von den entsprechenden
Redaktionen. Bei Hintergrundgeschichten kann es
auch umgekehrt sein. Grundsätzlich hält der Trend
an, dass die Redaktionen die Sendungen mehr und
mehr komponieren. Früher waren Nachrichten
eher eine Sammlung von Beiträgen von Reportern
und Korrespondenten. Heute werden diese verstärkt
geschickt.
Wodurch unterscheidet sich die Arbeit für
das Schweizer Fernsehen von derjenigen für
das ZDF?
- In den Sendungen des SF gibt es noch mehr Distanz
zum Thema. Die Schweiz ist ein neutrales
Land, das ist in der Berichterstattung deutlich zu
spüren. Nicht umsonst liegt die Zentrale des IKRK
in der Schweiz.
Sie leben im Iran, welcher momentan von starken
politischen Unruhen beeinträchtigt wird.
Werden Sie von der iranischen Regierung bei
der Ausübung Ihrer Arbeit behindert?
- So starke Einschränkungen habe ich in meinem
Berufsleben selten erlebt. Es gibt in der Regel keine
Erlaubnis mehr, auf den Strassen Teherans zu
filmen. Das war bis Mitte Juni anders. War es in
den Golfkriegen ab 1991 die Live-Berichterstattung,
die die Medien verändert hat, so sind es jetzt
zunehmend die Berichte von Betroffenen im Internet.
Iran hat da etwas Neues gebracht.
Gab es in den letzten Monaten gefährliche
Situationen?
- Für viele Kolleginnen und Kollegen war es im
Iran gefährlich. Prügel, Verhaftungen und Anklagen
zeigen das Problem. Mir persönlich ist nichts
passiert.
Präsident Ahmadinejad wurde soeben vereidigt.
Tritt dadurch eine Beruhigung der Lage ein?
- Die Regierung übt die Macht aus, aber die Islamische
Republik ist aufgewühlt, und viele der politischen
Konflikte bleiben ungelöst. An der Oberfläche
dürfte es weitgehend ruhig bleiben, aber für
mich sind die Auseinandersetzungen nicht beendet,
sie können sehr schnell wieder aufbrechen.
Wenn Sie die Arbeitsbedingungen im Iran mit
denjenigen im Nachbarland Irak vergleichen,
wo ist es oder war es für Sie schwieriger?
- Irak ist – auch heute noch – für ausländische Journalistinnen
und Journalisten gefährlicher als Iran.
Die Zahl der getöteten Medienvertreter sagt alles.
Wie wird sich die Situation in Afghanistan
entwickeln?
- Wenn die Regierung in Kabul Korruption und Vetternwirtschaft
nicht beendet, werden die Feinde
der Regierung weiteren Zulauf erhalten. Die Staaten
des Westens arbeiten daran, ihre Fehler zu erkennen.
Auch eine neue Politik des äusseren Eingreifens
kann Afghanistan beruhigen. Noch sehe
ich zu wenige Änderungen in der Praxis. US-Präsident
Obama will aus den Fehlern seines Vorgängers
lernen, aber das ist einfacher gesagt als getan.
Wann kehren Sie wieder nach Europa zurück?
- Schön wäre, wenn sich die Lage im gesamten Mittleren
Osten so schnell wie möglich beruhigen würde.
Denn ich wünsche mir, in absehbarer Zeit als
Reisekorrespondent aus der Region über Länder
und Leute zu berichten und damit mein Berufsleben
ausklingen zu lassen. 30 Jahre Revolutionen,
Krieg und Terror sind mehr als genug.
(Interview: Matthias Ackeret)
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[03.09.2009 - 12.25 Uhr]
Franz-Dominik Imhof
Als Schweizer bin ich schon seit Jahren sehr dankbar für die oft hervorragenden Beiträge Herrn Tilgners bei SF-DRS. Trotzdem ist es äusserst betrüblich, das die Regierung der BRD (schon Scharping war da ja unselig) so leichtfertigt mit dem hohen Gut der unabhängigen öffentlichen Medien umgeht. |
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[04.09.2009 - 10.01 Uhr]
Andreas Heil
Tja, ich als Deutscher habe die Korrespondentenberichte von Ulrich Tilgner, nebst denen von wenigen siener Kollegen und Kolleginnen auch immer geschätzt und schätze sie noch, wenn ich jetzt grenzübergreifend immer noch gelegentlich in ihren Genuss komme.
Hinsichtlich der außenpolitischen Berichterstattung habe ich einen deutlichen Bruch in der bundesdeutschen Medienrezeption etwa Anfang 2003 - zur Hoch-Zeit der europäischen Antikriegsdemonstrationen - festgestellt, der mir weder personell noch institutionell so recht erklärlich ist.
Vorher waren auch die Leeitmedien m.A.n. relativ pluralistisch. Wenn auch viele einzelne Objektivität missen ließen, so waren doch in der Gesamtwürdigung kritische Positionen von beiden Seiten des Spektrums auch dort zu finden, wenngleich sie auch damals schon der Ergänzung wichtiger Fakten und Details durch Außernseiter- und ausländische Medien bedurften.
Seitdem habe ich das Gefühl fast ausschließlich eine konservativ amerikanistisch gebügelte Einheitssauce vorgesetzt zu bekommen, die alles, aber auch alles so lange leugnet, was nicht ins Bild passt, bis es gar nicht mehr anders geht.
Besonders krass war das m.M.n. merklich, als der Georgienkrieg zum Anlass genommen wurde, den jahrzehnte eingeübten ideologischen Antikommunismus in eine merkwürdige Russophobie zu überführen, um damit außenpolitische Machtpflöcke zu zementieren.
Mir ist zwar klar, dass in Deutschland eine sehr starke transatlantische Community in allen möglichen Zirkeln organisiert, daran werkelt, aber seitdem ist das ganze etwas grotesk geworden.
Als bekennend gemäßigt Linker, noch nicht mal prinzipieller Gegner sämtlicher Kriege, habe ich jedenfalls das Gefühl, mit meinen eigentlich gemäßigten, aber fundierten und reflektierten Positionen, mich kaum bewegt zu haben, während das wahrnehmbare Medienspektrum nur so an mir vorübergerauscht ist und ich nun zunehmend mit "linksextremen" Positionen dastehe, die wenige Jahre zuvor noch ganz anders verortet wurden.
Interessant ist aber ja auch, dass ich mich damit auch nicht alleine fühle, denn früher rechten wirtschaftskompetenten älteren SPD-Politikern geht es ähnlich und meine "linksextremen" Positionen finde ich quer und vereinzelt über ZEIT, FTD und junge welt wieder, bezeichnenderweise aber auch von Autoren publiziert, die sich heute wohl ebenfalls zum Spagat gezwungen sehen.
Interessieren würde mich natürlich, ob andere ähnliche Erfahrungen haben, vielleicht auch Herr Tilgner und wie das aus Schweizer PErspektive aussieht.
Beste Grüße
Andreas Heil |
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