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Herr Spillmann, Konkurrent Tamedia hat vor kurzem ihre Halbjahreszahlen präsentiert. 16 Prozent Umsatzeinbusse, relativ düstere Aussichten. Wie fest sitzen Sie und die NZZ im Sattel?
- Ich weiss nicht, wie fest ich im Sattel sitze. Das müssen andere Leute bewerten. Diese Frage treibt mich im Moment auch nicht um. Wir haben andere Sorgen. Die NZZ ist als Gruppe insgesamt grundsolide finanziert. Wir haben eine Eigenkapitalquote von über 65 Prozent. Was das Konjunkturelle angeht: 2009 ist bekanntlich ein Desaster. Und das nächste Jahr wird nochmals schwierig.
Ein noch schlimmeres Desaster?
- Da ist sich die Branche nicht ganz einig. Wir sind bereits tief getaucht. Aber ich würde trotzdem davon ausgehen, dass das nächste Jahr mit diesem vergleichbar sein wird. Möglicherweise erleben gewisse Segmenten ein leichten Aufschwung. Ich denke dabei an die Finanzindustrie. Dort könnte es bereits im Herbst ein sanftes Wiederauftauchen geben. Aber es wird andere Branchen geben, die eher erst jetzt betroffen sind. Bei den abonnierten Zeitungen spielt auch die Arbeitslosigkeit eine wichtige Rolle. Wie entwickelt sich die Arbeitslosigkeit? Und welchen Effekt hat eine steigende Arbeitslosigkeit auf das Konsumverhalten?
Wenn Sie vom "tief tauchen" sprechen, meinen Sie damit also sowohl fehlende Inserateeinnahmen als auch sinkende Leserzahlen?
- Nein, die Leserzahlen sind derzeit positiv – sprich stabil bzw. sogar steigend – für die Titel der NZZ. So gesehen, beobachten wir da noch keinen Effekt. Meine Ambitionen mit einem renommierten Titel wie der Neuen Zürcher Zeitung sind hier klar: Ich hoffe, dass wir nachhaltig mindestens ein leichtes Wachstum erreichen.
Sie haben nun eine Beurteilung Ihrer Lage vorgenommen. Wie wird die Medienlandschaft im nächsten Jahr aussehen?
- Ich bin ja hier als Chefredaktor und als publizistischer Verantwortlicher gefragt. Aus meiner Warte ist die Beobachtung die, dass es für jene Organe in der Schweiz schwierig wird, die ein Vollangebot anbieten wollen oder müssen, aber eigentlich einen zu kleinen Markt haben. Die verbleibenden unabhängigen Verlagshäuser werden noch stärker unter Druck kommen. Die Konsolidierung wird mit Sicherheit weitergehen.
Die NZZ hat die grösste Gestaltungsrevision ihrer Geschichte hinter sich. Am 23. September erscheint sie in einem neuen Layout. Was wird sich ändern?
- Wir versuchen, mit dem Relaunch einen Teil der artikulierten Schwächen der NZZ zu beheben.
Zugleich wollen wir das, was man als gut empfindet, eher noch stärken. Das ist die Übungsanlage. Das heisst: Wir wollen gegen aussen keine Revolution zeigen, sondern etwas, das in sich schlüssig ist, funktioniert und geschätzt wird.
Meint das auch die Abkehr von der Chronistenrolle, von der Zeitung, die über alles berichtet?
- Ja, aber das hat mit dem 23. September so konkret nicht viel zu tun. Wir haben die generelle Bestrebung, uns von der reinen Chronistenrolle schrittweise zu lösen. Wir können heute nicht mehr einfach rapportieren. Wir müssen ein bisschen mehr zum recherchiert Hintergründigen und Analytischen übergehen und das Rapportieren mehr und mehr dem Online überlassen. Aber das wird nicht von heute auf morgen passieren. Das sind graduelle Prozesse. Ausserdem muss eine Tageszeitung immer noch ein gewisses Mindestmass an Chronistentum, an Service aufweisen. Ganz einfach, weil die Ansprüche an eine Tageszeitung völlig unterschiedlich sind. Das ist ja der Fluch, oder auch die Chance: Sie haben nicht nur einen, sondern 320'000 Leser. Und die haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Wir mit unserer Zeitung müssen versuchen, den verschiedenen Ansprüchen gerecht werden. Das ist der Weg, den wir jetzt schon bestreiten. Und das wird sich speziell durch die Gestaltung nicht gross verändern.
Haben Sie sich bei der Gestaltungsreform von einer anderen Zeitung inspirieren lassen?
- So direkt nicht, nein. Das wäre auch schwierig, weil die NZZ in diesem Sinne unvergleichbar ist. Aber es gibt international schon einige Zeitungen, die uns auch immer wieder Vorbild sind. Ich meine damit Zeitungen wie die FAZ, die Financial Times, das Wallstreet Journal oder die New York Times – das sind hervorragende Zeitungen.
Zeitungen, die Sie jeden Tag lesen?
- Ich schaue sie auf jeden Fall durch. Ich will nicht behaupten, dass ich jeden Tag dazu komme, alle auch vollständig zu lesen. Es ist aber meine Aufgabe als Chefredaktor zu schauen, was die Anderen so machen. Die FAZ hat vor drei Jahren erfolgreich ein Redesign durchgeführt. "Die Zeit“ entwickelt sich ebenfalls gut, seit sie sich reformiert hat.
Eine der wenigen Erfolgsgeschichten.
- Richtig. Ich glaube, das ist der Punkt: Eine starke Marke mit einer glaubwürdigen Publizistik, in eine gestalterisch bessere Form gebracht, kann eine Erfolgsgeschichte sein. Aber wir müssen den Beweis jetzt antreten, das ist klar. Ab dem 23. September haben wir Gelegenheit dazu. Touch wood, dass wir fertig werden.
Die NZZ wird ab nächster Woche nur noch in drei Bünden erscheinen. Ist die NZZ in Zukunft dünner?
- Nein. Das Volumen bleibt genau das gleiche. Die Umstellung steht im Zusammenhang mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung und mit der Wahrnehmung der „NZZ“. Die Umstellungen am 23. sind ein starkes Statement, das besagt, dass wir an die Zukunft glauben. Unser Redesign ist keine Verzweiflungstat. Es gibt andere Zeitungen, die alle zwei Jahre einen Relaunch durchführen, weil sie einfach immer wieder versuchen, sich nach dem Geschmack ihrer Leser auszurichten. Das steht bei uns ausser Frage.
Meinen Sie damit den "Blick"?
- Ich habe keine Namen genannt. Wir nehmen nach sechzig Jahren zum ersten Mal wieder eine fundamentale Überarbeitung unseres Erscheinungsbilds vor. Ich erwarte nicht, das muss jetzt wieder sechzig Jahre halten. Aber mein Anspruch ist schon, dass das, was wir am 23. erstmals vorlegen, eine gewisse Nachhaltigkeit, eine gewisse Solidität hat. Die Gestaltung wird nun ansprechender und klarer: Fünf Spalten, starke Bilder, mehr Weissraum.
Gut, aber wie ist die Zeitung denn nun gegliedert?
- Die NZZ ist eine nationale Qualitätszeitung mit einer starken internationalen Ausrichtung. Sie will aber auch eine Wirtschaftszeitung sein und sie hat neben der FAZ im deutschsprachigen Raum DAS führende Feuilleton. Und aus dieser Überlegung heraus ist die Dreilagigkeit entstanden. Im ersten Bund wird Politik mit Schwergewicht Internationales abgehandelt, im zweiten Bund präsentiert sich NZZ als Wirtschaftszeitung. Dort werden die Ressorts Wirtschaft und Börse zusammengefasst und sogar noch leicht ausgebaut. Und der dritte Bund ist das grosse Feuilleton. Und nein, die Zeitung wird nicht dünner. Sie wird sogar haptisch attraktiver, weil die einzelnen Bünde wieder eine solide Stärke haben. In letzter Zeit hatten gerade der Inland- oder der Zürich-Teil wegen der fehlenden Inserate manchmal nur vier Seiten. Jetzt wird jeder Bund wieder zwanzig bis dreissig Seiten haben. Durch diese Struktur haben wir beides erreicht: Wir sind flexibler. Wir können die Bünde auch besser variieren in ihrer Stärke, wir sind unabhängiger vom Inserategeschäft, gleichzeitig sind wir aber auch attraktiver, weil wir viel mehr Textanschlussplätze haben. Das ist an sich gut. Und wir geben dem Leser wieder ein anständiges Volumen in die Hand. Die Haptik ist ein wichtiger emotionaler Faktor für eine Zeitung.
Die Nachteile?
- Wir verlieren die relativ kleinteilige Bundeinteilung, und wir verlieren Auftaktseiten. Beides halten wir aber aufgrund unserer Leserumfragen für nicht so relevant als NZZ, weil wir nicht als Regionalzeitung wahrgenommen werden. Das Regionale ist wichtig und wird auch weiterhin stattfinden. Aber anders als der Tages-Anzeiger können wir auf einen Regionalbund als eigenen Bund verzichten.
Sie haben Stellen abgebaut, in der Redaktion und vor allem auch im Korrespondentennetz. Wie stark wurde dieses ausgedünnt?
- Das ist ja schon vergangenen Herbst kommuniziert worden: Wir haben einige Mitarbeiter gehabt, die in einem frühen pensionsfähigen Alter gewesen sind und die habe ich frühpensioniert. Das war ein schlanker Weg die Kosten zu reduzieren ohne soziale Härtefälle zu produzieren. Reduziert haben wir vor allem dort, wo wir zwei oder drei Leute im Einsatz haben. Zum Beispiel in Paris.
Tut Ihnen dieser Abbau als ehemaliger Auslandredaktor nicht weh?
- Doch, natürlich tut das weh. Natürlich ist es schöner, wenn man sich rein aus publizistischer Optik Dinge leisten kann, die aus verlegerischer, kommerzieller Sicht schwieriger zu rechtfertigen sind.
Aber let’s face it: Wir leben nicht mehr in den Neunziger Jahren. Die fetten Jahre sind vorbei! Diese Botschaft ist unterdessen hoffentlich überall angekommen.
Kann man heute trotzdem eine gleich gute Zeitung machen?
- Spontan würde ich sagen: Ja. Aber es gibt eine Grenze. Man kann ein Redaktionsbudget zum Beispiel nicht um einen Drittel zusammenkürzen und dann das Gefühl haben, man kriege immer noch die gleiche Leistung. Das geht einfach nicht. Man kann bis zu einem gewissen Grad die Produktivität steigern. Das passiert auch: Heute wird anders gearbeitet als noch vor zwanzig Jahren. Ausserdem kann man Kosten senken, indem man effizienter mit dem Geld umgeht und genauer schaut, wofür man überhaupt Geld ausgibt. Da sind wir seit ein paar Jahren dran. Das ist sehr nervzehrend und mühsam.
Sie haben vorhin das Feuilleton und seinen guten Ruf erwähnt: Im letzten November wurden dort die Ansätze für die freien Mitarbeiter drastisch gesenkt. Von 2,10 Franken auf 1,40 Franken. Dazu kommentierte Feuilleton-Chef Meier: "Für das NZZ-Feuilleton zu schreiben ist eine Ehre, kein Broterwerb."
- Die Aussage von Herrn Meier ist nicht ganz falsch. Ich kann das vielleicht noch ein bisschen akzentuieren. Der am Heftigsten betroffene in dieser ganzen Entwicklung ist der freie Journalist. Alles Andere wäre schöngeredet. Sie kriegen weniger Zeilengeld, sie kriegen weniger Tageshonorare, sie kriegen weniger Aufträge – das ist leider so.
Böse Zungen behaupten, die NZZ bezahle schlechter als der "Klotener Stadtanzeiger".
- Nein, nein. So eine Behauptung ist sehr polemisch und stimmt höchstens in einzelnen, sehr spezifischen Fällen. Ich weiss ungefähr, was in der Schweiz an Zeilenhonorar bezahlt wird.
Die Frage ist, ob es sinnvoll ist, bei den freien Mitarbeitern zu sparen. Ich vermute nicht. Aber man kommt irgendwo nicht aus diesem Teufelskreis heraus. Wenn ein Chefredaktor die Festen angreift, heisst es sofort, er baut Leute und Qualität ab. Mit allen Konsequenzen, die das hat. Rein theoretisch ist natürlich ein Modell, wie es ein Roger Köppel bei der Weltwoche praktiziert, das viel elegantere und schlankere. Sie kaufen einfach auf dem Markt Artikel ein. Dadurch sind sie viel flexibler mit dem Kostenmanagement. Auf längere Sicht, kann ich mir als Chefredaktor durchaus vorstellen, dass auch Tageszeitungen in diese Richtung gehen müssten.
Was viele Ihrer Leserinnen und Leser wahrscheinlich nicht gerne hören: Ihr Chef, NZZ-CEO Albert Polo Stäheli, hat angekündigt, dass sich die Abonnementspreise überdurchschnittlich erhöhen werden. Sind Sie auch dafür?
- Absolut. Ich glaube, die NZZ ist heute viel zu billig. Lange Zeit konnte man den Abonnenementspreis durch die Werbeeinnahmen querfinanzieren. Jetzt findet wieder eine Verlagerung statt. Das, was an Werbung wegbricht, müssen wir irgendwo kompensieren. Zumindest einen Teil davon muss man über den Preis an den Konsumenten weitergeben. Das ist unpopulär. Aber ich glaube, wir können das gegenüber unseren Lesern gut verargumentieren. Ich bin mir sicher, dass Leute, die an publizistischen Inhalten interessiert sind, bereit sind mehr zu zahlen.
Zum Online-Geschäft: Wie wird es da für die NZZ weitergehen?
- Das Ganze wird sich in Zukunft zumindest teilweise in Richtung Bezahlung entwickeln. Irgendwie müssen wir ja Einnahmen generieren. Aber nicht ganzheitlich. Wir streben eine unterschiedliche Behandlung an. Es wird dann ein freies, reichweitenorientiertes Angebot sowie zusätzlich Angebote mit einer gewissen Exklusivität und Tiefe geben, die nur gegen Entgelt einzusehen sind. Die Exklusivität muss eine gewisse Wertschöpfung generieren. Ob das über Abo und Werbung oder nur über Abo läuft, das muss man im Detail betrachten.
Tamedia hat bei der Präsentation ihrer Halbjahreszahlen auch bekannt gegeben, dass sie im zweiten Halbjahr 2009 nochmals im zweistelligen Millionenbereich sparen müsse. Wie sieht das bei der NZZ aus?
- Wir sind jetzt bei der Budgetierung. Aber es wird eine schwierige Budgetierung, einmal mehr. Wir müssen uns nichts vormachen, auch wir müssen nochmals Kosten reduzieren. Wie stark welche Bereiche betroffen sind, kann ich jetzt noch nicht sagen.
Aber Sie wissen es schon?
- Nein. Nein, wirklich nicht. Ich kann es nicht sagen, weil der Budgetprozess noch läuft. Ich kommuniziere auch sicher nicht über die Medien einen Abbau oder Sparmassnahmen in der Publizistik. Wirklich nicht. Nochmals: Die guten Jahre sind vorbei. Wir müssen irgendwie versuchen uns so aufzustellen, dass wir endlich aus dem Schlamassel herauskommen. Ich bin jetzt seit mehr als drei Jahren im Amt. Meine erste glorreiche Aktion war es, das "NZZ Ticket" einzustellen und Leute zu entlassen. Vielleicht ist dies das Schicksal unserer Generation. Im Moment macht es jedenfalls überhaupt keine Freude.
Macht Ihnen der Job generell denn noch Spass?
- Abstrahieren Sie bitte von meiner Person. Das muss ich allein mit mir klären. Aber ganz allgemein: Wenn man nicht mehr hinter dem stehen kann, was man macht, dann muss man die Konsequenzen ziehen. Sesselkleberei ist Gift. Ich habe einen gewissen Idealismus, kombiniert mit einem gewissen Pragmatismus. Ich habe mich damit abgefunden, dass nun andere Zeiten herrschen. Spass machen diese Massnahmen aber sicher nicht. Dennoch, gegenüber unseren Praktikanten und Volontären sage ich immer: Journalist ist der schönste Beruf, den es gibt.
(Interview: Adrian Schräder, Christian Lüscher)
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[17.09.2009 - 16.07 Uhr]
Richard de Remy
If you pay peanuts, you'll get monkeys. |
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