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Herr Weber, Herr Kuhn, Sie beide gründen eine Agentur. Warum?
- RW: Wir haben schnell gemerkt, dass wir aus dem gleichen Holz
geschnitzt sind, sehr ähnlich denken und nochmal richtig Gas geben
wollen. Und jeder hat seine eigenen Fähigkeiten und Netzwerke, wenn
es um die Umsetzung geht. Das ergänzt sich fantastisch und ergibt
Synergien. Diese Kombi, und die unter einem Dach, der Kuhn von
meinem Büro aus fünf Meter gleich um die Ecke, die fehlt im Markt.
Also bieten wir sie jetzt an.
RK: Und weil man das so macht, wenn man merkt, dass man trotz
unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Werdegang gleich
denkt, im Kern die gleichen Ansichten teilt und die gleichen Ziele
verfolgt, gegenseitig Achtung und Respekt vorfindet, dann tut man
sich zusammen und gründet eine Firma, und weil wir im erweiterten
Bereich der Werbung arbeiten, ist das dann halt eine Agentur. Wären
wir Musiker, hätten wir eine Band gegründet, wären wir Architekten,
ein Büro.
RW: Das Schicksal wollte es auch irgendwie so, und die Zeit war
reif. Alle reden heute von der Kommunikation mit Szenen, und das kann
nur jemand, der selber erlebt hat, wie diese entstehen und
funktionieren -- oder eben nicht funktionieren. Funktionieren tun die
zwar seit Jahrtausenden immer gleich, ob das nun Ostschweizer Hobby-
Imker oder eine Super-Mario-Community ist. Die Kunst ist, mit denen
auf Augenhöhe ins Gepsräch zu kommen. Ob man in welchen "Szenen" auch
immer glaubwürdig daherkommt und ernst genommen wird, das ist das
Kernproblem. Ich denke, Rainer kann diese Probleme ganz gut lösen.
Wie kam es zur Gründung von Kultmarke?
- RW: Bei einem Gespräch zum Thema www.kult.ch. Das ging dann
plötzlich ganz schnell, länger als ein Bier hat das nicht gedauert.
Es hat halt gepasst. Dass es da einzigartige Synergien gibt, war
sofort klar. Um ein Bild zu nehmen: Da haben sich ein Alpha-Stier und
ein Alpha-Steinbock gefunden.
RK: Es fühlt sich einfach richtig an. Eigentlich hätten wir das
schon lange tun sollen.
Inwiefern hat die Agentur- und Werbeszene auf Ihr Projekt gewartet?
- RW: Der Markt wartet nie auf etwas und das Geschwätz der
Branchenkollegen bringt bekanntlich kein Business. In einem Jahr
werden wir alle schlauer sein und wissen, ob's geklappt hat oder nicht.
RK: Trotzdem: In vielen Gesprächen mit Firmen mit denen ich beim
kult zusammen gearbeitet habe und immer noch tue, höre ich über
Unzufriedenheiten mit klassischen Agenturen. Monoton, schwerfällig in
der Denkweise, viele Kunden fühlen sich nicht richtig verstanden von
ihren Agenturen, sie wissen zwar nicht genau warum, aber sie wissen,
dass es nicht wirklich befriedigend ist. Die suchen neue
Konstellationen, neue Angebote, ein Denken in neuen Modellen und
Formen, Kultmarke ist so etwas.
Würden Sie Kultmarke als Prototyp einer neuen Art von Werbeagentur
betrachten?
- RK: Vielleicht. Die Branche hat sich ja nie neu erfunden, sie hat
sich immer nur angepasst und sich organisatorisch und strukturell
parallel zur Wirtschaft entwickelt. Börsenkotierte Werbeagenturen
arbeiten für börsenkotierte Kunden. Was bitte schön hat eine
Werbeagentur an der Börse zu suchen. Eine Firma, deren Kapital im
Wesentlichen die Mitarbeiter sind. Völliger Blödsinn. Und mit Blick
auf die systembedingte Abhängikeit auch ungeschickt. Denn heraus
kommen dann halt oft Kampagnen die so aussehen, als wären sie
ebenfalls börsenkotiert. Kultmarke ist ein think tank. Die
Positionierung, der Markenkern, die Haltung und die Botschaft bestimmen
die Strategie, nicht die Marktforscher, nicht Mediaagenturen, auch
nicht die Buchhalter. Diese Positionen sind die Lieferanten der
Marke. Mehr nicht.
RW: Es ist eine Konstellation von zwei Menschen, die ähnlich
denken, aber handwerklich Verschiedenes können; diese arbeiten
täglich zusammen mit ein paar weitere Menschen, nämlich mit denen aus
meiner Agentur und denen aus dem netzwerk von kult. Für spezielle
Probleme werden speziell gute spezialisierte Menschen aus unserem
Netzwerk, das eher ein Bekanntenkreis ist, hinzugezogen. Anders
herum: Marketing und Kommunikation ist ein reines People Business.
Agentur redet mit Kunde anhand von Briefingformular über Zielgruppe.
Das funktioniert nicht. Susanne von Sunrise redet mit dem Rainer von
Kultmarke über den 24-jährigen Daniel von der Uni Zürich, der
möglicherweise viel glücklicher mit dem neuen Sunrise-Abo für
Studenten wäre.
RK: Die technologische Entwicklung und damit die Veränderung der
Medien haben eben einen grösseren gesellschaftlichen und sozialen
Einfluss, als man messen kann. Denn Inhalte werden heute nicht nur
über die verschiedensten Kanäle konsumiert, diese verschiedenen
Konsumgewohnheiten werden wiederum verschieden erlebt. Das kann man
nicht quantitativ planen, das muss man qualitativ verstehen. Da gehts
um das tägliche Leben, nicht um den täglichen Medienkonsum. Kultmarke
ist kein Dienstleister, Kultmarke ist ein Produzent. Wir sorgen für
den richtigen Sound.
Der Musiker Joe Cocker mit seinem Album Mad Dogs & Englishmen soll
bei der Agenturgründung eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Erklären Sie uns das.
- RK: Das ist die gemeinsame musikalische Basis. die Agentur-Plazenta
sozusagen. Die Geschichte dieses Albums, dieser Tournee, ist für uns
sehr inspirierend.
RW: Im Moment schlafen einem in unserer Branche die Füsse ein. Alle
performen bloss noch nach althergebrachten Mustern. Four-to-the-Floor-
Beat, neosoulig angehaucht, Intro, zwei Chorusse, Saxophonsolo,
Chorus, Outro, ein Girlie-Chor links oben auf der Bühne, die
hochbehackte Diva in der Mitte, rechts davon drei schwule Tänzer. So
entsteht nie etwas Neues, Bleibendes, Faszinierendes. Genau darum
geht es aber in der Kommunikation. Rainer und ich wollen, das war
nach dem zweiten Bier klar, wieder Rock n Roll veranstalten! Der
Markstein "Joe Cocker, Mad Dogs & Englismen" aus den Siebzigern war
quasi unser Sinnbild dessen, was wir anstreben: All elements of the
truth. Steht übrigens auch so auf dem Plattencover.
Ein wilder Werber und ein exotischer Szeni gründen eine
Werbeagentur. Fehlt hier nicht der seriöse und ruhige Pol?
- RK. Und Neger sind faul und Politiker lügen und Journalisten
verkaufen ein Stück Wahrheit für ein paar griffige Attribute. In
Wirklichkeit ist es aber so: Wir brauchen keinen seriösen ruhigen
Pol. Wir sind selber einer.
RW: Abgesehen davon sind wir erstens beide nicht mehr 20 und haben
in unsere Leben wohl so gegen 1000 Mandate betreut. Zweitens: Von
Buchhaltern und Beratern mit dem Hobby Oldtimerfahren an der Spitze
kommen erfahrungsgemäss keine besonderns nachhaltige Strategien und
Ideen. Drittens: Unsere operationellen Fäden hält seit April die
Heike Rindfleisch zusammen, ex DDB Düsseldorf für VW, ex WHS-Smart-
Factory für den ganzen Bereich Literatur und Handel in acht
europäischen Märkten, habe sie damals aus Deutschland geholt, ex
McCann, Favo und so weiter. Für operative Ruhe und Struktur ist also
gesorgt. Ich könnte, keine schlechte Idee, aber auch mal wieder mit
Yvonne Hodel essen gehen.
RK: Sehr gute Idee sogar. Essen gehen ist extrem seriös und
beruhigend.
Was für einen Einfluss wird die Plattform Kult auf die neue
Agentur haben?
- RW: Wir können täglich, ja stündlich von ihr lernen!
RK: kult hat nicht nur als Plattform einen Einfluss. kult ist ja
weit mehr als das. kult ist ein Entertainment-Brand. Er ist als
Magazin erschienen, als Buch, in Form von Events, ich arbeite zurzeit
an „kult-radio“ und „kult-tv“. kult verfügt über ein immenses
Netzwerk, spannend und interdisziplinär. kult ist eine Denkweise, die
auch Kultmarke hat.
Werden Sie die Kunden einer "Kultpotentialanalyse" unterziehen?
- RK: Unter anderem, ja.
RW: Dieses Angebot machen wir tatsächlich, ob das nun für eine
etablierte Privatbank oder für einen neuen Energy Drink.
Nehmen Sie künftig nur Kultmarken in Ihr Portfolio auf, oder
wollen Sie aus jeder Marke eine Kultmarke machen?
- RW: In jedem Unternehmen, jeder Marke, jedem Produkt schlummert
mehr oder weniger brach liegendes Potential, welches man ausschöpfen
kann.
RK: Sehe ich genau so. Jede Marke hat grundsätzlich das Potential
zum Kult. Grosse Marken verspielen dieses Potential aber zunehmend.
Sie retten ihre Perfomance mit Aktiönlis und Kooperationen in den
nächsten Quartalsabschluss. Diesen können wir helfen, wieder auf den
richtigen Weg zu kommen. Ebenso spannend, wenn nicht spannender ist
jedoch die Arbeit für eine neue, unverbrauchte Marke. Solche
aufzubauen und wachsen zu lassen ist für eine Agentur wie Kultmarke
die Paradedisziplin.
Wie wird eine Marke zur Kultmarke?
- RK: Mit einer kompromisslos gelebten und kommunizierten Haltung.
Und mit Geduld.
RW: Viele sogenannte Kultmarken sind dies oft auch aus purem Zufall
geworden. Wer krampfhaft Kult werden will, wird dies nie werden. Es
gibt kein Rezept. Als Konstante bei Erfolgsgeschichten kann man aber
sehen: Es braucht ein einzigartiges Angebot zur richtigen Zeit, eine
glaubwürdige Strategie, der Mut zu wirklich Neuem, ehrliche
Kommunikation und fast am Wichtigsten: viel Beweglichkeit, Geduld und
Fleiss. Das beste Beispiel ist noch immer die Erfolgsgeschichte des
guten alten VW Käfer.
Sie wollen Werbe- und Szene-Mechanismen verknüpfen. Was müssen
wir darunter vorstellen?
- RK: Der Werbung fehlt oft das grundsätzliche Verständnis für die Szene. Weil sie nicht darin lebt. Ebenso fehlt der Szene oft das strategische Know-How, wie man eine Marke aufbaut und pflegt, mit ihr umgeht. Weil sie von Tag zu Tag, bzw. von Nacht zu Nacht lebt. Wir führen unsere jeweiligen Erfahrungen und unser mit den Jahren angehäuftes entsprechende Wissen zu einer homogenen Einheit zusammen.
RW: Dazu kommt, dass die Verknüpfung, die am längsten hält, ausnahmslos die richtige Idee ist, eine authentische Idee, die dem Wesen des Markenkerns entspricht, eine grosse und simple Idee, die man auf verschiedensten Ebenen interpretieren und dramatisieren kann. Das muss man dann allerdings über Jahre hinweg auch können und wollen.
Wie wirbt man in Szenen?
- RW: Am besten so, dass die Leute sich nicht "beworben" vorkommen.
RK: Indem man mit ihnen tanzt. Man muss ihren Rhythmus spüren, das
hat viel mit Gefühl und Intuition zu tun. Eine Szene ist ja keine
berrechenbare Einheit, sondern eine organische Form. Man muss sie
behandeln wie eine schöne Frau. Sie unterstützen, unterhalten, ihr
zeigen, dass es ihnen ernst ist. Und sie müssen dauerhaft in
verschiedenster Art und Weise präsent sein.
Hat die neue Agentur schon Kunden?
- RK: Ja, zwei. Kleine zwar, aber wir können sie in Ruhe aufbauen. Dazu
kommen noch zwei sogenannte "Coaching-Mandate".
RW: Und die Kunden von Reinhold sind natürlich ab sofort auch
Kunden von Kultmarke, und es gibt sehr spannende neue Kontake.
Wie ist das Feedback der Branche?
- RK: Toll. Es scheint als haben alle Freude. Dabei dachten wir
immer, wir hätten Feinde. Sollten wir erfolgreich sein, werden die
aber bestimmt auch noch kommen.
RW: Gewisse Kolleginnen und Kollegen werden uns sicher alle mit dem
offenen Messer im Hosensack ihre besten Wünsche auf die Schulter
klopfen.
Herr Weber, lösen Sie nun Ihre Agentur bueroreinhold auf?
- RW: Ich bin doch nicht blöd.
RK: Wär ja auch schade.
(Interview per Mail: Christian Lüscher)
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[19.10.2009 - 12.56 Uhr]
Rolando Baron
"Alle performen bloss noch nach althergebrachten Mustern"...? Wirklich? Alle? Oder nur "die meisten"?
Darum hier ein kleiner Surftipp: anomaly.com, lemonscentedtea.com, gannaca.com, Amir Kassaei (diverse URLs) und das kleine, für manche fast unbegreiflich buerobaron.com gibt's ja auch noch. Denn die Welt bewegt sich doch - aber vielleicht in etwas anderen Bahnen, als einige sich das vorstellen.
Wünsche den Beiden übrigens viel Glück. Denn mehr Rock'Roll braucht's wirklich (muss ja nicht gleich Joe Cocker sein...).
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[19.10.2009 - 13.58 Uhr]
Rolf Signer
Bitte, bitte hört endlich auf ständig über den selbstverliebten Rainer Kuhn zu schreiben. Steht jemand in eurer Redaktion auf ihn oder was ist los? R.K. fängt ständig was neues an, damit er seine Fresse in den Medien zeigen kann und ihr druckt es noch ab. |
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[19.10.2009 - 14.27 Uhr]
Andy Hostettler
Für mich waren beide Raeinis schon immer Kult. Ich freu mich wirklich für Euch und bin sicher, dass es ein paar Kunden gibt, die Euch unbedingt haben müssen. Alle Andern können mich gerne jederzeit anrufen. Wünsche ganz viel Aufregung und Spass! Herzlichst Andy |
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[19.10.2009 - 18.17 Uhr]
Fabian Keller
Ganz ehrlich: wer möchte schon nicht einen "Dialog" mit einer "Szene" erreichen? Leider wird dies nur allzuoft vom Kunden verkompliziert und die neue, lässige, coole Rock'n'Roll Kampagne bleibt aus. Die Problematik liegt hier weniger daran, dass die Agenturen zu langweilig sind – im Gegenteil sie werden meist vom Kunden ausgebremst, weil man doch lieber die klare Zielgruppe durch die Marktforschung durchrattern lässt, als total in "Szene" zu denken. Sowieso die Füsse schlafen hier wohl wenn, dann in der Schweiz ein. Alleine schon der Vergleich der Marke MINI im Inland (gähnend langweilige Mailings) mit Live-VJ Performances der "Pfadfinderei" im Ausland zeichnet ein deutliches Bild.
Insofern viel Erfolg und eine Prise Glück in Eurer Mission. Möge sie gelingen und eine Signalwirkung auf ängstliche Kunden haben. |
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