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Wirtschaftskrise, Zerfall der Werte, Sinnkrise der Gesellschaft: Es weht uns ein rauher Wind entgegen. Dennoch scheint die Gesellschaft sich nach bewährten Mustern weiter zu bewegen und scheint nichts aus der Krise lernen zu wollen. Gewinnoptimierung und Wachstum sind immer noch die Devisen, die mit der anhaltenden Ausbeutung der weltweiten Rohstoffressourcen einhergehen. Doch verantwortliches Handeln ist gefragt, das auch nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Existenz garantiert.
Vor diesem Hintergrund appellierte ETH-Professor und Nobelpreisträger für Chemie, Richard R. Ernst, vor geladenen Gästen im Rahmen einer Veranstaltung der Schweizer Sektion der International Advertising Association (IAA) für langfristiges und nachhaltiges Denken und Handeln. Ernst geisselte den grenzenlosen Egoismus als Einbahn und Grundübel menschlichen Verhaltens und forderte ein Umdenken, weg von der Perspektive, die den Profit für das Ich statt für die Gesellschaft ins Zentrum stellt. Am Rande seiner Rede, die der Professor mit einer eindrücklichen, selbstgestalteten Bildpräsentation untermalte, äusserte sich Ernst auch über die Bedeutung der Medien.
Welche Rolle sollten Medien in der Gesellschaft spielen?
- Man betrachtet Medien sehr oft als blosse Übermittler, die Informationen von einem Menschen zum anderen bringen. Medien sind aber mehr als das. Hinter Medien stecken Menschen, die selber eine Meinung haben. Und diese Meinungen sollten durchaus zum Ausdruck kommen. Das bedeutet, dass die Redaktorinnen und Redaktoren eigene Meinungen kundtun und damit für das geradestehen, worüber sie schreiben und berichten. Medien hätten damit eine direkt erzieherische Funktion, Journalisten wären nicht bloss Berichterstatter, sondern Beobachter und Analysatoren mit eigenen Prinzipien, die sie der Öffentlichkeit kundtun.
Würde das nicht dem Auftrag der Medien widersprechen, unabhängig und möglichst wertfrei zu berichten, damit sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann?
- Medien haben beide Funktionen. Selbstverständlich ist die Übermittlungsfunktion für Informationen wichtig, aber es braucht auch die andere Seite.
Mehr Kommentare, Einschätzungen, Wertungen?
- Ja. Natürlich muss klar sein, wer hinter solchen Informationen steht, ob es bloss eine transferierte Meinung oder jene des schreibenden Journalisten ist.
Das heisst, rigorose Offenlegung der Interessenbindungen.
- Das ist nötig, damit ein Medium überhaupt einen eigenständigen Charakter bekommt.
Wie charakterisieren Sie die heutigen Medien?
- Man kann vielfach beobachten, dass Sachverhalte schöngefärbt werden und eine Dramatik in eine Geschichte gebracht wird, die so gar nicht existiert. Ich lese relativ viel den Tages-Anzeiger im Internet. Dort bekommt man immer wieder das Gefühl, dass da eigentlich Banalitäten stehen. Es sind oft Ereignisse, die sensationell aufgemacht werden, sich mittelfristig aber als unwichtig erweisen. Dahinter steht klar ein rein kommerzielles Interesse. Denn dem Leser soll zusammen mit entsprechenden Bildern das Gefühl vermittelt werden, es handle sich um wichtige Ereignisse, die er nicht verpassen darf. Das finde ich nicht gut.
Medien stehen unter grossem wirtschaftlichem Druck. Das geht an die Ressourcen, man geht mehr Kompromisse zum Beispiel mit der Werbewirtschaft ein.
- Es ist ein Überlebenskampf, bei dem man nicht abschätzen kann, wohin er führt – bestimmt nicht zu Objektivität und zur Meinungsbildung des Publikums. Diese beiden Aspekte sind jedoch wichtig. Hier ist für mich die Neue Zürcher Zeitung eine Ausnahme. Dort ist Seriosität spürbar. Bei anderen Printmedien ist das weniger der Fall, wo mehr Kompromisse gemacht werden.
In Ihrem Vortrag sprachen Sie davon, dass die Selbstregulierung der globalisierten Wirtschaft eine pure Illusion sei und es deshalb Regeln brauche. Gilt das gleichermassen für die globalisierte Informationsgesellschaft, das heisst, reguliert sich Information beziehungsweise Fehlinformation auch irgendwann selber? Oder braucht es klare Regeln?
- Es braucht Kommentatoren mit Charakter, die selber Werte vertreten und für diese einstehen. Sie sollen die Überfülle der Information filtern und herauspicken, was sie als relevant erachten. Es braucht Journalisten, die diese Verantwortung wahrnehmen können. Die gesamte Informationsflut dem Publikum ungefiltert und unkommentiert zur zukommen zu lassen macht keinen Sinn.
Nicht nur Medien sind an der Kommunikation beteiligt, sondern auch interessengebundene PR. Sie muss sich keine Sorgen um die Ressourcen machen. Besteht die Gefahr, dass PR mehr und mehr die Funktion der schwächelnden Medien übernimmt?
- Je mehr Gratismedien sich etablieren, desto mehr ist man einer solchen Gefahr ausgesetzt. Solange man für Medien zahlt hat man immerhin die Gewähr, dass man ein ehrlich gemachtes Produkt erhält. Sind Medien aber ausschliesslich auf Werbeeinnahmen angewiesen, dann verliert das Publikum das Zutrauen.
Was können Medien tun, um zu überleben?
- Medien haben eine Bildungsfunktion. Das kann ihr finanzielles Überleben zwar nicht gewährleisten, doch diese Funktion ist wichtig. Der Staat betreibt ja bereits Kulturförderung, das könnte er auch im Medienbereich tun. Das würde eine gewisse Unabhängigkeit schaffen und die Ehrlichkeit der Inhalte erhöhen. Den Einsatz staatlicher Mittel könnte man auch auf Qualität und Sachlichkeit kontrollieren.
Staatlich kontrollierte Medien wären die Folge.
- Nein, ich würde der Schweiz schon zutrauen, dass das nicht passiert. Es braucht eine gewisse Toleranz, dass unterschiedliche Meinungen zur Geltung kommen. Gerade wenn Medien einen Bildungsauftrag erfüllen, könnten sie dafür entschädigt werden. Das würde ich als Möglichkeit sehen, um das Finanzdrama der heutigen Medien aufzuhalten. In Italien mit seiner Korruption bis in die höchsten Ämter wäre sowas natürlich kaum denkbar. Es könnten sich auch Fanclubs bilden, die zum Beispiel ein Printmedium unterstützen, nicht nur ideell, sondern auch finanziell.
(Interview: René Worni)
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