Marc Walder, CEO Ringier Schweiz
Für Inhalte wird in Zukunft durchaus bezahlt werden. Die Frage ist: Wie bezahlt der User?
Und wofür bezahlt der User? Blick.ch wird im kommenden Jahr mit iApps auf den
Markt kommen, die etwas kosten. Springer ebenso. Weitere folgen. Sodass davon ausgegangen werden kann, dass sehr bald "gelernt" sein wird, für gute Inhalts-Applikationen auf dem iPhone etwas zu bezahlen. Schwieriger wird es sein, für bestehende Internet-Sites rückwirkend Geld zu verlangen. Fazit: Mobile User sind eher und
schneller bereit, Geld für Inhalte zu bezahlen.
Kurt W. Zimmermann, Medienexperte und Verleger
Wenn ich in Dubai ein Hotel suche, dann gebe ich auf Google das Stichwort «Hotels
Dubai» ein. Wenn Google mir nun eines Tages sagen würde, die Suche koste mich
fünf Franken, dann bin ich weg. Man kann für vormalige Gratisangebote niemals Geld verlangen, wenn es daneben weiterhin kostenlose Angebote gibt. Niemand zahlt
für Google, solange es Yahoo gibt, niemand zahlt für Gelbe Seiten, den Eintritt in den Stadtpark oder für eine Kreditkarte. All das gibt es auch gratis. Darum werden die Medienhäuser niemals Geld für Inhalte bekommen, die es daneben auch unentgeltlich gibt. Die meisten werden sich darum weiterhin über Werbung finanzieren müssen, also weiterhin Geld verlieren. Geld für Content können nur Medien verlangen, die etwas bieten,
was sonst niemand bietet. Das gilt etwa für die einzigartigen Finanzinformationen
des Wall Street Journal oder die einzigartigen Expad-Seiten der South China Morning Post. Bei mir ist das genauso. Auf meiner Beratungsseite consist.ch ist alles gratis, weil andere das genauso bieten. Auf meiner Medienseite ff-bz.com ist nichts gratis, weil niemand das sonst bietet.
Polo Stäheli, CEO NZZ
Nein, rückwirkend geht das auf keinen Fall. News werden im Internet gratis bleiben. Seitens
NZZ arbeiten wir laufend an neuen Online- und Crossmedia-Strategien, dabei sind auch
Überlegungen zur Preisbildung beziehungsweise zur Erhöhung der Wertschöpfung von qualitativ hochwertigen Online-Inhalten ein Thema. Eine Veränderung ist bei spezifischen Themen, Kommentaren und Services wie zum Beispiel bei Finanzdienstleistungen denkbar.
Peter Wälty, Chef Newsnetz Tagesanzeiger.ch
Natürlich kann man bestehende Plattformen nachträglich kostenpflichtig machen,
wenn man bereit ist, gravierende Konsequenzen zu tragen: 1. Plötzliche und dramatische Erosion der Besucherzahlen und ein damit verbundener Einbruch der über Werbung erzielten Erlöse. 2. Abwanderung der Besucher zu anderen Plattformen wie öffentlich-
rechtlichen oder Gratis-News-Seiten. 3. Mutmasslich marginale Umsätze über Paid Content (nicht zuletzt deshalb, weil ein etabliertes Microbilling-System fehlt). Meines Erachtens basiert die Paid-Content-Diskussion auf der falschen Annahme, der Leser bezahle nichts. Die Währung, mit der jeder Leser, auch der Print-Leser, bezahlt, heisst: Aufmerksamkeit. Und die wird von den Verlagen an die Werbewirtschaft weiterverkauft. Das ist das Geschäftsmodell der Tagespresse, das muss das Geschäftsmodell von News-Sites sein.
Oliver Prange, Verleger persönlich und Du
Das Geschäft mit den News verschiebt sich weiter Richtung Web. Die Tageszeitungen
reagieren darauf, indem sie bei ihren Inhalten immer stärker auf Analyse, Kommentare,
Meinungen setzen. Das ist nicht unproblematisch, weil Print die Hoheit über die Tagesnews vollends aufgibt, jedoch weiter die Portale finanzieren muss, weil die wenigsten aus eigener Kraft überleben können. Wegen dieses Teufelskreises liebäugeln Verleger damit, ihre Portale oder Teile davon kostenpflichtig zu machen. Ich glaube nicht, dass das gelingt. Im Web geht es um Masse. Sobald ein Portal kostet, gehen die User zum kostenlosen Konkurrenten, und den wird es immer geben. "persoenlich.com" wird für User kostenlos bleiben, weil wir unsere führende Marktposition nicht aufgeben wollen. Der Umsatz muss über andere Kanäle eingespielt werden. Dort muss man erfinderisch werden. Vielleicht durch branchenübergreifende Ideen.
Walter Bachmann, Leiter Multimediazentrum SF
Für SF kommt eine kostenpflichtige Website nicht infrage. SF wird den Gebührenzahlern
seine Inhalte im Internet auch weiterhin unentgeltlich zur Verfügung stellen. Meiner Meinung nach ist es schwierig, dem User zu erklären, warum er für Inhalte, die bisher gratis waren, plötzlich bezahlen soll. Ich kann mir vorstellen, dass eine Kostenpflicht für Special-Interest-
Portale akzeptiert würde. Ich zweifle aber am Erfolg eines Bezahl-Modells bei normalen News-Portalen. Solange die gleichen Inhalte anderswo gratis zur Verfügung stehen, wird sich der User die Informationen dort abholen. Es müssten sich also quasi alle darauf
verständigen, ihre Internet-Portale zeitgleich kostenpflichtig zu machen.
Peter Hogenkamp, Geschäftsführer Blogwerk AG
Zahlungsbereitschaft ist erlernt. E-Mails haben kostenlos zu sein (wäre das anders, hätten
wir kein Spam-Problem), dagegen darf eine SMS problemlos 20 Rappen kosten. Im Web
haben wir, leider, die Kostenlos-Kultur etabliert, und diese lässt sich nicht kurzfristig abschaffen; die User wären wütend, würden sie im Web plötzlich "an die Kasse kommen". Für mittelgrosse Sites wie unsere Blogs wäre es selbstmörderisch, heute vorzupreschen und Geld zu verlangen. Was nicht heisst, dass "Paid Content" nicht durch einen gemeinsamen Effort der Branche mittelfristig möglich würde. Das Zauberwort heisst: Convenience. Ein Artikel muss sehr günstig sein (eher 1 Rappen als 10), sodass man nicht lange überlegen muss, und so einfach zu bezahlen, quasi im Vorbeigehen, dass die Umgehung viel komplizierter wird als der Kauf – dann gibt es durchaus eine zweite Chance.
Wolfgang Kunz, Leiter Siterelation Publicitas web2com
Paid Content ist ein sehr aktuelles Thema, das schon seit einiger Zeit in den USA diskutiert
wird und nun auch manche Strategiesitzung in Schweizer Verlagshäusern beschäftigen dürfte. Es gibt bereits einige Studien, welche die Zahlungsbereitschaft
beziehungsweise deren Verweigerung der Online-User belegen, doch schlussendlich, denke ich, ist das sehr individuell von der jeweiligen Plattform abhängig. Wer Content beziehungsweise einen Service anbietet, dessen Wert vom Nutzer erkannt und honoriert wird, kann wohl eher gewisse Inhalte in Produkte verpacken und für diese auch Geld verlangen. Paid Content heisst für mich jedoch nicht unbedingt, dass der User für seine Inhalte zahlt, sondern kann auch über Sponsoring-Modelle finanziert werden, welche den werbetreibenden Unternehmen neue Betätigungsfelder eröffnen. Grundsätzlich sollten
die Zugangshürden für den User aber so tief wie möglich sein, was heisst, dass er beispielsweise über eine zentrale Plattform auf verschiedene Titel zugreifen kann, anstatt sich für jede Site neu anmelden zu müssen.
Andrea Masüger, Publizistischer Direktor Südostschweiz Medien
Auf www.suedostschweiz.ch sind nur die Tages-News frei zugänglich sowie die wichtigsten
Meldungen der tagesaktuellen Frontseite, für den Rest muss bezahlt werden. Man hat uns damals ausgelacht, als wir für unsere Zeitungsinhalte auf dem Netz die Gebührenpflicht eingeführt haben. Die gegenwärtige Diskussion um die rückwirkende Einführung einer Kostenpflicht können wir deshalb gelassen nehmen. Eine erste Barriere ist gesetzt. Derzeit überlegt eine interne Arbeitsgruppe, wie das Bezahl-Modell verfeinert werden kann und wie es vor allem für die Kunden praktischer werden könnte. Ziel soll es sein, keine Inhalte zu verschenken, aber gleichzeitig die Seite attraktiv zu halten. Wie immer ist sich die Medienbranche auch hier nicht einig. An einer Tagung in Zürich wurde kürzlich behauptet, Bezahl-Modelle fürs Internet seien Unfug, da Inhalte nichts mehr wert seien. Unter dieser Prämisse kann das verlegerische Geschäft eingestellt werden. Wir haben
das allerdings vorläufig noch nicht im Sinn.
(Lesen Sie die vollständige Umfrage in der Dezember-Ausgabe von "persönlich")
| |
[17.12.2009 - 8.07 Uhr]
Hans Ott
Peter Wälty sagt das sehr schön und abschliessend: Der Leser bezahlt mit Aufmerksamkeit - und an den Verlagen liegt es, diese als Werbung zu verkaufen. Das ist ja auch das Rezept der sogenannten Bezahlzeitungen, die ihre Einnahmen zwischen 50 und 90 Prozent aus der Werbeaufmerksamkeit beziehen. Von wegen "keine Gratisinhalte", das ist schlicht dummes Geschwätz, was die Herren von Axel Springer absondern. |
| |
[17.12.2009 - 8.13 Uhr]
John Cohiba
Ziemlich viel Rat- wie Hilflosigkeit am frühen Morgen, merci kostenlos-persoenlich.ch. Ziemlich dumm-dreist ist Herr Walders "sehr bald gelernt sein wird" - dream-on, irgendwie schon rührend ol'school (als das Wünschen noch geholfen hat).
Lesetipp:
http://www.stefan-niggemeier.de/blog/aussichtslos-selbstmoerderisch-unverschaemt/. Danke medienlese.com, danke Herr Hogenkamp. Apropos: Für "Convenience" lies Bequemlichkeitsnutzen kann ich mir Microzahlungen tatsächlich vorstellen... JC |
| |
[17.12.2009 - 11.23 Uhr]
Oliver Wirtz
Das Internet hat sich in den vergangenen 10 Jahren als 100%-Gratismedium bei den Usern etabliert. unbeschränktes gratis Wissen per Mausklick, gratis News lesen, gratis Musik hören, gratis Filme runterladen: Einige nennen es auch die "Demokratisierung des Internets"... Anstatt sich schon vor Jahren kritisch zu überlegen, wie man sinnvolle Finanzierungsmodelle (z.B. Microbilling für Kleinstbeträge per SMS oder Telefon) einführt, wurden bloss ständig Urheberrechtsverletzungen und die achso bösen zahlungsunwilligen Softwarepiraten kritisiert und kriminalisiert. Ein Kampf gegen Windmühlen. Nur Apple (iTunes-Shop) hat es hingekriegt Nutzer zum Zahlen zu bringen.
Ich kann mich auch noch sehr gut an die Zeiten erinnern, wo sämtliche Werbeleistungen von Online-Bereichen in grossen Schweizer Verlagen als iTüpfelchen obendraufgelegt wurden - kostenlos für die guten und potenten Printkunden; denn "online" spielte immer einen exotischen, eher unwichtigen Part aus der Sicht der kritischen Medienmanager. Aus dem Medium Internet ist in der Zwischenzeit ein ernstzunehmendes Instrument für alle Seiten geworden und alle (die Kritiker allen voran) wollen jetzt plötzlich dabei sein und den Rubel rollen sehn.
So haben sich die Verlage in den letzten Jahren mit ihrer "added-value & Dumping-Preis-Haltung" den grossen Webcontent-Geldsegen aus eigenen Zügen verbaut - paralell zur Entwicklung einer umfassenden Gratismentalität beim User: Was nix kostet, kann ja auch nichts Wert sein - so die Devise bis anhin... Ziel muss es sein, die Wertigkeit von Inhalten und Services mit Mehrwert beim User verständlich zu machen und ein Zahlmodell/Preismodell zu finden, das vernünftig und praktikabel ist. |
| |
[17.12.2009 - 18.53 Uhr]
Patrick Stähler
Hans hat Recht, denn der Leser zahlt mit seiner Aufmerksamkeit in Printmedien. Nur im Web verteilt sich die Aufmerksamkeit der Leser auf viel, viel mehr Seiten. Die Zeiten der Aufmerksamkeitsmonopole sind vorbei.
Aber was machen die Zeitungshäuser? Sie glauben immer noch, dass ihre Art von Inhalten die Zukunft gehören wird. Sie glauben, dass im Web sie auch weiterhin von Politik (Inland, Ausland und Regional), Wirtschaft, Regionales über Vermischtes, Sport und Kultur alles abdecken können. Das machte auf Papier Sinn, aber nicht mehr im Web. Solche breiten Inhaltsportale lassen sich selbst mit erfolgreichen Abogebühren schwer finanzieren. Und ist die NZZ wirklich überall die Beste? Oder der Tagi?
Die Zeitungen müssen nicht nur ein neues Ertragsmodell im Web finden, sondern auch ein neues Inhaltsmodell. Die Übertragung eins-zu-eins von Print auf Online funktioniert nicht, insbesondere da wichtige frühere Einnahmequellen wie Rubriken wegbrechen. Zeitungen brauchen Rubriken, aber Rubriken brauche online keine Zeitung mehr. Und irgendwann wird auch tamedia feststellen, dass sie keine Zeitung brauchen um gutes Geld mit homegate zu verdienen. Crossmedia hin oder her, aber ein gutes Online-Geschäftsmodell braucht kein Printprodukt.
Mehr dazu unter http://blog.business-model-innovation.com/2009/09/who-says-paper-is-dead-business-model-innovation-in-the-newspaper-industry/ |
| |
[21.12.2009 - 13.41 Uhr]
Stefan Hopmann
Herr Walder liegt schon richtig, wobei die iPhone User genaugenommen eben nicht für die Inhalte, sondern für die Convenience zahlen. Viele Mobile News Seite liessen sich genausogut über ein selbsterstellten Safari-Link aufrufen, der hinter einem Icon auf dem iPhone liegt. Die ziehen hingegen pfannenfertige Apps vor, wenn diese garantiert funktionieren und laufend updated werden.
Die Chance für kostenpflichtige Einzelabrufe dürfte in der Tat vertan sein, wegen der Gratishaltung und der mangelnden Usability. Auch mit Hinblick auf Paid Content habe ich vor 5 jahren ClickandBuy in die Schweiz geholt. Leider bestand die Erwartung, dass Kleinbeträge zu den gleichen Konditionen wie Schuhverkäufe abgewickelt werden können - das funktioniert nicht, und somit wurde ClickandBuy kürzlich wieder eingestellt.
Das überwiegende Geschäftsmodell wird - wie von Peter Wälty festgestellt - die Monetarisierung der Aufmerksamkeit sein. |
| |
|