"Papier ist immer noch eines der komfortabelsten Medien"
Wie sieht die Zeitung der Zukunft aus? Diese Frage kann möglicherweise eine Aargauer Firma beantworten. Das Zofinger Software-Unternehmen Previon arbeitet unter Hochdruck an Lösungen, damit der Leser seine eigene, ganz persönliche Zeitung zusammenstellen und morgens im Briefkasten finden kann. In Berlin hat sich das Unternehmen mit Niiu einen Namen gemacht. Previon-CEO Roger Wernli erklärt gegenüber "persoenlich.com", warum die angeschlagene Verlagsbranche mit dieser Idee eine neue Leserschaft erschliessen könnte. In der Schweiz plant bereits die Post eine individualisierte Zeitung. Das Interview:
Herr Wernli, Previon war an der Entwicklung von Niiu massgeblich beteiligt. Jeder kann seine Wunschzeitung definieren und findet sie frühmorgens im Briefkasten. Warum ist das ein Modell mit Zukunft?
- Die Möglichkeiten zur individuellen Informationsbeschaffung, wie wir sie vom Internet kennen, werden durch modernste Drucktechnologien auch auf gedrucktem Papier möglich. Zudem bietet sich für den Werbemarkt ein interessantes Modell um spezifische Zielgruppen zu erreichen und personalisierte Werbung zu schalten. Durch das Angebot der vielen Quellen lassen sich verschiedenste Bedürnisgruppen bedienen. So können wir beispielsweise anlässlich der WM eine individualisierte Ausgabe nur mit WM-Themen ausliefern.
Die Generation Internet ist nicht gewillt für eine Zeitung zu bezahlen, weil sie die Informationen im Netz gratis findet. Niiu ist kostenpflichtig.
- Beim Projekt Niiu wurde eine Marktanalyse gemacht: Papier ist immer noch eines der komfortabelsten Medien. Die Mehrzahl der Leute, auch die Jungen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. 60 Prozent der Menschen zwischen 20 und 30 Jahren nehmen mehrmals pro Woche eine Zeitung in die Hand. Das ist also eine grosse potentielle Leserschaft.
An wen richtet sich die Zeitung Niiu speziell?
- Beim Start in Berlin wurden vor allem Studenten adressiert. Junge Leute wollen Hintergrundberichte der Zeitungen genauso wie Internetinhalte, aber nur solche, die sie persönlich interessieren. Und all das wollen sie so komfortabel wie möglich, nämlich auf Papier.
Ich habe mir an der Verlegertagung anfangs Januar eine Niiu-Ausgabe angeschaut. Niiu ist ein Artikelsalat. Keine Leserführung. Wie ist das Feedback der Abonennten?
- Die Zielgruppe in Berlin unterscheidet sich vom angestammten klassischen Zeitungsleser, der an das Layout hohe Anforderungen stellt. Für Niiu-Abonennten steht in erster Linie die Vielfältigkeit im Vordergrund. So lesen sie beispielsweise auf einer Seite lokale Informationen der Berliner Morgenpost und auf der Folgeseite das Financial-Ressort der New York Times. Die Feedbacks gehen übrigens in eine andere Richtung. Viele Leser haben sich schon lange gewünscht, nur Informationen oder Ressorts zu lesen, die sie wirklich ansprechen. Klassische Zeitungen bilden diesen Lifestyle nicht genügend ab.
Niiu ging vor zwei Monaten an den Start. Wo steht das Projekt derzeit?
- Das Echo ist sehr gut. So wurden beispielsweise Fan-Communities auf Social Medien Sites gegründet. Es melden sich aber auch Verlage, die Inhalte in Niiu anbieten möchten und die Werbebranche hat den Braten gerochen.
Wie reagieren denn die Werber auf Niiu?
- Die Möglichkeit, personalisierte und auf den Leser zugeschnittene Werbung aufzugeben, stösst bei Werbefirmen auf grosses Interesse. Je nach Thema und Benutzerprofil können mit Niiu individualisierte Werbeanzeigen platziert und geschaltet werden, die einen Leser zum Beispiel mit Namen ansprechen. Kürzlich lief eine Kampagne eines Automobilherstellers. Die Leser wurden persönlich angesprochen und zu einer Probefahrt eingeladen. Diese Aktion war ein Erfolg.
Previon plant auch in der Schweiz eine personalisierte Zeitung mit der Post zusammen. Wann ist der Startschuss?
- Durch das grosse Medienecho in Deutschland sind wir nun mit verschiedenen Unternehmen in Gesprächen. Auch mit der Post, die ja bereits ein Pilotprojekt in der Schweiz realisiert hat und den Markt gut kennt.
Gibt es in der Schweiz eine Nachfrage für ein solches Produkt?
- Die Chancen in der Schweiz sind eher günstiger, da dieser Markt traditionell über eine hohe Abonenntendichte verfügt.
Ringier ist an Previon beteiligt. Konnten Sie noch andere Verlage als Partner gewinnen?
- Alle grossen Verlage in der Schweiz haben Interesse bekundet. Natürlich steht immer das Projekt Niiu im Vordergrund.
Wie aufwendig ist es, eine solche Zeitung zu drucken?
- Der ganze Produktionsprozess ist sehr komplex, da innerhalb kürzester Zeit enorme Datenmengen mit intelligenten Algorithmen verarbeitet und auf die Druckmaschine geschickt werden müssen. Die Produktion ist aufwändig aber auch die Frühzustellung ist nicht zu unterschätzen.
Im Ausland wird seit Jahren versucht, mit solch personalisierten Produkten Geld zu verdienen. Mit wenig Erfolg allerdings. Wie erklären Sie sich das? Der Markt in den USA ist zum Beispiel viel grösser.
- Ich weiss von Projekten, welche Inhalte von Weblogs kommerziell in eine Zeitung überführen wollten und gescheitert sind. Die Businesspläne kenne ich aber nicht. Niiu ist die erste individualisierte Zeitung, die im Digitaldruck, farbig mit Auflage eins gedruckt und frühmorgens im Briefkasten liegt.
Abschlussfrage: Was ist, wenn digitale Bücher wie der Kindle den Durchbruch schaffen? Dann hat Niiu keinen USP mehr.
- Niiu ist ein klares Bekenntnis zum gedruckten Papier und zur Frühzustellung von News. Niiu bietet etwas, was Internet und ePaper nie leisten können und zwar den haptischen Luxus einer Zeitung. Bei einer gedruckten Zeitung kann man auch mal zurückzulehnen. Das ist Komfort.