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Herr Honegger, Sie sind vor kurzem aus Haiti zurückgekehrt. Inwiefern hat Sie die Katastrophe menschlich verändert?
- Selber kann man das schwer einschätzen. Ich denke aber nachdem ich gesehen habe, wie Menschen alles verlieren und trotzdem ihren Lebensmut behalten können, nehme ich die eigenen Alltagsprobleme weniger schwer.
Sie waren als Journalist vor Ort. Kamen Sie angesichts der humanitären Katastrophe auch in der Berichterstattung an Ihre Grenzen und wie wichtig ist die eigene Abgrenzung?
- Sicher kamen wir an unsere Grenzen, vor allem weil mein Kameramann Axel Ebermann und ich quasi nonstop produziert haben. Abgrenzung finde ich insofern wichtig, als dass man sich als Journalist immer bewusst sein muss, warum man dort ist und worin die eigene Aufgabe besteht; oft möchte man innehalten, den Leuten selber helfen; Wir sind aber vor Ort, um die Geschichten der Helfer zu erzählen, um das Leid der Opfer zu zeigen, damit die Zuschauer sich ein Bild von der Situation machen können; so können wir indirekt vielleicht auch helfen.
Sie haben sich damals freiwillig gemeldet, nach Haiti zu reisen. Würden Sie sich nach der gemachten Erfahrung wieder für einen ähnlichen Einsatz melden?
- Ich sehe das als Teil meines Berufs, ja. Wenn der Anruf kommt und ich mich in der Lage sehe, die Aufgabe zu übernehmen, übernehme ich sie. Alles andere wäre unprofessionell.
Wie haben Sie sich auf den Einsatz vorbereitet?
- Da blieb nicht viel Zeit. Ich habe mir etwas Literatur zu Haiti besorgt, um mich zurecht zu finden, habe die Ausrüstung gemeinsam mit meinem Kameramann zusammengestellt und natürlich die aktuelle Berichterstattung verfolgt.
Wie weit würden Sie für eine gute Geschichte gehen bzw. was für Gefahren würden Sie für eine Story auf sich nehmen?
- Schwierige Frage. Das hängt ganz von der Situation ab; ich würde sicher nicht mein Leben riskieren, um an eine Story zu kommen, schon allein wegen den Lieben zuhause nicht. Ist das Risiko allerdings überschaubar und bewegt sich im Rahmen dessen, was zu unserem Beruf gehört, ist es ein Teil der Arbeit eines Korrespondenten.
Es war Ihr erster Einsatz in einem Katastrophengebiet. Hat Ihnen die Arbeit gefallen oder bevorzugen Sie lieber die Grossstadtatmosphäre?
- Ich würde es mal so sagen: Ich finde unsere Arbeit in Haiti war wichtig - insofern würde ich wieder einen solchen Einsatz bestreiten, wenn die Lage es erfordert. Ich bin aber keiner jener Reporter-Vagabunden, die es von einer Krise in die nächste zieht; die Arbeit in den USA, wo mehr die Analyse von politischen und wirtschaftlichen Themen gefragt ist, würde mir fehlen.
Wie muss man sich den Alltag eines US-Korrespondenten vorstellen?
- Ziemlich unspektakulär: Ich versuche morgens möglichst früh abzuschätzen, ob ich aktuell produzieren muss - New York ist ja gegenüber der Schweiz sechs Stunden später dran, da muss ich also schnell reagieren können. Wenn nichts Aktuelles ansteht, widme ich mich längerfristigen Stories für unsere Magazin-Sendungen, Planung etc. Insgesamt ist die Arbeit hier handwerklicher ausgerichtet als auf der Redaktion in der Schweiz, da ich die meisten meiner Stories auch selber drehe und teils selber schneide.
Sind Sie ein Einzeltäter oder arbeiten Sie im Team?
- Einzeltäter - interessante Wortwahl! Ich habe kein eigenes Büro, keine Produzentin oder Korrespondenten-Gschpänli, insofern bin ich wohl Einzeltäter. Ich versuche aber öfter mit den gleichen Leuten zu drehen und zu schneiden, da herrscht eher Team-Spirit.
Tauschen Sie sich oft mit Schweizer Kollegen aus anderen Medienunternehmen aus?
- Ja, es gab da einen glücklichen Zufall: Im gleichen Monat ich vor zwei Jahren nach New York kam, haben auch die Kollegen vom "Tagi" und von der "FuW" neu hier angefangen. Wir treffen uns regelmässig und pflegen eine Art "Schweizer Korri-Stamm".
Sie sind der jüngste Schweizer US-Korrespondent. War es schon immer ein Traum von Ihnen, aus den USA zu berichten?
- Meine Generation ist ja stark amerikanisiert aufgewachsen: Musik, Film, Sport - alles was cool war, kam in den Achtzigern und Anfang Neunziger aus den USA. Ich war darum schon immer fasziniert von diesem Land, von seiner Geschichte, seiner Kultur und Politik; und zwar positiv wie negativ. US-Korrespondent ist deshalb für mich ein Traumjob, ja.
Sie schrieben auch eine populäre Kolumne im "Sonntag". Man hat das Gefühl, dass Sie dort gerne Dampf abgelassen haben. Täuscht der Eindruck?
- Die "Sonntag"- Kolumne erscheint leider nicht mehr, ich schreibe aber hin und wieder für die "Aargauer Zeitung" solche Stücke. Ich komme ja aus dem Print- Journalismus und schreibe fürs Leben gerne. Dampf ablassen, das kann man so sehen. Ich habe mir einfach von Anfang an vorgenommen, nicht darüber zu schreiben, wie ach so toll New York ist, das tun schon genug andere. Ich denke die kleinen Alltagsdinge, die hierzulande völlig anders oder gar nicht funktionieren, sind unterhaltsamer für Leser in der Schweiz.
Hat sich Ihr Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten verändert seit Sie dort arbeiten?
- Auf jeden Fall. Ich habe die USA zwar früher schon bereist, ich kannte das Land also aus Touristen-Perspektive. Aber hier zu leben und zu arbeiten ist doch ein anderes Paar Schuhe: Man sieht hinter die Fassade der Supermacht, trifft eine Menge Leute und erlebt selber eine Menge Dinge, die das Bild vom Land erst richtig schärfen.
Die Krise hat die Medienbranche in den USA arg gebeutelt. Was sagen Ihnen amerikanischen Kollegen?
- Gerade im Print-Bereich höre ich da regelrechte Horror-Stories. Wenn zum Beispiel der Uno-Korrespondent einer der grössten Zeitungen des Landes von seinem Arbeitgeber nicht mal mehr eine Krankenversicherung bezahlt bekommt (was hier sonst üblich ist), dann gibt das einem schon zu denken.
Wie lange wollen Sie noch in den USA bleiben?
- SF-Korrespondenten arbeiten üblicherweise 4 bis 6 Jahre in einem Land, das ist momentan auch mein Plan.
Man sagt, dass der US-Korrespondentenjob ein Sprungbrett für eine Chefredaktorenkarriere ist. Wo werden wir in ein paar Jahren also mehr von Ihnen lesen?
- Ist das so? In dem Fall muss ich mal mit Ueli Haldimann reden … Spass beiseite, ich habe überhaupt keine Ahnung, wohin es mich in Zukunft verschlägt. Generell finde ich es aber wichtig, dass Journalisten mit Ausland-Erfahrung in Schweizer Redaktionen arbeiten, denn wer jahrelang die Schweiz von aussen betrachtet hat, kann öfter mal neue Perspektiven in die Diskussion einbringen.
Sie waren in kurzer Zeit sowohl in der "Schweizer Illustrierten" als auch im "Tele" präsent. Wie erklären Sie sich das plötzliche Interesse an Ihrer Person?
- Ich denke das hat weniger mit meiner Person zu tun als mit einem neu aufgeflammten Interesse an den USA seit der Wahl von Barack Obama, da werden Schweizer in den USA halt auch interessanter und allzu viele gibt es da ja nicht. Oder es geht um Einsätze wie eben jenen in Haiti, wo neben den Nachrichten aus dem Land selber auch die Situation der Berichterstatter vor Ort zum Thema wird.
(Interview: Corinne Bauer)
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