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Herr Spieler, Sie haben bei Axel Springer Schweiz interessante Führungsaufgaben. Warum wechseln Sie trotzdem zur "SonntagsZeitung"?
- Die Leitung der "SonntagsZeitung" erachte ich als eine der publizistisch spannendsten Aufgaben in der Schweizer Medienwelt. Sie beinhaltet eine grosse Verantwortung, bietet aber gleichzeitig die Chance, einiges zu bewegen. Wir haben ein paar gute Ideen, wie wir im Markt für frischen Wind sorgen können.
Macht Ihnen die "Handelszeitung" keinen Spass mehr?
- Doch, die "Handelszeitung" macht mir nach wie vor grossen Spass. Immerhin ist sie die grösste Wirtschaftszeitung der Schweiz. Ich bin meinem bisherigen Arbeitgeber, dem Axel Springer-Konzern, vor allem Mathias Döpfner und Ralph Buechi, für die vielen Impulse und das grosse Vertrauen, das sie mir geschenkt haben, sehr dankbar. Bei der "SonntagsZeitung" kann ich mich thematisch verbreitern. Denn der Titel bietet eine ideale Kombination von harter Information und gut gemachter Unterhaltung.
Ihre Ernennung verblüffte die ganze Branche. Der Name Martin Spieler war nie im Gespräch. Wie konnten Sie und Tamedia die Sache so geheim halten?
- Dass ich nicht im Zentrum von Spekulationen stand, hat mit meiner Spezialisierung im Wirtschaftsbereich zu tun. Es ist aber zweifellos ein Vorteil, wenn ich gerade im Wirtschaftsbereich zusätzliches Fachwissen in die Redaktion einbringen kann. Viele der grossen Themen, welche die Schweiz derzeit bewegen, wie der Steuerstreit, die Debatte ums Bankgeheimnis, die Probleme bei der UBS oder die Abzocker-Initiative haben einen wirtschaftlichen Hintergrund. Wirtschaftsthemen werden auch künftig in der Politik und der Gesellschaft einen hohen Stellenwert haben und Anlass für höchst kontroverse Diskussionen bieten.
Sonntags spekulieren die Journalisten besonders gern. Bei der Jagd um Primeurs werden oft wichtige Fakten ausser Acht gelassen. Sie scheinen für Spekulationen nicht viel übrig zu haben.
- Ich halte nichts von Halbwahrheiten - weder im Journalismus noch im täglichen Leben. Keinen Platz hat für mich auch Polemik. Aber die „SonntagsZeitung“ soll kritisch sein, hart recherchieren und Fehlleistungen ohne falsche Rücksichten aufdecken. Wir wollen weiterhin die Nummer 1 am Sonntag sein, auch bezüglich Primeurs und Zitierungen. Die Fakten müssen aber stimmen und die Betroffenen jederzeit fair behandelt werden. Wer zu oft Halbwahrheiten verbreitet, verliert als Zeitung seine Glaubwürdigkeit. Das ist das Dümmste, was wir Medien tun können. Denn die Glaubwürdigkeit ist unser wichtigstes Gut.
Also kein Platz für Midrisk Journalismus?
- Kritischer Journalismus geht immer Risiken ein. Aber wer eine zu hohe Fehlerquote bei seinen Geschichten aufweist, ungenau arbeitet und unfairen Journalismus betreibt, hat in meinem Team nichts zu suchen.
Sie sind ein anerkannter Wirtschafts- und Börsenjournalist. Wird die "SonntagsZeitung" wirtschaftslastiger?
- Wirtschaftsthemen haben für uns ebenso wie die Politik und die Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Die "SonntagsZeitung" wird aber auch künftig eine gute Mischung aus fundierter Information und Unterhaltung, Themen aus der Kultur und dem Sport bieten und die Leserschaft durch ihr umfassendes Angebot überzeugen.
Haben Sie ein gutes Gespür für lockere Themen?
- Ich mache seit Jahren neben meiner Arbeit im Printjournalismus auch Fernsehen und Radio. Da bekommt man automatisch das Gespür dafür, welche Themen bei einem breiten Publikum ankommen und welche nicht. Gerade bei den elektronischen Medien braucht es ein gutes Sensorium für den richtigen Themenmix, sonst sind die Ratings schlecht. Bei Axel Springer in Berlin hatte ich zusätzlich die Möglichkeit zu erfahren, wie guter Boulevard gemacht wird. Im Rahmen unserer Chefredakteursrunde bei Axel Springer unter der Leitung von Mathias Döpfner hatte ich das Vergnügen, regelmaessig auch mit Kai Diekmann, dem Chef der Bild-Gruppe, zu diskutieren. Er ist einer der besten in seinem Fach. Von ihm habe ich einiges gelernt, wie man mit Softthemen erfolgreich umgeht.
Wird er künftig auch als Blattkritiker bei der "SonntagsZeitung" auftauchen?
- Ich werde ihn sicher einladen.
Sie sind im Fernsehen mit eigenen Sendungen stark präsent. Werden Sie künftig noch Zeit dafür haben?
- Ja, ich werde weiterhin im Fernsehen und im Radio auftreten. Es ist im Interesse der Zeitung, dass ich den Titel in den elektronischen Medien nach aussen vertrete. Meine TV-Sendungen bei TeleZüri, bei TeleM1 oder bei Tele1 sowie meine Experteneinschätzungen bei Radio24 und anderen Radiostationen stehen ja nicht im Widerspruch zur "SonntagsZeitung", sondern sind eine sinnvolle Ergänzung.
Würde Ihnen etwas fehlen, wenn Sie nur im Printjournalismus tätig wären?
- Die Zukunft des Journalismus liegt doch darin, dass man mit den verschiedenen Medienarten umgehen können muss. Als Journalisten schaffen wir publizistische Inhalte. Diese können über eine Zeitung, das Fernsehen, Radio oder Internet verbreitet werden. Wichtig ist nur, dass wir mit unseren Inhalten bei den Mediennutzern ankommen und etwas bewegen. Es ist wichtig, dass man in den unterschiedlichen Kanälen spannende Geschichten und Analysen erzählen kann. Das praktiziere ich seit Jahren und darauf möchte ich nicht verzichten.
Werden Sie also versuchen, mit Multimedia den Leser- und Anzeigenschwund bei der "SonntagsZeitung" zu verhindern?
- Die "SonntagsZeitung" steht im Leser- als auch im Anzeigenmarkt im Vergleich zu anderen Medien gut da. Es ist klar, dass praktisch alle Medien in letzter Zeit unter der Rezession und dem Umbruch in der Branche gelitten haben. Gerade der Sonntagsmarkt ist ein extrem umkämpfter Markt. Ich habe viele Ideen, wie wir zusätzliche Leserinnen und Leser gewinnen können.
Weihen Sie uns ein.
- Dafür ist es zu früh. Das werde ich zuerst ausführlich mit der Redaktion besprechen. Dann werden wir die Zeitung gemeinsam weiterentwickeln.
Der Sonntagsmarkt ist stark umkämpft. Spüren Sie bereits den Atem von Patrik Müller vom "Sonntag"?
- Warum sollte ich? Ich war kürzlich als Blattkritiker auf der Redaktion des "Sonntag". Ich schätze Patrik Müller als guten Kollegen. Auf meine Ernennung zum Chefredaktor der "SonntagsZeitung" hin hat er mir soeben gratuliert .
Welchen Sonntagstitel erachten Sie als den grössten Konkurrenten?
- Jeder Titel hat seine Stärken und Schwächen. Wir haben aber gute Chancen, im hart umkämpften Sonntagsmarkt Marktanteile zu gewinnen. Meine Ambition ist klar: Wir machen die beste Sonntagszeitung der Schweiz. Als ich vor knapp 7 Jahren zur "Handelszeitung" kam, hatten wir Konkurrenten mit deutlich mehr Lesern. Heute sind wir nach einer Konsolidierung die klare Nummer 1 bei den Wirtschaftstiteln.
Sie sind Börsenexperte. Die Aktien der "SonntagsZeitung" waren in letzter Zeit eher am sinken. Ist jetzt der Zeitpunkt, um wieder zu investieren?
- Wenn Sie schon der Vergleich mit der Börse suchen: Dann ist die "SonntagsZeitung" eindeutig ein vertrauenswürdiger Blue Chip, der auch die konjunkturellen Turbulenzen robust übersteht. Mit meinen Ideen haben wir zusätzlich eine gute Grundlage für ein weiteres Wachstum. Es wird mit Sicherheit ein paar positive Überraschungen geben. Das lieben nicht nur die Anleger, sondern auch die Leserinnen und Leser.
Abschlussfrage: Sie sind Vize-Präsident der Konferenz der ChefredaktorInnen. Werden Sie auch dort Andreas Durisch beerben?
- Ich wurde vom Vorstand bereits im Februar als Chefredaktor der "Handelszeitung", also noch vor der Bekanntgabe meiner neuen beruflichen Aufgabe bei der "SonntagsZeitung", zur Wahl als Präsident vorgeschlagen. Darüber entscheiden müssen unsere Mitglieder an der kommenden GV. Ich würde mich jedenfalls über eine Wahl freuen, da mir die Förderung des Qualitätsjournalismus in unseren Schweizer Medien sehr am Herzen liegt und ich darum einen Austausch unter den Chefredaktorinnen und Chefredaktoren als sehr wertvoll halte.
(Interview: Christian Lüscher)
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