- "Das Fachwissen unserer PR-Unit war entscheidend"

11.06.2012

"Das Fachwissen unserer PR-Unit war entscheidend"

Obermutten, Wetterböcke oder Generation M: Als Creative Director bei JvM/Limmat ist Livio Dainese derzeit gleich für mehrere preisgekrönte Kampagnen verantwortlich, die in der Branche für Aufsehen sorgen. Aktuell im Gespräch: die Binärcodes auf der NZZ-Front. Wie haben die Leser reagiert und wie wichtig waren z.B. bei Obermutten PR und die Medien? Persoenlich.com hat beim Ausnahme-Talent nachgefragt:

Herr Dainese, welches Echo hat die Aktion vom Freitag ausgelöst?

Die Aktion fand erfreulicherweise sowohl national wie auch international grosses Echo. Die Entschlossenheit, mit der die "Neue Zürcher Zeitung" die Integration von Online und Offline angeht, scheint viele zu beeindrucken. International berichteten zum Beispiel Engadget, Huffington Post und thenextweb.com. Auch in Japan wurde berichtet: An den Schweizer Kiosken waren die Zeitungen übrigens teilweise bereits am Mittag ausverkauft.

Bei der Liveschaltung der neulancierten NZZ.ch-Webseite gab es einige Probleme (z.B. lange Ladezeiten, Absturz der Startseiten, fehlende Mobile-Browser-Optimierung, tote alte Links). Inwiefern war der Verlauf der Werbeaktion davon betroffen?

Gar nicht.

Leser, die den Binärcode dechiffriert hatten, konnten an einem Wettbewerb teilnehmen.

Ja, NZZ-Leser scheinen tatsächlich besonders intelligent zu sein. Der erste Leser hat bereits am Freitagmorgen kurz vor 8 Uhr reagiert und gewonnen.

Der neue Claim der Dachmarke NZZ heisst "Weiter gedacht.", er löst "Freude an Qualität ab." Welche Überlegungen stehen hinter "Weiter gedacht."?

Der neue Claim verkörpert den NZZ-Verlag und deren Produkte. Er kommt direkt aus dem Produkt und unterstreicht den Führungsanspruch der NZZ als Leitmedium im deutschsprachigen Raum. Der Slogan steht für Journalismus, der für höchstes Niveau die Extra-Meile geht.


Sprechen wir über "Obermutten" - ein Riesenerfolg wie Preise beim ADC Schweiz, Eurobest, Clio Award, Goldbach, Deutscher PR-Preis, Plus One Show und Effie und Best of Swiss Web, Gold beim ADC Deutschland und nun die Nomination für den ADC of Europe zeigen.

Wir freuen natürlich uns sehr. Am meisten gefeiert haben wir den Erfolg Obermutten bereits im Oktober, im Gasthaus Post zusammen mit Gemeindepräsidentne Martin Wyss, Pächter Gerry Flatscher und dem Team von Graubünden Ferien. Das Verhältnis, speziell mit Martin, ist ein sehr freundschaftliches. Wir sind so etwas wie inoffizielle Ehrenbürger von Obermutten.

Wie machen Sie das: Holen Sie alle Preise persönlich ab?

Schön wärs! Wenn immer möglich sind wir dabei. Einige Festivals sind leider nicht grad um die Ecke. Bei den Schweizer Festivals (ADC, BOSW, Effie, Goldbach) waren wir anwesend. Grad für das Team und auch für die Kunden sind solche Momente ein schöner Lohn für die viele Arbeit.

Sie arbeiten gerade an einer Fortsetzung von Obermutten. Warum ist diese Kampagne so erfolgreich?

Sie ist einfach. Egal ob in der Schweiz, Südkorea oder Mexiko – jeder versteht das Versprechen. Ein Klick und mein Foto hängt in den Bündner Bergen. Sie ist charmant. Weil sie getragen wird von den Menschen des Dorfes und der Region. Die zusätzlichen Anschlagbretter wurden vom Sohn des Bürgermeisters angefertigt, gedruckt werden die Profile in Thusis und aufhängen tut, wer gerade Zeit hat. Sie ist unterhaltend, weil das Dorf mit jedem Fan in seinem Versprechen geprüft wird. Und sie verwebt Online und Offline, meiner Meinung nach ein Trend.

Mehr Übernachtungen verzeichnet Graubünden deswegen nicht. Oder hatten Sie andere Zielvorgaben?

Obermutten hatte zum Ziel, die kleinen und feinen Bergdörfer ("Mein Bergdorf") des Kantons ins Licht zu stellen und Traffic auf die Webseite zu generieren. In dem Sinn ist Obermutten eine Image-Kampagne für die vielen kleinen Orte, die einen höchst individuellen Tourismus anbieten. Die Besucherzahl auf der Graubünden Webseite stieg während der Kampagnenphase um 250 Prozent, die von "Mein Bergdorf" um 154 Prozent.

Wie wichtig waren bei der Lancierung die Medien?

Etwas wie Obermutten gelingt nur, wenn alle Disziplinen sehr eng und frei von Gärtchendenken zusammen arbeiten. Das Fachwissen unserer PR-Unit war entscheidend. Sie haben es geschafft, mit wenigen Mitteln und einer intelligenten Planung ein Maximum an Resonanz zu generieren. Ziel der Kampagnenmechanik war es, Kraft der Idee möglichst viele Menschen auf Facebook zu mobilisieren und gleichzeitig durch Multiplikatoren – Klassische Medien, Blogs, Foreneinträge und natürlich Facebook – ein breites Publikum national und international zu erreichen. Da wir ausschliesslich auf Earned Media setzten, haben wir bereits in der Konzeptphase alles getan, um den Newswert der Geschichte zu maximieren.

Wie schafften Sie es, dass sogar die Sda und dann auch Tagesanzeiger, NZZ, das Schweizer Radio DRS, die Südostschweiz oder Le Matin im redaktionellen Teil von der Werbeaktion berichteten?

Neben klassischer Medienarbeit konnte sich die Geschichte vor allem auch aus eigener Kraft um den Globus verbreiten. Auch weil wir zusammen mit allen Beteiligten immer wieder neue Geschichten aus Obermutten erzählen konnten: Ein kleines Dorf in Graubünden, ein engagierter Gemeindepräsident und Gastwirt, eine ungewöhnliche Idee, erste Erfolge, Fanbesuche usw. Im Kern also einfach auch eine gute Geschichte.

Am Anfang wollte JvM bewusst nicht mit dem Obermutten-Phänomen in Verbindung gebracht werden. Was unternahmen Sie, damit es so aussah, als sei dies eine Aktion von Obermutten selber?

Das war eine Aktion von Obermutten. Für die breite Öffentlichkeit ist der Umstand, ob eine Agentur und welche Agentur die Gemeinde und Graubünden unterstützt hat, unerheblich. Für Kommunikationsfachleute war natürlich schnell klar, dass da bestimmt die Graubünden Ferien Agentur, sprich Jung von Matt involviert ist. Wir wollten aber auch in Fachkreisen nicht, dass man von uns spricht, sondern alleine von den Absendern Obermutten und Graubünden. Nach Anlaufen der Aktion haben wir als Agentur, wie üblich, auch gegenüber der Fachpresse kommuniziert.

Jung von Matt hat 2010 klassische Werbung mit Online fusioniert. Offensichtlich mit Erfolg.

Ja, die Fusion fand 2010 statt. Allerdings haben wir schon vor 12 Jahren, als erste Agentur, Online und PR integriert. Der Schritt 2010, die Fusion von Online und Offline, war die logische Konsequenz. Interdisziplinäre, medienneutrale Kampagnen entstehen nicht in starren Strukturen. Wir stellen die Teams je nach Projekt anders auf, mal mit Kreativen, die eher einen Online-Background haben, mal mit Klassikern und immer unter Beizug von unseren Spezialisten aus PR, Social Media und Technik.

Damals waren es acht PR-Spezialisten und 16 Online-Experten unter einem Dach. Stimmen diese Zahlen noch?

Heute arbeiten bereits mehr als 20 Online-Spezialisten bei uns. Gerade in der Kreation werden sie aber viele finden, die nicht mehr in die eine oder andere Schublade gesteckt werden möchten, sondern sich ganz einfach als Kreative bezeichnen.

Stimmt es, dass oft die Online-Spezialisten den Kreativ-Lead haben?

Bei uns hat die Idee den Lead. Wenn wir nicht eindeutig vom Kunden auf ein Medium festgelegt werden, arbeiten wir medienneutral. Dann gewinnt die beste Idee und die bestimmt die Umsetzung – sei es eine App wie unsere Wetterböcke für die Lenzerheide, eine Plattform wie Generation M oder ein Plakat.

Nach dem Adage-Roundtable in New York sagten Sie in einem Interview: "Es braucht nur die Idee, die gut genug ist, um die 15 Minuten, wir täglich unterhalten werden möchten, zu belegen." Diese Feststellung gilt jedoch nicht nur für Facebook-Kampagnen, sondern generell für Werbung. Oder was ist bei Digital-Kampagnen speziell?

Digitale Kampagne leben vom Austausch. Gut werden sie erst, wenn sie benutzt werden, wenn interagiert, gespielt und verändert wird. Klassische Kampagnen können auch einfach konsumiert werden. Auch daran ist nichts Verwerfliches. Ich erlebe einfach, dass integrierte Kampagnen über längere Zeit attraktiv bleiben können und dass grad in ihrer laufenden Veränderung eine grosse Anziehungskraft besteht.

Die Schweiz steckt in Sachen Online-Werbekampagnen noch in den Kinderschuhen, verglichen mit den USA und auch anderen Ländern Europas. Woran liegt das und was muss sich ändern?

Ich finde, wir machen es gar nicht schlecht. Die relativ bescheidene Grösse von Schweizer Agenturen kann auch ein Vorteil sein. Im Gegensatz zu den internationalen Grossagenturen müssen unsere Kreative interdisziplinär denken können, wir haben keine gesonderten Spezialistenabteilungen. Die Festivals zeigen aber, dass einige Schweizer Agenturen international gut mithalten können, grad auch bei Online und Social-Media-Kampagnen. Wichtig scheint mir, mutig neue Wege zu gehen und sich ständig weiter zu entwickeln und zu testen.

Wie nutzen Sie persönlich Facebook und andere Social Media?

Ich nutze Twitter zur Information und zum Austausch mit Fachleuten und Freunden weltweit. Facebook nutze ich sporadisch, Google+ noch sporadischer. Linkedin und Xing sind mein Adressbuch. Pinterest nutze ich vor allem privat und auf Path bin ich wohl der letzte aktive User. Selbstverständlich probiere ich so viel wie möglich aus. Was kommt, wird getestet. Man versteht weder Twitter noch Pinterest, wenn man es nicht nutzt.

Sie werden nächste Woche nach Cannes ans Werbefestival reisen. Worauf achten Sie dieses Jahr besonders?

Auf Bill Clinton. Ich denke, er braucht einen, der auf ihn aufpasst (lacht).

Was, wenn Obermutten Gold gewinnt?

Daran will ich gar nicht denken. Cannes ist schwer vorauszusagen und macht selten, was man will.

Livio Dainese arbeitet im Team mit Fernando Perez. Die beiden bildeten bereits bei Lowe ein Team, bevor Dainese zu Publicis und Perez zu Jung von Matt nach Hamburg wechselte. Seit 2007 sind sie nun bei Jung von Matt/Limmat und dabei unter anderem zuständig zuständig für Graubünden-Ferien (Obermutten, Steinböcke, Wetterböcke), Teile der Migros-Kampagne und NZZ, Pro Infirmis (Bär) oder Caritas (One Minute of Silence).

Interview: Edith Hollenstein

Kommentare

Ernst Tanner

Tolles Interview. Herzliche Gratulationn den gefühlten 10 Personen, die daran mitgeschrieben und mitkorrigiert haben.

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