TV-Kritik

Das Fernsehen als Krisengewinnler?

Naturkatastrophen, Terror, Syrien, Libyen, Flüchtlingskrise, Klimawandel, Kim Jong-un der Böse, Experiment Trump, Putin, Erdogan – Weltchaos. Die vier K’s (Krisen, Katastrophen, Kriege, Konflikte) verhelfen den TV-Sendern weltweit zu steigenden Quoten. In Krisenzeiten ist das Bedürfnis nach Information besonders gross. Die Menschen schalten häufiger die Nachrichtensendungen ein. Die Medien werden unfreiwillig zu Krisengewinnlern.

Nachrichten müssen objektiv und glaubwürdig das Weltgeschehen widerspiegeln und Wissenslücken schliessen. Wir werden heute gut informiert. Die Zuschauer erwarten vom Fernsehen aber auch eine Erklärfunktion. Und sie wollen Analysen. Das machen die Zeitungen, meine ich, allerdings besser. Häufig sind die TV-Berichte zu sehr auf das Dramatische fokussiert. Auch Finanzinformationen sind übrigens in schwierigen Zeiten häufiger gefragt. Die Finanzmärkte reagieren bekanntlich auf Katastrophen, Krisen und Kriege – nicht immer negativ allerdings.

Obschon auch viele Privatsender beim internationalen Geschehen Informationskompetenz beweisen, vertrauen die Menschen am meisten den Informationen der öffentlich-rechtlichen Sender. Das haben Untersuchungen schon während dem Golfkrieg (1990-1991) und dem Irak-Krieg (2003-2011) gezeigt. In der Schweiz verhält sich dies nicht anders. Was die Glaubwürdigkeit betrifft, bestätigt es sich auch so, wenn es «nur» um ganz normale Politik geht. 

Aktuelles Beispiel dazu aus unserem nördlichen Nachbarland: Das kürzliche TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz auf den dafür gleichgeschalteten vier grossen deutschen Sendern sahen über 16 Millionen Zuschauer. 9,3 Millionen waren es bei ARD, 3,7 Millionen beim ZDF, nur 2,1 Millionen bei RTL und magere 930’000 bei Sat 1. Das heisst: Obschon für alle die exakt gleiche Sendung, schalteten für dieses TV-Ereignis auch viele regelmässige und treue Zuschauer der Privatsender die öffentlich-rechtlichen Kanäle ein.

Wie sieht es in diesen schwierigen Zeiten mit dem Informationsbedarf in der Schweiz aus? «Tagesschau», «10vor10» oder «Rundschau» haben bei den Marktanteilen schon im ersten Halbjahr 2017 zugelegt (ebenso das Webangebot). Derzeit erreichen diese Sendungen Spitzenwerte. Picken wir zur Vorstellung den vergangenen Montag, 11. September, heraus: Die «Tagesschau» sahen 783’000 Zuschauer (Marktanteil 56 Prozent). Top-Zahlen erreichte auch «10vor10»: 498’000 Zuschauer (40,7 Prozent). Hauptdarstellerin in beiden Nachrichtensendungen: Hurrican Irma.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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