TV-Kritik

Wer braucht noch Rätoromanisches Fernsehen?

1938 erklärte das Schweizer Stimmvolk die rätoromanische Sprache in einer Volksabstimmung zur «Nationalsprache». Dies mit 92 Prozent Ja-Stimmen. Eine überwältigende Sympathiekundgebung. Seit 1996 ist Rätoromanisch als Teilamtsprache anerkannt. Die Schweiz hat also bekanntlich vier Sprachen, die in der Verfassung verankert sind. Auf Kantonsebene kennt einzig Graubünden Rätoromanisch als Amtssprache, neben Deutsch und Italienisch.

Romanisch zählt seit langem zu den gefährdetsten Sprachen Europas. Das Rätoromanisch geht stark zurück, es wird zunehmend von der deutschen Sprache verdrängt. Nur noch knapp 0,5 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung spricht Bündnerromanisch. Das sind 33'000 Menschen. Praktisch alle von ihnen verstehen und reden auch Schweizerdeutsch – und Hochdeutsch.

Dies zuvor: Ich bin ein Freund des ganzen Kantons Graubünden. Darum verbringe ich in dem schönen Landesteil seit beinahe 40 Jahren auch immer wieder gerne ein paar Tage Ferien. Auch wenn viele Bündner uns Zürcher nie besonders gemocht haben. Und es schätzten, wenn wir im Nebel bleiben und ihnen das Geld direkt überweisen würden. Ausserdem: Romanisch gehört für mich zu unserem spannenden und prächtigen Land wie der imposante Piz Bernina.

Es liegt mir also fern, die rätoromanische Bevölkerung auf die Palme zu bringen. Trotzdem gehe ich das Risiko gelassen ein. Redefreiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit zeichnen die Schweiz aus. Das ganze Land. Im ganzen Land.

In einem Medienpalast in Chur residiert «Radio e Televisiun Rumantscha». 2006 wurde das über 26 Millionen Franken teure Sendezentrum vom damaligen Justizminister Christoph Blocher eröffnet. Initiant des luxuriösen Medienhauses war seinerzeit SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Als «Geschenk» bekam dieser im Prachtbau einen Saal, der seinen Namen trägt.

Was passiert im Churer Palazzo? 160 Mitarbeitende produzieren für jährlich über 25 Millionen Franken ein Radioprogramm und täglich ab 17.40 Uhr 15 Minuten Fernsehen auf SRF 1. Montag bis Freitag «Telesguard» (Tagesschau), am Samstag «Minisguard», eine kaum beachtete Infosendung für Kinder, und «Cuntrasts» am Sonntag. Kennen Sie zufällig ein Kind, das auf «Minisguard» steht? Am letzten Samstag schauten gerade mal 8000 (zumeist alte) Menschen zu. Marktanteil: 2 Prozent. Zu «Telesguard»: Da sind es meisten zwischen 10’000 und 30’000 Zuschauer. Bei einem (Spitzen)-Marktanteil von knapp 4.5 Prozent klopfen sich die TV-Macher in Chur bereits auf die Schultern. 

Jetzt kann man ja behaupten, dass mit diesen Sendungen in der deutschen Schweiz mehr Verständnis für den rätoromanischen Teil unseres Landes geschaffen wird. Werden soll. Schön wärs. Während die Formate aus dem schönen Bündnerland flimmern, sitzen auch in der deutschen Schweiz hauptsächlich betagte Menschen vor dem Fernseher. Sie verstehen währenddessen meist nur ein Wort. Es heisst Subventiuns. Dieses Publikum wartet vor (oder sogar bereits nach) dem Nachtessen auf die 18-Uhr-«Tagesschau» und «Meteo». Danach schauen sie bei «Mini Beiz, dini Beiz» rein. Diese Sendung kommt ab und zu auch aus dem Bündnerland. Und schon blicken sie «Schweiz aktuell» und der Hauptausgabe der «Tagesschau» entgegen. In diesen Gefässen haben auch immer wieder Beiträge aus der rätoromanischen Schweiz Platz. Wenn sie relevant sind. Kein Problem, wenn da mehr drin läge.

Wissen Sie, wo das Schweizer Frühabend-Publikum nach 17 Uhr wirklich zuhause ist? Bei «Brisant» (ARD), «Hallo Deutschland» (ZDF), «Unter uns» (RTL), «Taff» (Pro 7), bei Schicksalen und Polizeieinsätzen auf Sat 1 und RTL 2 oder irgendwelchen Serien und Quizsendungen auf weiteren Kanälen. 

Noch ein Wort um Personalaufwand von «Radio e Televisiun Rumantsch» (130 Vollzeitstellen): Jeder private Schweizer Radio- und Fernsehanbieter würde dasselbe Programm mit einem Drittel des Personals produzieren. Hand aufs Herz und bei aller Sympathie für die Berge: Es kann nicht (mehr) sein, dass die SRG dem Kanton Graubünden Arbeitsbeschaffungs-Programme sponsert.

Ich kenne und schätze einige im Unterland tätige und lebende, zumeist junge Rätoromanen. Sie pflegen alle nach wie vor eine enge Beziehung zu ihrer Heimat. Aber eigene Fernsehsendungen, erklären sie auf ausdrückliche Nachfrage übereinstimmend, seien weder für sie noch für ihre Sprache bedeutsam. Und sie gucken sich die drei Formate höchstens mal zufällig an einem freien Regentag an.

Fazit: Radio Rumantsch, meinetwegen. Obschon es auch da kostengünstiger wäre, jedem der paar Hörer täglich per Postauto eine CD nach Hause zu liefern. Radiotelevisiun Svizra Rumantscha: Der Letzte soll das Licht ausmachen.

 


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Nico Herger, 17.05.2017 10:43 Uhr
    Deshalb Ja zu "No Billag"! Die Abzockerei durch die Minderheiten muss aufhören. Weg auch mit den 2.+3. TV- und Radio-Kanälen in allen Sprachregionen.
  • Roger Tuor, 17.05.2017 19:34 Uhr
    Lieber Herr Hildbrand Vielen herzlichen Dank für Ihre offene und ehrliche Frage, die man auch im 21. Jahrhundert bei aller Transparenz stellen darf. Ich könnte Ihnen nun tagelang Gründe für ein Rätoromanisches Fernsehen aufschreiben, auch wenn ich das mit Ihnen viel lieber bei ein paar Capuns, bei frischer romanischer-bündnerischen Luft, bei schöner romanischen Kultur und in aller Ruhe machen würde. Sie haben ja sicherlich nun auch mehr Zeit als nur ein paar Tage bei uns zu verweilen. Sehr geehrter Herr Hildbrand, Sie nennen die Zahl 33'000. Eine kleine Menschenmenge, wenn man diese mit den deutsch sprechenden Leuten der Schweiz vergleicht, aber eine schöne Zahl wenn wir vom 4. Landesteil und von der 4. nationalen Landessprache sprechen. Sie werden es wahrscheinlich für unmöglich halten! 131 RTR Mitarbeiter geben tagtäglich alles um ein unterhaltsames und informatives Radioprogramm, einen sehr gelungenen Online-Auftritt und Fernsehformate höchster Klasse zu produzieren und ermöglichen, damit die Romanen auch trotz und wegen den Capuns oder Maluns nicht vergessen werden. Und Herr Hildbrand, wissen Sie was? Nach neusten Zahlen schauen noch mehr als 100% der Romanen Telesguard, Minisguard und im Speziellen Cuntrasts! Oder sind es manchmal auch solche Menschen wie Sie, die unsere Luft, unser Lebensstill via TV heimlich inhalieren? Oder gibt es sogar mehr als "lächerliche" 33'000 Romanen?!? Achhh ich bin mir sicher, dass auch Sie Herr Hildbrand im Stillen Verständnis für uns haben und die Toleranz aufbringen den romanischsprechenden Menschen diese kurze Zeit TV zu gönnen. Und das nächste Mal, wenn Sie uns besuchen, fragen Sie einfach unsere Menschen, wie wichtig RTR für sie ist, und RTR ist bei uns gleich Radio, TV und online. Ich freue mich Sie bei uns zu begrüssen, Und falls Sie keine Zeit haben, kein Problem! Schalten Sie einfach RTR ein! Unser Radio- und Fernsehprogramm wird Ihnen die vermisste Kultur in Windeseile zu Ihnen in Ihr schönes Wohnzimmer bringen. Cordials salids e sin bien seveser signur Hildbrand. Roger Tuor, President des Publikumsrat SRG.R
  • Ueli Custer, 18.05.2017 09:40 Uhr
    Ich bin schon lange der Meinung, dass der Artenschutz für die aussterbende Sprache Rätoromanisch abgeschafft gehört. Diese künstliche Lebensverlängerung mit Millionen von Franken kann sich die Schweiz zwar leisten. Die Frage ist aber, wem das etwas nützt. Weil ja alle Rätoromanen auch deutsch sprechen und lesen können, braucht es für sie auch keine speziellen Medien. Man muss manchmal auch den Mut haben, den Entwicklungen ihren Lauf zu lassen.
  • Hans-Ulrich Büschi, 18.05.2017 11:57 Uhr
    Wie lange müssen wir das Geschreibe des Herrn Hildebrand noch lesen? Ich weiss, ich weiss: es ist völlig freiwillig. Nichtsdestoweniger wäre ein Schreiber-Wechsel angebracht. Welche Emotionen der "Kritiker vom Dienst" zu wecken vermag, demonstrieren die Herren Herger und Custer eindrücklich.
  • Roland Brosi, 18.05.2017 12:28 Uhr
    Herr Tuor, hören Sie auf: Jeder weiss, dass nicht einmal annähernd 30'000 Leute diese Sendungen schauen. Vielleicht gelten Sie ja schon als Zuseher, wenn Sie vorbeizappen. Das ist dasselbe wie Tele Südostschweiz, das behauptet, es habe 60'000 Zuseher. Das ist doch der blanke Hohn, da kaum ein Mensch diesen Müll kuckt. Warum wird nicht Klartext geredet: Es geht um Subventionen, um nichts anderes! Ich bin Bündner, mein Vater ist Engadiner und ich bin für die Förderung der Randregionen. Aber nicht so! Da verdienen einige auf Kosten der Steuerzahler eine goldene Nase. Höchste Zeit, diesen Abzockern mal das Handwerk zu legen.
  • René Hug, 18.05.2017 15:39 Uhr
    Herzliche Gratulation an Herrn Hildbrand. Alle seine TV-Kritiken trafen ins Schwarze. Mit grossem Abstand das Beste, was in Sachen TV-Beobachtung zu lesen ist. Weiter so! Lassen Sie sich von H.U. Büschi nicht provozieren. Als ehemaliger meist wirkungsloser Präsident der SRGidée suisse Bern Freiburg Wallis muss er sich halt wieder einmal in Szene setzen.
  • Thomas Grond, 18.05.2017 16:17 Uhr
    Lieber Herr Hildbrand Ja, die Frage ist erlaubt und legitim. Und meiner Meinung nach ist die Antwort klar: es braucht RTR. Eben weil die Schweiz aus 4 Landesteilen besteht, eben weil die Schweiz 4 Landessprachen hat, eben weil wir uns auch über unsere Vielsprachigkeit definieren. Sollte Ihre Argumentation korrekt sich, müsste ich als Deutschschweizer grundsätzlich die Abschaffung aller Medienprodukte aus diesem Landesteil fordern. Wir verstehen ja alle Hochdeutsch. Und die kleine, einstellige Millionenzahl an EinwohnerInnen der deutschsprachigen Schweiz kann ja auch mit Sendern aus Deutschland und Oesterreich zufrieden sein. Oder etwa doch nicht?
  • Lucas Schwarz, 19.05.2017 09:58 Uhr
    Sehr geehrter Herr Hildebrand Mit Ihrer Argumentation kommen Sie bei gebildeten Leuten nicht weit. Die Schweiz kann stolz auf ihre Sprachen und Kulturvielfallt in der Schweiz weit über die Landesgrenzen bekannt. "Im Namen der Toleranz sollte man die Intoleranz nicht tollerieren."
  • Tobia Valär, 24.05.2017 08:00 Uhr
    Glatter Herr Hildbrand Sie stellen treffend fest: Praktisch alle Romanen verstehen Deutsch. Wozu also noch romanisches Fernsehen? Gehen wir doch gleich auf’s Ganze: Praktisch alle Deutschschweizer verstehen Englisch. Wozu also noch ein deutschsprachiges Programm? Wäre doch kostengünstiger, ein gesamtschweizerisch-englischsprachiges Einheitsprogramm zu machen. Nicht wahr? Mit schonenden Grüssen Tobia Valär
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