01.04.2015

Germanwings: Ungefilterte Welt

Über die Tragödie des Germanwings-Absturzes ist bereits alles gesagt, geschrieben, gesendet worden. Vielleicht nur noch nicht von allen. Neben den vielen weiteren Problemen, die der moderne Journalismus hat, enträt er sich auch noch eines weiteren, wichtigen Qualitätsmerkmals. Er filtert nicht mehr.
von René Zeyer

Über die Tragödie des Germanwings-Absturzes ist bereits alles gesagt, geschrieben, gesendet worden. Vielleicht nur noch nicht von allen. Neben den vielen weiteren Problemen, die der moderne Journalismus hat, enträt er sich auch noch eines weiteren, wichtigen Qualitätsmerkmals. Er filtert nicht mehr. Selbst wenn man das alte Kriterium anwendet, die Grösse einer News über Todesfälle ist proportional zur Entfernung des Lesers oder Zuschauers zum Tatort, wobei davon betroffene Staatsangehörige des Zielpublikums Extrapunkte geben, findet hier mal wieder Jämmerliches statt.

Sämtliche deutschsprachigen Talkshows, Zeitungen, Nachrichtenmagazine mahlen den Absturz zu Staub. Kein Fachexperte, der Kenntnisse über Psychologie, Flugverkehr oder die Zustände in einem Cockpit hat, bleibt ungefragt. Wie immer stehen Heerscharen von "Sonderkorrespondenten" vor Ort und teilen in Live-Schaltungen mit, dass sie nichts mitzuteilen haben. Und wie Heuschrecken fallen "Reporter" in die vergangenen Lebensbereiche des Todes-Copiloten ein und entlocken möglichst allen Mitmenschen, die jemals auch nur Blickkontakt mit ihm hatten, völlig unerhebliche Aussagen wie dass er eigentlich keinen Anlass zur Befürchtung gegeben habe, jemals absichtlich ein Flugzeug an einem Berg zerschellen lassen zu wollen. Wobei, in der Retrospektive habe es da doch vielleicht Anzeichen gegeben.

Als Sahnehäubchen wird auch ab und an selbstkritisch angemerkt, dass es schon keine Art sei, wie pietätlos Journalisten mit der Trauer und Betroffenheit der Angehörigen der Opfer umgingen, welche Vorkehrungen getroffen werden müssen, damit diese armen Menschen vor "Berichterstattern" geschützt sind. Während genau auch diese Massnahmen beschrieben, besprochen und gefilmt werden.

Gleichzeitig werden, mangels News, sämtliche Metaebenen ausgereizt; weitere Fachleute melden sich zu Wort, ob es statthaft sei, den vollständigen Namen und das unverpixelte Gesicht des mutmasslichen Massenmörders zu zeigen. Und das Publikum beginnt zu murren, dass es nun aber mal reicht. Man habe langsam genug darüber gelesen, gehört, gesehen. Während es weiter liest, hört, sieht.

"All the News that’s Fit to Print" steht bis heute neben dem Zeitungskopf der "New York Times", im Internet abgewandelt zu "to click". Ausser, moderne Zeiten, es wird von Werbung verdrängt. Weit verbreitet ist hier das Missverständnis, wie bei Darwins "survival of the fittest", dass "fit" stark oder mächtig bedeute. Dabei ist "geeignet, angepasst, tauglich" die richtige Übersetzung. Zu entscheiden, was diesem Kriterium entspricht, ist die wichtigste Aufgabe aller Medienorgane, pardon, Content Provider. Filtern, gewichten, einordnen.

Stattdessen gilt heutzutage das Prinzip: "Wird gerne genommen." Dieser Massstab macht in einem Laden Sinn. Wenn das Publikum wie wild Bananen kauft, aber Äpfel verschmäht, dann wäre es ein untaugliches Geschäftsmodell, das Schaufenster mit Bergen von Äpfeln zu füllen und ganz hinten im Verkaufslokal ein paar Bananen anzubieten. Aber ein News-Organ funktioniert nicht ganz so. Seine Aufgabe ist nicht restlos damit erfüllt, dem Publikum das zu bieten, wonach es scheinbar gelüstet. Würde das so einfach funktionieren, bestünde die Erfolgsgarantie darin, ausschliesslich über Sex, Sex und Sex, Penisverlängerung sowie Blood and Crime zu berichten. Ergänzt um Wettervorhersage und Stauberichte.

Dabei ist es eine inzwischen alte Erkenntnis im Marketing, dass das Blödeste, was eine Firma machen kann, darin besteht, eine Kundenbefragung durchzuführen, was potenzielle Käufer denn gerne zusätzlich haben wollen. Denn woher sollen die das wissen? Regelmässig ist daher das Ergebnis: "Das, was es schon gibt, einfach billiger und besser."

"Billiger", da sind moderne News-Organe dabei. An "besser" scheitern sie kläglich. Was ist "besser"? Besser bedeutet tauglich, gefiltert, gewichtet, eingeordnet. Von Bertolt Brecht stammt der schöne Satz: "Haltet euch an Balzac, das ist ein Rat wie: Haltet euch ans Meer." Es ist allerdings die Frage, ob in den Chefredaktionen von modernen Content Providern noch jemand kapiert, was Brecht damit gemeint hat.



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