16.04.2015

Ich muss mich nicht rechtfertigen

Niemand muss sich einem kritischen Interview stellen. Jeder hat die Freiheit, sich zu verweigern. Trotzdem ist es für mich erstaunlich, wer mit welchen Argumenten kneift, wenn es in einem TV-Interview zur Sache gehen könnte. Deshalb stossen wir nie auf gewisse Politiker und auf immer weniger Wirtschaftsbosse, die sich im Fernsehen stellen. Erstaunlich ist aber, dass sich diese Haltung auch bei Leuten findet, die hauptberuflich auf der anderen Seite stehen, und dies selbst bei besonders aufsässigen Journalisten. Sie zucken oft zurück, wenn sie sich Fragen stellen sollen.
von Roger Schawinski
Niemand muss sich einem kritischen Interview stellen. Jeder hat die Freiheit, sich zu verweigern. Trotzdem ist es für mich erstaunlich, wer mit welchen Argumenten kneift, wenn es in einem TV-Interview zur Sache gehen könnte. Deshalb stossen wir nie auf gewisse Politiker und auf immer weniger Wirtschaftsbosse, die sich im Fernsehen stellen. Erstaunlich ist aber, dass sich diese Haltung auch bei Leuten findet, die hauptberuflich auf der anderen Seite stehen, und dies selbst bei besonders aufsässigen Journalisten. Sie zucken oft zurück, wenn sie sich Fragen stellen sollen.
 
Zum Beispiel Patrik Müller, knallharter Chefredaktor der "Schweiz am Sonntag". Zwar setzte er sich nach der Geri- Müller-Geschichte mit versteinertem Gesicht in einen "Club"-Fauteuil, doch als sich die Affäre immer mehr ausweitete, lieferte er mir ein ganzes Arsenal von Erklärungen, weshalb er nicht in meine Sendung kommen werde: "Ich möchte nicht als Person im Zentrum stehen", war die eine Erklärung. "Ich war durch diesen Fall völlig überlastet und muss mich endlich wieder meiner Familie widmen", lautete eine zweite. Und Wochen später meinte er: "Jetzt ist es zu spät, die Geschichte ist gegessen."
 
Ähnliches erlebte ich bei "Rundschau"-Moderator Sandro Brotz. Als er wegen seiner Mörgeli- und Ueli-Maurer-Sendungen im Brennpunkt der öffentlichen Kritik stand, lud ich ihn ein. Ich erklärte ihm, dass ich dank meiner Unabhängigkeit dieses Thema selbst in der SRG glaubwürdig angehen könne. Dies würde im wichtigsten Medium des Landes Transparenz schaffen, und davon würden alle profitieren. Nach einiger Bedenkzeit sagte Sandro Brotz mit der Begründung ab: "Nein, ich muss mich nicht rechtfertigen." Dies verblüffte mich. "Ausgerechnet du, der du Woche für Woche Leute einlädst, die sich bei dir vor laufender Kamera rechtfertigen müssen, bemühst eine solche Erklärung?", entgegnete ich. "Wenn sich alle so verhalten, hast du niemanden mehr in deinem Studio." Doch er blieb bei seiner Absage.
 
War ich zu Unrecht überrascht? Ist die Annahme falsch, dass sich toughe Journalisten tougher verhalten müssen als andere, wenn sie selbst einmal in die Schusslinie geraten? Haben sie durch ihren journalistischen Jagdtrieb das Recht verwirkt, sich in Extremsituationen wie viele andere wegzuducken? Handelt es sich um einen unappetitlichen Doppelstandard, oder sind es zwei völlig unterschiedliche Funktionen, zwischen denen Journalisten keinen Zusammenhang erkennen wollen? Fast scheint es so.
 
Tagi-Chefredaktor Res Strehle verweigerte hartnäckig jede Stellungnahme zu seiner politischen Vergangenheit. Roger Köppel lieferte keine Informationen über die Konditionen des Kaufs der Weltwoche. Und Ex-Blick-Chef Sacha Wigdorovits versuchte es mit brandschwarzen Lügen in der Geri-Müller-Geschichte. Die meisten Journalisten sind es eben nur gewohnt, auf die Pauke zu hauen, wenn sie einer heissen Story hinterherhecheln. Wenn aber ausnahmsweise ihre Arbeit öffentlich hinterfragt wird, reagieren sie oft panisch, weil sie in ihrem Selbstverständnis eine solche Rolle nicht internalisiert haben. Sie sehen sich als Kritiker und nicht als persönlich Kritisierte. Und deshalb sind sie in Extremsituationen oft genauso überfordert wie alle anderen und schrecken dann selbst vor fadenscheinigsten Begründungen nicht zurück, um sich auszuklinken. Ob bei ihnen nach einer solchen oft traumatischen Erfahrung ein Lernprozess einsetzt, dank dessen sie sich in die nächsten Opfer der eigenen Berichterstattung etwas empathischer einfühlen als bisher, ist wohl von Person zu Person verschieden. Zu wünschen wäre es. Damit man seine Tätigkeit zumindest vor sich selbst rechtfertigen kann.


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